2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 6 - Abendunterhaltung

 

„Gehen wir mit der Overground im 26. an den See?“, wollte Mila wissen.

„Du warst wirklich lange nicht mehr hier. Um die Passagierzahlen auf einem Niveau zu halten, dass die Bahn bewältigen konnte, haben sie die Preise immer weiter erhöht. In der Zwischenzeit wurden Hochstadtautos immer günstiger, was passieren musste weil Massenverkehrsmittel an ihre Kapazitätsgrenzen stiessen. Da diejenigen, die es sich leisten konnten Overground zu fahren, kein Interesse mehr hatten, unten im 26. Stock zu fahren, haben sie den Betrieb schon vor Jahren eingestellt.“, erklärte Daniel wobei man ihm ansah, dass er es schon genoss, etwas zu wissen, was Mila nicht wusste.

„Dann können wir mit der Seilbahn zu dem Hochhauszentrum am See fahren?“, wollte Mila wissen.

„Die haben ein ähnliches Problem, nur bieten sie die bessere Aussicht, weshalb die Reichen es weiter nutzen. Seilbahnfahren können wir uns nicht leisten. Das Problem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind die wenigen Sammelpunkte. Die Menschenmengen sind zu gross um sich an nur einer Haltestelle zu sammeln und am Zielort wieder zu verteilen. Die Infrastruktur müsste für die Bewältigung dieser Menschenmengen zu fest ausgebaut werden, dass man den Aufwand scheute und der Individualverkehr sich durchgesetzt hat.“, sagte Daniel.

„Dann nehmen wir eben einen Zeppelin.“, sagte Mila.

„Zu dieser Zeit fliegen kaum Zeppeline mit Exklusivwaren. Sie fliegen also nicht weiter an den See, sondern liefern alle Waren bei den Versorgungstürmen der Innenstadt ab. Ich habe schon nachgeschaut.“, sagte Daniel.

„Mobilität ist hier ja ein richtiges Luxusgut geworden. Die Helibusse fliegen doch noch, oder? Das war schon immer unkomfortabel, also konnten sie sich bei der Preisgestaltung wohl nicht auf reiche Passagiere verlassen.“, sagte Mila.

„Auch die sind teurer geworden als der Individualverkehr, zumindest bei täglicher Nutzung. Doch weil die Helibusse als einzige Möglichkeit übrig blieben, nutzen sie Wochenaufenthalter der Innenstadt für die Wochenendreise nach Hause und arme Leute wie wir können sich damit ab und zu einen Ausflug leisten.“, sagte Daniel.

„Na dann ab zur Haltestelle im 25.!“, rief Mila, stand schon vom Sofa auf und wandte sich der Tür zu.

„Nur leider haben die Insics vor drei Jahren eine geschwindigkeitsabhängige Bombe in einem Helibus installiert. Nachdem der Helibus einige Hochhäuser rammte, kollidierte er schliesslich mit dem klassischen Filmmuseum, wo gerade Speed gezeigt wurde. Keine Ahnung wie die Insics auf diese Idee kamen. Nach weiteren Zwischenfällen entschied man, dass die Innenstadt für Helibusse zu eng geworden war und verbannte sie aus Zone 1 und 2.“, erzählte Daniel als Mila ihn unterbrach: „Grossartig, dann können wir jetzt 3 Stunden auf den Rollwegen zum Innenstadtrand laufen?“

„Problem gelöst. Henry hat mir gerade zugesagt, uns zum Cityparking in Zone 3 mitzunehmen. Auf in den 74. Stock!“, freute sich Daniel.

 

Im Fahrstuhl fragte Mila: „Dany, ist Henry nicht dieser Freak, der nie redete und damals mit dir zur Schule ging?“

Mila nutzte Daniels Spitznamen, trug über ihrem orangen Kleid den schwarzen Mantel, den er ihr mitgebracht hatte und passte mit ihrer frechen Kurzhaarfrisur fast wieder ganz ins Innenstadtvolk – es kam Daniel fast wieder vor wie früher, und er mochte es.

„Ja. Seine Urgrossmutter ist beim Seemarathon völlig unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Statt Schulden hat er ein kleines Vermögen geerbt und sich damit selbständig gemacht. Seine Firma hat das Jobtraining von Moonaspace programmiert und falls er auch den Auftrag für die Arbeitssoftware von Moonaspace bekommt, wäre er ein ziemlich reicher Mann. Inzwischen spricht er übrigens etwas mehr, er hat mir sogar das Trainingsprogramm geschenkt. Also sei nett zu ihm.“, sagte Daniel.

