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Kapitel 7 - Urgrossmutter

 

Wenig später gingen die beiden die Treppen an einem Terrassenhaus am See hoch und besuchten Martha, ihre Urgrossmutter.

Sie waren schon beinahe auf dem Dach angekommen, als Daniel einen Blick auf die Terrasse des Penthouses warf und überrascht Martha darauf entdeckte.

Martha hatte sich hartnäckig geweigert, ihr kleines Haus am See zu verkaufen, woraufhin die Bauunternehmer es mit samt Garten und Apfelbaum anhoben und auf das Dach des Terrassenhauses setzten.

„Was machst du denn da?“, fragte Daniel.

„Mila, Daniel ihr seits! Kommt rein, kommt rein!“, sagte die alte Dame und bat sie in die oberste und teuerste Wohnung des Hauses, einzutreten. Martha war klein, hatte graue Haare mit einer Dauerwelle und stets eine brennende Zigarette zwischen den Fingern. Die 91-Jährige Frau hatte früher mehrfach mit Liftings versucht, ihr Alter zu verbergen, den Versuch inzwischen jedoch aufgegeben und besass nun ein recht eigenartiges, faltiges Gesicht.

„Ist das deine Wohnung?“, fragte Daniel erstaunt.

„Ja, ja. zweimal im Jahrhundert sollte sich jeder etwas leisten dürfen.“, meinte Martha.

„Mit welchem Geld hast du das alles bezahlt?“, wollte Daniel weiter wissen.

„Dieses Jahr wurde ich teilpensioniert. Jetzt muss ich nur noch drei Tage die Woche arbeiten und nächstes Jahr nur noch Einen. Mit der ausbezahlten Pensionskasse habe ich diese Wohnung gekauft. Ich hatte keine Wahl, die wollten die Wurzeln meines Apfelbaums abschneiden, die in diese Wohnung gewachsen sind. Dann hätte ich gar keine Arbeit mehr gehabt.“, erzählte sie.

Martha hatte ihr ganzes Leben einen Kiosk betrieben. Da sie sich weigerte, etwas Neuartiges zu verkaufen, bestand ihr Sortiment bald nur noch aus Äpfeln vom eigenen Apfelbaum. Die Sondergenehmigung, den Apfelbaum zu behalten, hatte ihr die Stadt nur erteilt, weil sie sich an den Baum kettete, als alle Apfelbäume der Region gefällt wurden, da sie gefährliche Bienen anzogen. Mit dem Realfoodaufschlag schaffte sie es bis vor kurzem knapp, ihr Leben weiter zu finanzieren.

„Aber Urgrossmama, mit dem Geld musst du noch mindestens zwanzig Jahre überleben. Wie konntest du alles für eine Luxuswohnung rauswerfen?“, fragte Mila besorgt.

„Als ich 2006 eine Mercedes Benz S-Klasse gekauft habe, dachte auch jeder ich könne mir das nicht leisten. Und was ist jetzt? Sie steht immer noch in meiner Garage und ich bringe damit jede Woche eine Kiste Äpfel ins Hochhausdorf.“, meinte Martha.

Daniel sah eine Verpackung und fragte: „Wofür hast du denn einen Fullcybersimulator?“

„Von etwas muss man ja sein Essen bezahlen. Der Apfelbaum hat seinen grossen Ast bei einer Überschwemmung verloren und seither konnte ich mir kaum noch essen kaufen.“, sagte Martha.

„Man kann nicht nur Realfood essen!“, sagte Daniel.

„Was denn sonst? Dieses andere Zeug habe ich nie gefressen und werde es auch nie.“, schimpfte Martha und verliess daraufhin den Eingangsbereich des Penthouses in Richtung Wohnzimmer, die beiden folgten ihr. Sie schwang zittrig eine Axt, die sie kaum halten konnte und zertrümmerte damit einen der zahlreichen Fullcybersimulatoren, die da standen.

„Was machst du denn da?“, fragte Mila erschrocken.

Lachend sagte Martha: „Diese Trottel geben einem eine Geld-zurück-Garantie.“

Es stellte sich heraus, dass Martha bei auftauchenden Zahlungsschwierigkeiten, immer bei einer anderen Stelle, einen Kredit für einen Cybersimulator beantragte. Einen Teilbetrag liess sie sich daraufhin von der Herstellerfirma, wegen des defekten Geräts, per Geld-zurück-Garantie ausbezahlen. Martha wusste wie sie die Fallabklärung heraus zu zögern hatte und in der Zwischenzeit nutzte sie den Akuthilfebetrag, der für gewöhnlich vor der gesamten Garantieauszahlung als Pauschale bezahlt wurde, zum Leben.

„Um Himmelswillen, das kommt doch raus! Wie sollen Grossmutter und ihre Geschwister das jemals zurückbezahlen?“, rief Daniel vorwurfsvoll.

„Das wird sich dann schon regeln. Und jetzt kommt ins Haus rauf, ich kann mich nicht mehr länger in dieser Scheusslichkeit, das sie Penthouse nennen, aufhalten.“, sagte Martha und bemühte sich, die Treppen zu ihrem Haus rauf zu kommen.

Die Zwei verliessen das top moderne Penthouse mit der Wahnsinnsaussicht über den Bodensee, das als Cybersimulator-Friedhof diente, und folgten ihr zu ihrem eigentlichen Haus auf den Dach des Terrassenhauses.

„Sarah hat ihr Verhalten nicht gestohlen.“, sagte Mila zu Dany.

„Ach, ich habe gewusst, dass es ein Fehler ist, herzukommen.“, sagte Dany.

Das rissige Häuschen mit dem alten Kiosk davor und dem Apfelbaum dahinter hatte sich nicht verändert. Das Haus aus den 1920er Jahren befand sich noch im Originalzustand. In der Auslage des Kiosks lagen noch einige verschrumpelte Äpfel.

Im Haus, dessen Inneres seit der Erbauung auch keine Veränderung durchlebt hatte, fragten die Zwei ihre Urgrossmutter, ob sie den Mercedes fürs Wochenende ausleihen dürften, um Sarah zu besuchen.

Urgrossmama prüfte auf ihrem 30-jährigen Smartphone ihre Termine - dem einzigen elektronischen Gerät im Haus und dies auch nur, weil ohne das Gerät keine Zahlungen mehr möglich waren. Da sie ihren Ausflug zum Hochhausdorf für diese Woche schon erledigt hatte, willigte sie ein und schob stolz den Keyless Go Schlüssel über den Tisch.

„Es ist ein Hybrid. Mit dem letzten Cybersimulator-Geld habe ich ihn diese Woche erst voll getankt.“, rief sie den beiden nach, während sie sich per Verbrennungsmotor auf den Weg machten.

 

 

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