2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 9 - Nichts und doch alles im kanadischen Wald

 

„Warum ist es hier nicht kalt? Ich dachte es sei hier immer saukalt und besonders jetzt im Herbst!“, sagte Daniel genervt.

Während ihres Fussmarsches hatten sich die beiden bis auf Unterhemd und Hose von ihren Kleidern befreien müssen. Verschwitzt gingen die Zwei die letzten Meter bis zu ihrem Ziel, in der brütenden Sonne.

Endlich lag der grosse See vor ihnen, aussergewöhnlich klares, hellblaues Wasser, an den Ufern umgeben von unberührten Wäldern auf kleinen Hügeln. Der Anblick hatte etwas Friedliches an sich und liess die beiden die Strapazen des Marsches beinahe gänzlich vergessen.

„Bist du sicher, dass Sarah hier ist?“, fragte Mila.

„Solltest nicht du mir das sagen können? Wegen deinen hellsichtigen Fähigkeiten sind wir schliesslich hier.“, antwortete Daniel.

Milas Gesichtsausdruck machte klar, dass sie dieses Thema nicht weiter besprechen wollte.

„Auf der Glasspeicherplatte, die sie mir hinterliess, stand, dass sie zu der Kommune an diesem See gehen würde.“, erklärte Daniel.

Er nahm sein Shirt und warf es um den Ast eines Baumes, um sich daran hochzuziehen.

„Was machst du denn da Dany?“, rief Mila verstört.

Dany hatte inzwischen den Ast erreicht, an dem er sich gerade hochgezogen hatte. Während er einen Weg, weiter durch die Äste nach oben suchte, sagte er: „Das hier ist eine Naturzone. Es ist jedem verboten, hier zu leben. Ich gehe davon aus, dass sie Sensoren aufgestellt haben, die sie vor Eindringlingen warnen. Auf dem Weg hierher haben wir bestimmt welche ausgelöst. Wahrscheinlich verstecken sich Wachen in den Bäumen, um uns zu beobachten. Dies ist schliesslich der naheliegendste Zugang zu dieser Kommune.“

Dany turnte noch einige Zeit auf dem Baum herum, doch da gab es nichts zu sehen. Entmutigt kletterte er wieder runter.

„Was machen wir den jetzt?“, fragte Mila verzweifelt.

„Dann ist sie eben nicht hier. Lass uns das Beste daraus machen!“, rief Dany, rannte los und sprang in den See, um sich etwas abzukühlen. Er schien Spass am Baden zu haben, sodass sich Mila dazu entschloss, ebenfalls in den See zu springen.

Einige Meter vom Ufer entfernt sagte Mila plötzlich: „Was ist das? Ich sollte hier doch nicht stehen können!“

Die beiden tauchten unter Wasser, um sich das Ganze etwas genauer anzusehen und tatsächlich befand sich unter ihren Füssen eine von Menschenhand erbaute Konstruktion.

Während Mila nach dem Auftauchen noch nach Luft schnappte, sagte Dany: „Die Kommune ist doch hier! Sie verstecken sich nur sehr gut vor uns! Das ist ein Floss oder etwas, dass sich versenken lässt, damit es unentdeckt bleibt! Wir müssen zurück an Land!“

Mila erreichte das Ufer als Erste, ging durch die Bäume und schrie in einer Endlosschleife laut heraus: „Mein Name ist Mila Pelican, ich bin mit meinem Bruder Daniel hier und wir suchen unsere Mutter Sarah Pelican, die hier mit euch lebt. Wir wollen euch nichts tun. Niemand weiss wo wir sind, wir wollen nur unsere Mutter besuchen. Bitte zeigt euch!“

Ihr Rufen zeigte Wirkung, denn plötzlich kletterte eine Frau an einem Baum hinunter und begrüsste die beiden. Nachdem sie sich von ihrer Geschichte überzeugt hatte, gab sie ein Zeichen und die Tarnung fiel.

Schirme mit dichten Ästen, die von unten betrachtet, das Bild eines normalen Baumes zeigten, wurden zusammengefahren und die beiden erkannten ein Baumhaus nach dem andern in den Bäumen. Ein Weiler mit fünf Baumhäusern, die durch Seilbrücken miteinander verbunden waren, zeigte sich ihnen. Das Konstrukt unter Wasser tauchte auf und offenbarte sich dabei als kleines Wasserdorf. Dächer der Haus-Flösse und Stege, die sie miteinander verbanden tauchten auf und jedes erkennbare Haus-Floss behielt einen Pool mit Wasser auf dem Dach. Dadurch blieben die Flösse für Satelliten unsichtbar. Allmählich fielen Hängeleitern von den Bäumen und die Leute kletterten daran herunter, um die wieder aufgetauchten Haus-Flösse zu betreten.

„Kommt mit hoch, dort kann ich nachschauen wo Sarah wohnt.“, schlug die Frau vor und die beiden folgten ihr.

Über die Hängeleiter gelangten sie zum Baumhaus - einem von drei Wachtürmen, wie die Frau erklärte. Von oben sahen sie den zweiten Wachturm, auf der anderen Seite des Weges, der zum See führte. Einige Leute beschäftigten sich damit, die Hängebrücke zwischen den beiden Wachtürmen wieder aufzuziehen. Weiter am See entlang befand sich der dritte Wachturm, der gleichzeitig als Waffenlager diente – ebenfalls mit ihrem Baumhaus durch eine Hängebrücke aus Holzbrettern verbunden. Die Drei warteten, bis Fässer gefüllt mit Waffen ins Waffenlager zurückgebracht wurden. Armbrüste, Pfeile und Bögen hatten sie bereitgestellt, um sich gegen die Eindringlinge zu verteidigen. Da die Gefahr nun gebannt war, konnten sie den Waffenbestand wieder auf den normalen Stand reduzieren.