 

Sobald die beiden den Fahrstuhl verlassen hatten, sahen sie Henrys Hochstadtauto auf dem Parkplatz. Er hatte Henry nicht geglaubt, dass der Moonaspaceauftrag soviel abgeworfen hatte, denn seit seiner Erbschaft neigte er dazu, etwas zu übertreiben - doch bei dem Hochstadtauto... Nun, Henry hatte schliesslich auch andere Voraussetzungen, dachte er sich und hielt von daher seine Neugierde nicht weiter zurück. Während Mila uninteressiert wartete, betrachtete er mit Henry jedes Detail des iBMWs. „Fabrikneu, heute beim Händler abgeholt“, sagte Henry, während Daniel die zwei runden Frontlichter betrachtete, wie sie im Standbymodus immer wieder sanft für einen Moment aufleuchteten – wartete man das komplette ablöschen der Lichter ab, sah man rein gar nichts mehr von ihnen, nur noch das Blech auf dem sie montiert waren. Ein iBMW Landaulet 7 in braun metallic mit weissen vierspeichen Felgen. Der Wagen verfügte über drei Sitzplätze. Die dafür notwendige Länge machte es möglich, die Frontscheibe vom Doppelnierengrill langsam bis zur Fahrgastzelle ansteigen zu lassen. In den Doppelnieren befanden sich zwei angeleuchtete Steinplatten, auf denen echtes Wasser hinunterlief. Eine kurze Berührung auf dem Handteil von Henrys iD’ öffnete das Heck für den Komfortzugang. Daniel bemerkte dabei, dass der Wagen über keinen Kofferraum verfügte – jenes Detail, das die Fahrzeuge der Vermögenderen von den Anderen unterschied. Man brauchte nichts mit sich zu führen, da die iBMW-Drohne mit integriertem Ausgabeelement, umgehend alles von den öffentlich zugänglichen Rohren abholen und liefern konnte – selbst während der Fahrt.

Freundlicherweise überliess Henry die Lounge seinen Gästen, dieser Prahlapfel. Mila und Daniel stellten sich auf die dafür vorgesehenen Stellen der heruntergeklappten Heckwand des Autos, worauf sich diese mit ihren Schuhen verband. Die Heckwand fuhr gemächlich in ihre ursprüngliche Position zurück während ihre Füsse langsam zum Fussraum der Rücksitzlounge schwebten. Über ihnen, der freie Himmel – wäre da nicht die Decke des Hochhauses gewesen, unter der sie gerade parkten. Im Innenraum waren überall kunstvoll geformte Verkleidungen angebracht, auf denen beleuchtet, echtes Wasser auf Steinplatten floss.

 

Henry setzte sich auf den Vordersitz, programmierte den Autopiloten und drehte seinen Stuhl um 180 Grad den Gästen zu. Das iD’ erkannte die Umgebung des Fahrzeugs und stellte das iBMW-Layout mit seinen begehrten Apps ein. Eindrücklich kraftvoll und doch komfortabel beschleunigte der Autopilot das Fahrzeug auf die Strasse. Die erhöhte Sitzposition ermöglichte ihnen den Blick über fast alle Autos auf der Hochstadtautobahn.

Henry freute sich besonders, Mila wiederzusehen. „Tut mir leid, dass ich euch beide nur bis zum Cityparking mitnehmen kann, doch ich bin heute mit dem zweisitzigen BMW Roadster hier.“, sagte Henry und blickte dabei Mila erwartungsvoll an.

Mila mochte Henry schon früher nicht und von Angeberei mit materiellem Besitz hielt sie erst recht nichts. Auch seine Komplimente betreffend ihres Aussehens schadeten mehr als sie nützten. Mila sprach kein Wort und wandte ihren Blick ab, aus dem Fenster, von wo aus sie die leicht niedrigeren Häuser der Produktionszone betrachtete.

Henry gab nicht auf und sagte zu Daniel: „Wie siehts mit dem Training aus? Hast du die 10'000 Punkte schon überschritten?“

„Ja, heute hab ich es knapp geschafft.“, antwortete Daniel stolz.