Ein weggeräumtes Fass mit Pfeilen legte den Blick auf eine Wand der Baumhütte frei und ein Konstrukt aus Fäden kam zum Vorschein. Wie die Frau ihnen erklärte, handelte es sich dabei um die zentrale Stelle, bei der alle Fäden, die ihr Gebiet umspannten, zusammenliefen. Wenn jemand in das Gebiet eindrang, durchbrach er einen der spinnfadendünnen Sensoren, wodurch der entsprechende Faden den Wachturm alarmierte. Beim zweiten Blick erkannten sie eine Art Landkarte, darauf den Weg, den die beiden zum See führte, da sie an den entsprechenden Stellen die Fäden durchbrachen.

Über den Baumhaus-Balkon, führte die Frau die beiden über eine Hängebrücke zu einem weiteren Baumhaus, der Verwaltung. Von der Brücke aus konnten sie noch ein Haus erkennen, welches als Vorratskammer der Wachtürme, sowie als Unterkunft für Neuankömmlinge diente.

„Eigentlich müsstet ihr zunächst auch dort leben. Bevor wir jemanden ins Dorf lassen, prüfen wir dort seine Eignung für das Leben hier und seine Loyalität. Doch ihr seid ja nur Besucher und habt offensichtlich niemandem den Aufenthaltsort eurer Mutter verraten und dies schon ziemlich lange nicht. Daher können wir für euch wohl eine Ausnahme machen.“, meinte die Dame.

Auf der Karte an der Wand des Verwaltungshauses, sahen sie einen Ausläufer des Sees, den sie bisher nicht bemerkt hatten. Das Dorf verbarg sich geschützt am Ende dieses Ausläufers, der sich von der Strasse aus nicht erkennen liess. Auf der Karte fand die Frau sehr bald Sarahs Hütte am Rande des Dorfs und zeigte ihnen den Weg dort hin.

Wie angewiesen, schwammen Mila und Dany die wenigen Meter zu einem Floss und gingen an Bord. Frank, der Kapitän des Flosses, sagte gleich als Erstes: „Ihr müsst Sarahs Kinder sein, ihr seht ihr so ähnlich! Hab ich Recht?“

Die beiden bestätigten seine Vermutung, worauf er sie herzlich willkommen hiess und auf dem ungewöhnlich grossen Floss herumführte. Seine gezopften Haare hatten sich längst verfilzt und ein selbst gemachtes Haarband hielt sie ihm aus dem Gesicht. Frank war gut fünfzig und trug braun-gräuliche Kleider, die selbst gemacht wirkten.

„Was macht ihr eigentlich hier auf diesem Wasserdorf?“, fragte Daniel.

„Vieles! Ich kann euch gerne noch etwas herumführen, wenn ihr wollt.“, sagte Frank.

„Na dann los!“, meinte Daniel.

Auf ihrer Tour bestätigte sich ihre Vermutung, denn unter anderem stellten die Bewohner auf den Flössen wirklich Textilien her. Teils aus den Fasern des Treibholzes vom See, aber auch aus Baumwolle, die sie von der wachstumsbeschleunigenden Seeplantage ernteten. An Bord eines weiteren Flosses befand sich eine Spinnerei und eine Weberei, betrieben durch ein eigenartig geschwungenes Wasserleitungssystem. Das Wasser vom Tank auf dem Dach – das ebenfalls als Satellitentarnung diente – wurde in unglaublich schnellem Tempo nach unten geleitet und trieb so die Maschinen an.

„Wir können ja kein Feuer machen, denn schliesslich soll niemand wissen, dass wir hier leben. Darum mussten wir uns etwas einfallen lassen.“, bemerkte Frank dazu.

Es gab sogar eine Seidenproduktion, die auch die Fäden für das Sicherheitssystem herstellte.

Über einen Steg gelangten sie auf der Tour weiter zur Papierproduktion, die sich auf einem weiteren Floss befand. „Viele in unserer Gemeinschaft malen sehr gerne. Daher stellen wir auch Papier und Leinwände her.“, sagte Frank.

Mila und Dany schauten sich erstaunt um. Vieles war noch nass vom Tauchgang des Flosses, verursacht durch ihr Eindringen, dennoch lief die Produktion schon wieder auf Hochtouren. Dany musste innerlich zugeben, dass es ihn überraschte und sehr beeindruckte, wozu diese Menschen mit einfachen Mitteln im Stande waren. Je mehr er über die zahlreichen anderen Möglichkeiten erfuhr, wie Menschen auf diesem Planeten lebten, desto mehr kam er etwas ins Wanken. Hatte er sich wirklich für das Leben in der richtigen Welt entschieden? Trotzdem hätte er dies nie zugegeben, besonders nicht vor Mila, die nur darauf wartete, dass er ein Anzeichen von Zweifel äusserte, um ihn danach für ihre Gemeinschaft zu bekehren. Ein Blick zu Mila zeigte ihm, dass auch sie von dieser Kommune beeindruckt war. Wahrscheinlich weil sie wie Milas Gemeinschaft, sehr unabhängig von seiner Welt lebten, im Gegensatz zu denen jedoch etwas herstellten.

„Stellt ihr hier alles für den Eigenbedarf her?“, fragte Dany um Mila etwas zu ärgern.

„Wenn jemandem danach ist zu arbeiten, kann er sich einschreiben und meist relativ bald anfangen. Es wird niemand gezwungen, denn es hat hier genug Leute, die arbeiten wollen. Wir respektieren das, und wir respektieren auch diejenigen, die nicht arbeiten wollen. Hier macht jeder was ihm förderlich erscheint. Daher arbeiten wir hier auch gerne für andere, denn wir arbeiten schliesslich, weil wir es für uns selber wollen. Natürlich ist es jedem selber überlassen, wie lange und an welchen Tagen er arbeiten will. Daher stellen wir manchmal mehr her und manchmal weniger. Wenn es Überschüsse gibt, ja, dann liefern wir die manchmal in die Stadt um etwas Geld zu machen. Hin und wieder müssen wir eben auch mal was aus der Stadt kaufen oder jemanden bestechen um unentdeckt zu bleiben, da schadet ein wenig Geld nicht. Zuviel dürfen wir nicht verkaufen, da die Firmen, die Realfood, Papier und Dekorsteine anbieten sonst bemerken, dass noch jemand ihre Produkte verkauft. Dann würde die Jagd auf uns eröffnet werden.“, antwortete Frank und ging weiter zur Fischerei.