Kurz bewunderte er Daniels Fortschritte und ermutigte ihn, weiterzumachen. Darauf hin erachtete er es als notwendig, Mila ausführlich von seinem riesen Moonaspace Auftrag zu erzählen und mit seinen glorreichen Zukunftsaussichten anzugeben. Mila schaute weiter unbeeindruckt aus dem Fenster.

Dank der hohen Priorität, die Henry erkauft hatte, fuhr das Auto am Stau beim Autoaufzug vorbei. Sie warteten nur Minuten, bis sie am Abgrund der Etage ankamen. Während Mila das Panorama über den Bodensee genoss, fuhr das Auto über den Abgrund hinaus, woraufhin eine Transportplattform den Wagen auffing.

Etwas verärgert sagte Henry: „Verdammt, die Fahrzeit hat nicht ausgereicht. Jetzt müssen wir eine Extrarunde drehen um zu meinem Auto zu kommen.“

Der Boden der Transportplattform färbte sich rot und eine Ansage ertönte: „Ihre Reise wird, ein Mal, beschleunigt, bitte bleiben sie in ihrem Auto sitzen.“

Kurz darauf bewegte sich die Transportplattform, die sich zuvor mit gemächlichem Tempo dem Gebäude entlang nach unten bewegte, im freien Fall, worauf die Führungsschiene sie wieder sanft auffing und die Reise normal weiterging.

Die passiven Sicherheitshelfer des Autos hielten die Passagiere dabei so gekonnt in ihren Sitzen fest, dass der freie Fall nur optisch, anhand von veränderten Referenzpunkten entlang des Sees, auffiel. So etwas hatte Mila noch nie erlebt, daher blickte sie erschrocken zu Daniel und Henry.

Henry freute sich über die Aufmerksamkeit und sagte: „Ja, die neuen Cityparkhäuser nutzen den freien Fall, den du eben erlebt hast. Mit dem Gewinn aus dem nächsten Moonaspace Auftrag, werde ich die Firma aufkaufen, welche die Software für diese Cityparkhäuser entwickelt. Das ist ein gewaltiger Markt. Mit der Software, die wir bereits am entwickeln sind, wird der Parkstopp noch effizienter ablaufen können. Diese neuartigen Bahnen, die mit dem freien Fall und anderen Neuerungen, Lücken in der Transportkette überbrücken können, sind dabei eine neue Herausforderung. Leider – oder zum Glück für uns – nutzt die derzeitige Software den Zeitgewinn durch den freien Fall nicht optimal. Darum reichte unsere Fahrzeit nicht aus, um meinen Roadster rechtzeitig bereitzustellen.“

Mila erinnerte sich daran, wie Dany sie bat, nett zu Henry zu sein – ausserdem stellte sie Neuerungen in ihrer alten Welt fest, die trotz aller Belanglosigkeit für ihr wirkliches Leben, eine gewisse Faszination auf sie ausübte. Daher fragte sie: „Wie funktionieren diese Cityparkings eigentlich?“.

Henry freute sich riesig, ihr davon zu berichten: „Die V-Bahn, auf der wir uns jetzt befinden, verläuft vertikal diesem Gebäude entlang. Eine geschlossene Kette bringt lauter Plattformen vom 50. Untergeschoss in den 74. Stock und zurück. Hier gleich neben uns kommen die Plattformen nach oben. Das Cityparking-Gebäude erstreckt sich vom 50. Untergeschoss bis zum 30. Obergeschoss. In jeder Etage werden die Fahrzeuge eines anderen Viertels parkiert. Sobald wir die 13. Etage erreichen, wo die Autos meines Viertels parken, wird unsere Plattform von der V-Bahn geschoben und an die H-Bahn gekoppelt. Die H-Bahn funktioniert wie die V-Bahn als Kette und schlängelt sich durch die Etage. Sobald sie am Parkfeld meines Roadsters vorbeikommt, wird dieser auf die Plattform geschoben und ich kann umsteigen. Dann muss ich warten bis die Kette am Ausgang des Parkhauses vorbeikommt. Über eine Brückenabfahrt fahre ich zur Bodenstation, die in meinem Quartier liegt. Von dort fahre ich dann weiter nach Hause. Die billigeren Plätze im Untergrund müssen bei ihrer Auffahrt zur Oberfläche der Erde in einem Tunnel leider auf den Ausblick zum Himmel verzichten.