„Ich glaube, dass es Sarah hier gefällt. Sie mochte es schon immer, wenn jemand anderes für sie arbeitete.“, meinte Dany giftig zu Mila, die darauf nur kurz lächelte.

Als sie auch noch das Teilfloss besichtigt hatten, das Steine vom Grund des Sees hob, die anschliessend zu Dekorsteinen und Baumaterialien weiterverarbeitet wurden, hatten sie alles auf dem Wasserdorf gesehen. Frank meinte: „An Land wird zudem gejagt, Beeren werden gesammelt und Häuser werden gebaut. Und jeder macht natürlich noch das, was ihm Spass macht.“

„Wann gehen wir denn nun ins Dorf?“, fragte Dany.

„Wir wollen noch etwa eine Stunde arbeiten, dann gehen wir gemeinsam mit allen Flössen zurück ans Festland. Wartet doch in den Erholungsräumen, bis wir soweit sind. Das sind die letzten warmen Tage der Saison, daher müssen wir noch möglichst viel schaffen, um unsere Vorräte aufzustocken.“, sagte Frank und verschwand.

„Sie wollen wohl noch das ganze Sky von den Seeplantagen ernten, bevor es kalt wird.“, meinte Dany, um für sich, diese Welt im Gegensatz zu seiner Welt wieder etwas abzuwerten.

 

Vorbei am Marktplatz, der das Zentrum des Festland-Dorfs bildete, wo alle Erzeugnisse getauscht oder Verbrauchsgüter einfach bezogen wurden, gingen sie weiter, dem Fluss entlang, Dorf auswärts. Gab es im Zentrum noch einige Baumhäuser zu sehen, wurden es je länger je weniger. Ausserhalb gab es nur noch kleine Holzhütten. Bald fanden sie die rote Türe, die man ihnen beschrieben hatte. Die beiden gingen darauf zu und klopften. Niemand antwortete. Sie zögerten etwas, schliesslich hatten sie Sarah schon lange nicht mehr gesehen. Dany bemerkte eine goldene Brosche an der Tür. Typisch, dachte er sich - trotz allem, den eigenen Besitz jedem unter die Nase reiben. Er erinnerte sich, wie Sarah die Brosche nach dem Tod ihrer Tante stahl, da diese sie nicht im Testament berücksichtigt hatte. Mila riss ihn aus seiner Erinnerung und öffnete – für ihn völlig unerwartet – die Tür. Sie trat ein und Dany folgte ihr zögerlich. Schnell bemerkten sie, dass niemand in der kleinen Hütte war. Nachdem sich die lähmende Nervosität verzog, begann Dany alles genau zu betrachten. Es gab zwei Fenster und eine fensterlose Wand, die mit blutroter Seide bespannt war, genau wie die Eingangstür. Ein Bett, ein Fass das als Badewanne diente, einen Tisch und eine Kochnische mit Rauchabzug. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er einen Sack mit Überresten von Sky und wenige Körner eines weissen Pulvers. Das Pulver musste aus der Anlage, die auf der Kochplatte stand, gewonnen worden sein. Er sah nur noch die Überreste des Pulvers, der Rest musste inzwischen verbraucht worden sein.

„Was ist das denn wieder für eine Droge?“, fragte Dany ernüchtert.

„Ich kenne sie auch nicht, doch das sieht nicht sehr gut aus.“, meinte Mila.

 

Ein Schrei unterbrach die herrschende Ruhe und ihren Rundgang für einen Moment. Da sie die Gepflogenheiten der Kommune nicht kannten, reagierten sie nicht weiter darauf. Mit der Zeit wurde es immer lauter, als befänden sich viele Menschen draussen, da beschlossen die beiden, sich anzuschauen was da draussen los war. Über eine Brücke gelangten sie zur anderen Seite des Flusses, von wo aus sie bereits eine Menschenansammlung am Ufer sehen konnten. Sie gingen darauf zu und bemerkten aus der Nähe einen Steg. Drei Männer auf dem Steg zogen ein herumtreibendes, silbernes Boot an Land.

 

Bei der Menschenmenge angekommen, wechselte sein Blick von einem Gesicht zum anderen und von einem Objekt zum anderen, ohne es wirklich anzusehen. Plötzlich glaubte er, ein bekanntes Gesicht zu sehen, doch bevor er es überhaupt realisieren konnte, drängte Mila ihn zum Steg. Er folgte ihr, denn er erschrak vor dem Gesicht, das er gerade gesehen hatte. War sie es wirklich gewesen? Niemals hätte er Allegra an diesem Ort erwartet, er hätte ihr nie zugetraut, eine Verbindung zu dieser Art von Leuten haben zu können. Trotz seiner Zweifel wusste er, dass sie es gewesen sein musste. Er erkannte Menschen in der Öffentlichkeit für gewöhnlich eher selten. Sein Blick war oftmals abgelenkt, oder er beschäftigte sich primär mit seinen Gedanken. Allegra hatte er hingegen jedes Mal erkannt, egal aus welcher Entfernung und egal wie viele Menschen sonst noch um sie herum standen. Sie war es gewesen. Hatte sie ihn wohl auch gesehen? Selbst wenn, lag es im Bereich des Möglichen, dass sie ihn gar nicht erkannt hatte. Er hatte nun realisiert was geschehen war, und konnte endlich reagieren. Er blickte zurück, doch sie war nicht mehr da, verschluckt in der wachsenden Menschenmenge am Ufer. Als wäre sie vor ihm geflohen – oder eben einfach weggegangen. Er wollte da nichts hinein interpretieren, schliesslich wusste er nicht mal, ob sie sich noch an ihn erinnern konnte.

 

Mila brach schreiend vor ihm zu Boden und weinte. Sarah lag tot in dem kleinen Boot, dass die Männer an Land gezogen hatten. Ein kleiner Leberfleck oberhalb ihres rechten Mundwinkels identifizierte die Leiche eindeutig als ihre Mutter. Sie sah grausam aus, abgemagert, mit löchrigen Kleidern die sie halb bedeckten. Ihr lebloser Körper war fast weiss, zumindest dort wo er nicht schmutzig, blutverschmiert oder mit Blutergüssen, die von Nadeleinstichen stammten, übersät war. Ihre zerzausten Fadenhaare bedeckten Teile ihres Gesichts, das halb in ihrer Blutlache lag. Sie musste das Gleichgewicht oder ihr Bewusstsein verloren haben und anschliessend mit dem Kopf auf der Sitzbank aufgeschlagen sein, auf der ihr Kopf nun lag.

Daniel kniete zu Mila nieder, umarmte sie und drehte ihren Kopf weg, sodass sie die Leiche nicht mehr sehen konnte. Ein Mann bestätigte Sarahs Tod.

Daniel half Mila auf und stützte sie während des gesamten Rückwegs zu Sarahs Hütte. Keiner sprach ein Wort. Sie legten sich auf das Bett und liessen die gefühlte Million Gedanken auf sich niederprasseln, bis sie schliesslich einschliefen.

Ein Klopfen an der Tür weckte sie. Dany schaute nach und fand Frank vor der Tür. Sie mussten Stunden geschlafen haben, denn als sie das Sushi sahen, dass Frank ihnen mitbrachte, bemerkten sie erst, wie hungrig sie waren. Auf der Terrasse der Hütte assen sie gemeinsam.

„Was ist mit Sarah passiert?“, fragte Mila.

„Nun, Sarah rauchte schon immer Sky. Doch dann ist sie mit Dreambuilder in Kontakt gekommen, einem neuen Rauschmittel. Das hat sie sehr schnell fasziniert, doch wie so oft, hat sie schnell ihr Interesse daran wieder verloren. Zu diesem Zeitpunkt war sie aber bereits auf einer Tagesdosis, die sich nicht so einfach absetzen lässt. Ihre Launen wurden immer schlimmer und sie verdarb es sich mit all ihren Freunden. Zuvor hatte sie bei ihnen immer wieder kleine Mengen Dreambuilder bekommen. Was niemand wusste war, dass sie täglich bei allen kleine Mengen einholte und ihre Tagesdosis damit noch weiter steigerte. Schliesslich begann sie, Rohstoffe auf den Seeplantagen zu stehlen. Wie es aussieht, hat sie unreife Pflanzen genommen und davon heute auch noch eine Überdosis. Sie verlor durch die Droge ihr Bewusstsein, was man an ihren blauen Fingernägeln sehen kann, und ab diesem Zeitpunkt gibt es kein zurück mehr. Der Puls wird immer langsamer, bis er schliesslich stehen bleibt.“, sagte Frank traurig.

„Das ist nur passiert, weil wir pleite sind. Wir mussten diese Schrottkarre von Urgrossmutter nehmen und die hat auf halber Strecke den Geist aufgegeben. Hätten wir ein vernünftiges Auto gehabt, wären wir rechtzeitig angekommen. Siehst du Mila, deine Prophezeiung, die du dank deiner Welt hattest, war gänzlich nutzlos. Das Einzige was geholfen hätte, wäre ein besseres Auto gewesen.“, sagte Dany.

„Sarah hat ihr Bewusstsein vermutlich schon vor 24 Stunden verloren, so wie sie aussah. Es hätte nichts gebracht, wenn ihr ein paar Stunden früher da gewesen wärt. Mach dir keine Vorwürfe.“, sagte Frank, der ihn damit zu beruhigen versuchte.

Für einmal wollte Mila ihren kleinen Bruder schützen. Schliesslich wusste sie, was Dany zu diesem Zeitpunkt zum Glück vergessen hatte, nämlich dass er es war, der ihre Abreise um fast einen Tag verzögert hatte. Also sagte sie: „Sarah trägt alleine die Verantwortung für sich selbst. Das konnte sie noch nie, weder für sich noch für uns, das hat sie jetzt davon. So etwas musste früher oder später passieren. Darum ist sie für uns ja auch schon lange gestorben.“

 

Mila wusste genau, dass dies der Moment gewesen wäre, Daniel auf den richtigen Weg zu leiten. Sarah wäre nicht verstorben, hätte er ihr und den Erzeugnissen ihrer Spiritualität schneller geglaubt. Sie wusste jetzt mehr denn je, dass es richtig war, diesen Zeichnen nachzugehen, sowohl für sich und ihr eigenes Leben, als auch für Daniel. Trotzdem konnte sie diesen Wendepunkt nicht nutzen. Sie durfte es nicht zulassen, Daniel realisieren zu lassen, dass es seine falsche Entscheidung war, ihre Reise hinauszuzögern. Er, der immer danach strebte, sich richtig zu verhalten und die richtigen Entscheidungen zu treffen, hatte schliesslich auch am Tag ihrer Abreise die richtige Entscheidung treffen wollen, indem er sich dazu entschied, seinem Job nachzugehen, die Schulden abzuzahlen und seinen Weg in ein besseres Leben weiter zu verfolgen, anstatt eine unvernünftige Reise anzutreten. Würde sie ihn jetzt wissen lassen, dass er Schuld am Tod von Sarah hatte, weil er sich der Arbeit zu sehr verpflichtet fühlte und ihrer Intuition misstraute - Mila wusste nicht ob Daniel diesen Schock verkraftet hätte. Nur ein Bestreben setzte Mila über die Bekehrung von Daniel, ihn nämlich weiterhin am Leben zu wissen. Also sah sie nur eine Möglichkeit, ihrem Bruder zu helfen, obschon diese Möglichkeit ihrem Innersten widerstrebte. Sie musste zulassen, dass er seiner miserablen finanziellen Situation, die Schuld am Tod von Sarah gab. Sie musste ihn bestärken, seinen eingeschlagenen materiellen Weg weiter zu gehen, obwohl diese Welt ihrer Meinung nach Schuld an Daniels falscher Entscheidung und seinem Zögern hatte. Nur die materielle Welt bot ihm jetzt ironischerweise die Möglichkeit, das Geschehene zu überleben und dies geleitet von Mila, die ihn eigentlich von dieser Welt befreien wollte. Obschon sie nachvollziehbar handelte, sollte diese Entscheidung auch den grössten Fehler ihres und vieler anderer Leben darstellen.

 

Daniel musste sich abreagieren. Da kein Laufband zur Verfügung stand, konnte er auch sein m-pate nicht für das ganze Training nutzen und sah sich deshalb dazu gezwungen, mit der Natur vorlieb zu nehmen. Während er durch den Wald joggte, kam ihm ein Gedanke, der ihn nicht mehr losliess: Wie konnte er zurückkommen um rechtzeitig am Montag bei der Arbeit zu sein? Der Gedanke brachte ihn dazu, ziemlich bald zur Hütte zurückzukehren und Frank diese Frage zu stellen.

„Wir besitzen einen Lieferwagen, mit dem wir den Überschuss in die Stadt fahren um ihn zu verkaufen. Ihr könntet mitfahren, wenn wir das nächste Mal fahren.“, sagte Frank.

„Und wie komme ich von dort nach St.Winterzürich?“, fragte Daniel verzweifelt.

„Na die Zeppeline fahren doch noch immer. Du kannst ein Ticket kaufen und damit nach Hause reisen.“, sagte Frank.

„Fantastisch, soweit bin ich auch schon gekommen. Doch wie soll ich das Ticket bezahlen?“, fragte Daniel mehr rhetorisch, während er hoffnungslos einige Schritte von der Terrasse ging.

„Dann schiebst du halt mal eine Kreditrate hinaus, auf einen Monat früher oder später kommt es auch nicht an.“, sagte Mila.

„Du verstehst es nicht. Als ich dir sagte, dass ich es mir nicht leisten kann, hierher zu kommen, meinte ich nicht, dass ich dafür meine heiss geliebten Ersparnisse anbrauchen muss. Es heisst, dass ich eben erst zwei Monatsraten auf einmal bezahlt habe und nun gar kein Geld mehr habe. Zumindest nicht soviel, um damit ein Ticket kaufen zu können. Seit dem Entwicklungsaufschlag für Weltallreisen ist es eine teure Angelegenheit geworden, auf der Erde zu fliegen - sogar mit den Zeppelinen. Es ist nicht genug Geld dafür auf dem Konto, darum ist es keine Frage des Wollens. Hätte bloss Urgrossmamas Mercedes durchgehalten!“, schrie Daniel.

„Die werden dich schon nicht gleich rauswerfen, wenn du am Montag noch nicht bei der Arbeit erscheinst.“, sagte Mila.

„Genau, es gibt ja auch ein derart grosses Unterangebot an Arbeitskräften.“, sagte Daniel genervt.

„Na dann besorg dir doch einen Vorschuss. Oder frag Henry oder sonst jemanden.“, schlug Mila vor.

„Wenn ich sage, ich habe kein Geld, dann meine ich das verdammt noch mal auch so. Ich habe schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Verstehst du das denn nicht?“, schrie Daniel wütend. Beinahe rutschte ihm heraus, dass schliesslich Mila mit ihrem Besuch sein Budget noch ganz gesprengt hatte. Er wollte nicht, dass sie sich deswegen schlecht fühlte, also verzichtete er darauf. Ausserdem hätte er nicht mit teurem Realfood angeben müssen um ihr einen Lebensstil unter die Nase zu reiben, der zwar die Vorzüge seiner Welt aufzeigte, er sich jedoch gar nicht leisten konnte.

„Wir haben auch erst unsere Schweigegelder bezahlt, darum verfügt die Kommune im Moment über kein Geld. Doch vielleicht gibt es eine Lösung. Ebay!“, sagte Frank.

„Ebay?“, fragte Mila, da Daniel zu wütend war, um überhaupt etwas zu sagen.

„Ja, ihr könnt etwas von Sarahs Erbe versteigern und mit dem Gewinn ein Ticket kaufen.“, erklärte Frank.

 

Daniel ging weg, um sich abzuregen. Mit niedrigen Erwartungen prüfte er die Ebay-Seite und stellte erstaunt fest, dass es eine ortsgebundene Ausgabe nur für die Kommune gab, unsichtbar für die restlichen User. Das hätte er nicht erwartet, befanden sie sich schliesslich illegal an diesem Ort. Profitabler Handel hat sich schon immer über jegliche Grenzen hinweggesetzt, dachte er sich und prüfte das Angebot.

Zurück in der Hütte sagte Dany zu Mila: „Die Seidentapeten sind etwas Wert. Und natürlich das Diebesgut.“

Mila lächelte und sagte: „Na dann lass uns das Zeug verkaufen.“

Während das m-pate die Tapete vermass sagte Dany: „Dreambuilder ist kein Verbrauchsgut nach der Auffassung dieser Kommune, also brauchte Sarah Geld dafür. Warum hat sie wohl statt der Drogen diese teueren Gewebe aus Seide gekauft?“

„Ich vermute, dass sie dafür nicht bezahlt hat. Bestimmt hat sie diese von Frank bekommen.“, sagte Mila.

„Meinst du? Sarah und Frank?“, sagte Dany, den Mila mit ihrer Aussage wieder sich selber werden liess.

 

„Wenn ich die Tapeten als Kleiderseide verkaufe, könnte der Gewinn reichen, um ein Ticket zu kaufen. Aber nur Eines.“, sagte Dany.

„Mach dir um mich keine Sorgen, ich kann mich um mich selbst kümmern. Ich komme wahrscheinlich mit dir in die Stadt und von dort aus sehe ich weiter. Zur Not kann ich immer noch meinen Körper verkaufen.“, sagte Mila amüsiert.

„Was? Ganz bestimmt nicht!“, sagte Dany empört.

„Wieso regst du dich so auf? Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem und deiner Vorstellung des perfekten Lebens.“, sagte Mila.

„Na so stell ich mir mein perfektes Leben bestimmt nicht vor.“, sagte Dany.

„Willst du deiner Ehefrau denn niemals etwas schenken? Ob ich nun auf diese Weise etwas Materielles geschenkt bekomme, oder mir mit dem erarbeiteten Geld selber etwas Materielles kaufe – die gleiche Handlung beschert mir eine eurer Erstrebenswertigkeiten.“, sagte Mila provozierend.

„Um Himmelswillen das ist ganz und gar nicht das Gleiche.“, sagte der entsetzte Daniel als Mila ihn unterbrach: „Genau, entweder kaufe ich, oder lasse mich beschenken. Ein riesen Unterschied.“

Mila liess die Konversation bald mal enden, wollte sie schliesslich nicht schon jetzt ihre Bemühungen selber untergraben, Daniel – gezwungenermassen - in die materielle Welt zu leiten.

 

Die Auktion endete und Dany freute sich, mit dem Erlös knapp ein Ticket für den Zeppelin kaufen zu können.

Auf dem Marktplatz, wo er das Mittagessen für sich und seine Schwester besorgte, traf er auf Frank und berichtete ihm vom Ausgang der Auktion. Nebenbei erkundigte er sich über die nächste Reise in die Stadt.

„So wie das Lager heute Morgen ausgesehen hat, schätze ich, in etwa drei Wochen.“, sagte Frank.

„Was?! Ich muss am Montag zurück sein, ich kann nicht so lange warten!“, sprach Daniel.

„Am Montag schon? Na da sehe ich keine Chance. Auch wenn du zu Fuss in die Stadt gehst, das ist mindestens ein Zweitagemarsch.“, sagte Frank.

Auf dem Rückweg schrieb Dany eine Nachricht an die Käuferin und vereinbarte die sofortige Übergabe der Güter. Wenn er sofort losgehen würde, hatte er eine Chance, wenn auch leicht verspätet, zur Arbeit zu kommen.

Zum Glück stand die Käuferin bereits vor der Hütte, als er dort ankam. Er riss noch schnell die Tapeten von der Wand und der Türe und war im Begriff, sie ihr zu übergeben als die Käuferin Zentia sagte: „Das ist keine Kleiderseide! Das sind Tapeten. Du hast dir ja nicht mal die Mühe gemacht, das zu verschleiern. Damit ist unser Vertrag nichtig. Ich werde nicht soviel für gebrauchte Tapeten ausgeben.“

„Das kann doch alles nicht wahr sein.“, sagte Dany und erklärte Zentia darauf hin seine Situation.

„Ich verstehe. Leider kann ich das nicht entscheiden, denn ich hole die Stoffe nur im Namen meiner Chefin ab. Ich schlage vor, dass ich die Brosche jetzt bezahle und hier lasse. Dafür nehme ich die unbezahlten Stoffe mit um sie meiner Chefin zu zeigen. Die Brosche ist wertvoller, daher denke ich, dass dies eine faire Lösung ist. Ich komme dann morgen vorbei um die Stoffe zu bezahlen, sollten wir sie verwenden können.“, sagte Zentia.

„Ich kann nicht bis morgen warten, ich muss so schnell wie möglich los! Bitte sag das deiner Chefin.“, sagte Daniel.

„Ich werde sehen, was sich machen lässt.“, sagte Zentia und bezahlte die Brosche.

 

Ungeduldig ass Daniel mit Mila auf der Terrasse der Hütte zu Mittag. Er machte sich grosse Sorgen um seine Existenz. Sollte er den Job verlieren, stand es in den Sternen, ob er je einen Neuen bekommen würde. Die Jobsituation hatte sich seit seinem ersten Tag bei der Stadtverwaltung schliesslich sehr verändert. Ohne diesen Job sah er keine Chance für seine Zukunft und er hätte noch nicht einmal die einfache Version seines Lebens fortführen können. Am Ende müsste er doch in den Simulator, was er auf keinen Fall wollte. Er verzweifelte fast am Gedanken, alles verlieren zu können.

„Du kannst eh nichts machen, also schlaf doch ein wenig, dann bist du fit für die Wanderung.“, meinte Mila.

Ihr Vorschlag schien wirklich das einzig Sinnvolle zu sein, was er in seiner Lage tun konnte, daher legte sich Dany in die Hängematte auf der Terrasse und schlief bald ein. Er träumte erneut von Allegra, diesmal fühlte es sich sehr real an und er erinnerte sich sogar daran, dass er ihr Bild unter Henrys Freunden auf headQnetz entdeckt hatte. Er träumte wie Allegra ihm als Mädchen im Sandkasten einen Sandkuchen anbot - dann hörte er seinen eigenen Namen. Mila weckte ihn. Beschwerlich öffnete er seine Augen und sah neben Mila ein weiteres Gesicht bei seiner Hängematte stehen.

Ihr Anblick versetzte Daniel einen Schrecken, sofort war er hellwach und sein Herz schlug viel schneller. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, stets die Kontrolle über sich und seinen Gemütszustand zu haben - nichts konnte ihn aus der Fassung bringen. Doch sie tat es, jetzt wie damals.

„Allegra!“, murmelte er etwas unverständlich mit nervöser Stimme und fügte etwas sicherer an: „Was machst du denn hier?“

Er hatte recht gehabt, er hatte Allegra am Vortag am Ufer erkannt, als sie Sarah bargen. Durch seinen letzten Traum war er sich ziemlich sicher, dass er sie vor ihrem ersten Zusammentreffen als Teenager, schon einmal als Kind getroffen hatte.

Sie schien Daniel nicht auf Anhieb zuordnen zu können. Vielleicht hätte er besser verbergen sollen, dass sie ihm nach all der Zeit noch immer so präsent war. Vielleicht liess es ihn etwas jämmerlich aussehen – doch schliesslich wusste sie ja nicht, dass er ein äusserst schlechtes Namensgedächtnis besass, sich an ihren Namen jedoch problemlos erinnern konnte.

Ihre blosse Anwesenheit versetzte ihn in Unsicherheit, was ihm in der heutigen Zeit praktisch nie mehr passierte. Als sei es nie verschwunden, brachte ihre Präsenz ihn sofort wieder dazu, jedes noch so kleine Detail des Zusammentreffens durchzudenken, jede Geste interpretieren zu wollen, einfach nur noch sie in seinen Gedanken zu haben.

Allegra war noch immer die schönste Frau, die Daniel in der Realität je gesehen hatte. Schon früher erinnerte sie ihn an die schönste Schauspielerin, die er kannte. Hätte er es nicht besser gewusst, er hätte Allegra für ihre Tochter gehalten.

Sie sah zierlich aus, hatte dunkle, glatte Haare und bernsteinfarbene Augen, die sie hinter einer dunklen Designersonnenbrille verbarg. Offenbar hatte sie die Seidentapete nutzen können, denn sie trug ein kurzes, rotes Seidenkleid. Er entdeckte ein schwebendes iD’ über ihrer linken Hand, dem ihre primäre Aufmerksamkeit galt. Sie stellte ihren Rollkoffer ab und sagte: „Meine Assistentin Zentia hat mir von deiner Geschichte erzählt, da wollte ich sofort herkommen. Ich habe deine Erbstücke ersteigert. Wie du siehst konnten wir die Seide verwenden und selbstverständlich werde ich den vereinbarten Preis dafür bezahlen. Ich hoffe das Geld reicht für die Reise? Sonst kann ich dir gerne noch etwas mehr bezahlen.“

Dany stand auf und hielt ihr die Hand zur Begrüssung hin. Endlich setzte sie die Sonnenbrille ab, wodurch ihre bezaubernden und entwaffnenden Augen zum Vorschein kamen. In ihrer linken Hand hielt sie die Sonnenbrille, mit der Rechten schüttelte sie Danys Hand. Jetzt genoss er ihre volle Aufmerksamkeit. Für einen Moment standen sie nur so da und schauten sich in die Augen.

Als käme sie erst wieder in der Szene an sagte Allegra: „Wie unhöflich von mir, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich heisse“ – „Allegra. Ich weiss. Mein Name ist Daniel.“, sagte er, diesmal wesentlich deutlicher, obschon er sich fragte, ob er seine zweite Chance wirklich richtig genutzt hatte – doch sein Mund redete einfach.

„Freut mich.“, sagte Allegra, etwas überfordert mit dem was gerade geschah.

„Ein wunderschönes Kleid. Ich bringe sofort deine Brosche dazu.“, sagte Dany und verschwand einen Moment in der Hütte. Er hatte sich eben doch weiterentwickelt, Allegra brachte ihn nicht mehr so schnell aus der Ruhe, ganz im Gegenteil, er hatte eher den Eindruck, sie sei für einmal durch das Zusammentreffen etwas aus dem Konzept gebracht worden. Oder bildete er sich das Ganze nur ein?

Etwas verdutzt spielte sie mit dem Mund am Bügel ihrer Sonnenbrille herum, als Dany wieder auf der Terrasse erschien.

„Darf ich die Brosche gleich festmachen?“, fragte Dany.

Mit leichter Verzögerung sagte Allegra: „Gern.“

Sie schob ihre Haare über die rechte Schulter nach vorne und wandte ihm den fast freien Rücken zu. Mit leicht zittrigen Fingern entfernte Dany die Sicherheitsnadel, die das gesamte, äusserst kompliziert gebundene Kleid zusammenhielt. Seine blasse Erinnerung an ihren Duft kehrte sofort zurück, als er bemerkte wie gut sie roch. Vorsichtig befestigte er die Brosche an der gleichen Stelle, was eine äusserst heikle Angelegenheit darstellte, im Falle, dass er den Stoff auch nur für einen Moment los liess. Doch er schaffte es.

„Schön.“, sagte er andächtig.

Allegra schüttelte ihre Haare und wandte sich wieder Dany zu.

„Wozu brauchst du ein neues Kleid?“, fragte Dany, dem nichts Besseres einfiel. Er konnte mit jedem über alles sprechen, doch mit Allegra war ihm die Zeit schon immer zu wertvoll gewesen, um sie mit Worten zu verderben. Dennoch hatte er eben eine dämliche Frage gestellt und schon brachte sie ihn trotz allem wieder aus der Ruhe. Allegra schaute ihn nur freundlich an und sagte nichts, sodass er sich dazu gezwungen sah, noch etwas nachzureichen: „Ich meine, das neue Kleid, dein Reisekoffer, bedeutete das, dass du diesen Ort verlässt?“

„Ich brauchte das Kleid eigentlich, weil ich nichts anzuziehen hatte um in die Stadt zu gehen. Mir ist gerade entfallen, was ich in der Stadt eigentlich wollte. Der Ort hier gefällt mir immer mehr. Willst du wirklich weg von hier?“, fragte Allegra.

Noch vor seinem Schläfchen zermürbten ihn seine Existenzängste. Es gab wichtige Dinge zu tun und vieles das ihm Sorgen bereitete. Doch Allegra liess ihn alles vergessen, nur sie war noch wichtig.

„Nein.“, sagte er und fügte daraufhin wohlüberlegter an: „Die Dämmerung hat schon eingesetzt.“

Plötzlich griff Mila in das abstruse und unbeholfen wirkende Gespräch ein und fragte: „Allegra, willst du nicht hier mit uns Abendessen?“

Dany hatte sie gar nicht mehr zur Kenntnis genommen, obschon sie die ganze Zeit daneben stand. Doch er war ihr mehr als dankbar für die Frage, insbesondere als Allegra die Einladung annahm. Sie würde bei ihm bleiben, zumindest bis zum Ende des Essens, ein zugesicherter Zeitraum.

Beim Essen sagte Mila: „Wenn man schon zu dieser Jahreszeit in Kanada ist, sollte man doch auch die kälteren Tage miterlebt haben. Findet ihr nicht? Die Stadt läuft uns ja nicht davon.“

„Absolut, wenn Kanada schon berühmt dafür ist.“, meinte Dany.

„Jetzt haben wir sowieso keine Wahl mehr. Es ist zu spät um heute noch los zu gehen. Das Wetter wird in den nächsten Tagen umschlagen, dann ist es eh zu gefährlich um in die Stadt zu wandern. Wir sitzen wohl hier fest, dennoch dürfen wir etwas Wundervolles hier erleben.“, sagte Allegra und fügte nach einem fragenden Blick Milas hinzu: „Der Winter soll hier ja etwas Wundervolles sein.“

Offensichtlich interessierte sich keiner am Tisch wirklich für den Verlauf des Wetters.

Das - für Mila - etwas merkwürdig wirkende Gespräch ging noch einige Zeit so weiter. Oftmals schauten sich Daniel und Allegra, in für die beiden magischen Momenten, auch einfach nur in die Augen um anschliessend so zu tun, als sei nichts passiert. Es kam der Moment, als Allegra sagte: „Es wird zu dunkel. Ich muss jetzt gehen, sonst finde ich den Heimweg nicht mehr.“

„Ich bring dich.“, sagte Dany.

„Du kennst dich hier doch gar nicht aus, dann findest du nachher den Rückweg nicht mehr.“, sagte Allegra besorgt.

„Komm schon, ich bring dich nach Hause.“, meinte Dany.

„Ich komme morgen wieder vorbei. Gute Nacht.“, sagte Allegra.

„Schlaf gut.“, sagte Dany und respektierte ihren Wunsch.

 

Mit einem Lächeln kehrte Dany in die Hütte zu Mila zurück, die zu ihm sagte: „Heute Morgen haben sie im Dorfkino Werbung für den Start der neuen Serie How I meet your stepmother gemacht. Du weisst schon, der Alte der seinen Kindern zuviel von seiner Vergangenheit erzählt hatte, was zu seiner Scheidung führte und zur neuen Serie, in der er seinen Kindern erneut von seiner Suche nach Liebe berichtet. Auf jeden Fall zeigten sie während der Werbung Ausschnitte aus der Originalserie. Da gab es einige Szenen mit Tante-Robin, als ihre Teenagerliebe wieder auftauchte und sie sich völlig verrückt verhielt. Irgendwie erinnert mich ein kürzliches Abendessen etwas daran.“

„Sag bloss, du erkennst doch noch einen Unterschied zwischen dem hier und dem Verkauf des eigenen Körpers?“, fragte Dany spöttisch.

„Ich hätte nur nicht gedacht, so etwas in deiner Welt zu finden. So was ist selten und es sieht wirklich echt aus. Dann gibt es schon einen Unterschied.“, sagte Mila.

„Warum sollte es so was bei uns nicht geben?“, fragte Dany.

„Hallo? Du erinnerst dich an das Shirt, das du von Sierra gekauft hast? Die Farbe sollte dich ideal unterstützten, nuancengenau abgestimmt auf deine Augenfarbe, den Hautton und was noch? Bestimmt noch die Farbe deiner Aura. Zusammen mit dem individualisierten Duft, den das Shirt versprüht und der für die Paarung optimierten, körperformgebenden Wirkung, solltest du gemäss beiliegendem Zettel perfekt gerüstet sein, für deine Liebessuche in der echten Welt. Natürlich trotzdem verknüpft mit deinem Cyber-Datingprofil. Alle Optionen je nach Finanzkraft des Kandidaten, natürlich kostenpflichtig noch etwas optimiert und beschönigt, um mit den eigenen Voraussetzungen, ja die best mögliche Partie für sich raus zu schlagen. Wie soll man da erwarten, dass der Käufer eines solchen Produkts wirklich Liebe findet? Und jetzt findest du sie auch noch in naturbelassenen Baumwollkleidern in der Wildnis Kanadas?“, spottete Mila.

Auf Danys lächelndes Kopfschütteln fügte sie an: „Und nicht das Internet hat dich geführt. Vielmehr führten dich unsere verstorbenen Verwandten durch ihre irdischen Habseligkeiten in die Arme von Allegra. Wie romantisch.“

„Wie gesagt: Hoch lebe der Materialismus mit all seinen lieben Erbstücken.“, sagte Dany strahlend, womit er Mila gänzlich den Wind aus den Segeln nahm. Er hatte in diesem Fall recht und sie hatte es nicht mal absichtlich so gelenkt, es kam einfach so aus ihr raus. Inzwischen hatte sie doch schon einige Male über eine Welt staunen müssen, die sie für verachtenswert hielt. Mila entschied vor dem Schlafen noch etwas zu meditieren und zog sich daher zurück.

 

 

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