Sobald eine Plattform die V-Bahn verlässt, kann sie von einer anderen ersetzt werden. Dadurch können die einzelnen Plattformen ihre Wege abkürzen. Statt bis in den 50. UG zu fahren, kann die Plattform im 5. UG von abwärts nach aufwärts wechseln. Zudem können ungenutzte Plattformen mit dem freien Fall, zusammengerafft werden, um so nachfolgende Plattformen früher ankommen zu lassen. Im Idealfall, und da setzt unsere Software an, teilt das Navi des Fahrzeugs die Ankunftszeit an der V-Bahn mit, sodass bereits die Plattform mit dem Auto für draussen bereitsteht und man schon auf der Abfahrt in der V-Bahn umsteigen kann. Dadurch wird sich die Zeit für das Durchlaufen des Cityparkings halbieren und die Kapazität verdoppeln. Die Programmierung stellt eine gewisse Herausforderung dar, da durchschnittlich 15 V-Bahnen entlang eines Hochhauses verlaufen, ein Parking an 20 Hochhäuser angeschlossen ist und jedes Parking über 80 Etagen mit 80 H-Bahnen verfügt.“

Baff sagte Mila: „Wow, du musst aber recht clever sein um das zu programmieren.“, kurz später fügte sie an: „Warum fahren die Menschen nicht einfach mit dem Hochstadtauto nach Hause?“

„Wenige, die eine Genehmigung dafür haben und die sich nichts anderes leisten können, tun das. Doch den meisten sind sie zu klein und zu langsam. Hochstadtautos würden die Strassen draussen verstopfen und Staus erzeugen.“, sagte Henry.

Als ihre Plattform von der H-Bahn auf die V-Bahn wechselte, erblickte Daniel kurz einen roten Ferrari, den er mit glänzenden Augen betrachtete. Einige Zeit später erschien Henrys weisser Roadster auf der Plattform und sie stiegen aus dem Hochstadtauto aus. Daniel bemerkte anhand der Autos in der Garagenetage, dass jenes Viertel, in dem Henry wohnte, doch nicht so luxuriös war, wie es Henrys Fuhrpark vermuten liess.

Nach einem entsprechenden Hinweis klappte sich der iBMW platzsparend zusammen, bereit geparkt zu werden. Die Transportplattform beförderte die Drei zum Helibusport in der 15. Etage.

Der Helibusport bestand aus einer 10 Etagen hohen und etwa 100 Meter breiten Aussparung im Cityparking-Gebäude. Vier Helibusse standen bereit und verursachten mit ihren Propellern einen heftigen Sturm und einen ziemlichen Lärm. Eilig verabschiedeten sich die Drei und Mila folgte Daniel in einen der Helibusse, der kurz darauf abhob.

Stehend quetschten sich die beiden in den überfüllten Bus. Mila sagte zu Dany: „Ich mochte Henry mehr, als er noch weniger redete – und auch da mochte ich ihn schon nicht.“

Dank der Menschenmenge konnten sie nicht umfallen. Das ruckartige Fliegen übertrug sich 1:1 auf die genervte Menschenmenge. Unzählige Haltestellen später, die einem die Reise wie eine Ewigkeit vorkommen liessen, hatten sie ihr Ziel erreicht und stiegen aus.

Noch oben auf dem Helibusport betrachtete Mila die bemerkenswerten Veränderungen an der Stadt. Sie schaute hoch zur leicht mit Dunst umgebene Skyline der Stadt, aber auch auf den See mit den wenigen, exklusiven Seehäusern darauf und auf die Seestrasse, sowie die zahlreichen Terrassenhäuser entlang des Ufers. In einer Hochhauswelt stellte eine Dachterrasse mit freiem Blick zum Himmel, etwas absolut Exklusives dar, weshalb sich Terrassenhäuser am See grosser Beliebtheit bei der oberen Mittelschicht erfreuten. In den Seehäusern lebten die sich nach Privatsphäre sehnenden Superreichen der Region. In Sichtweite lag auch das Hochhausdorf am See, verbunden per Seilbahn mit der Innenstadt. Die wenig befahrene Seestrasse verband alle Seehäuser miteinander. Auf dem See gab es zudem viele Schiffe zu beobachten. Hier war immer was los.

Trotz der vielen Haltestellen lag keine einzige direkt am See, so mussten sie schlussendlich dennoch einige Minuten zu Fuss gehen, doch dann standen sie endlich auf der Promenade, direkt am See.

Die Promenade sah aus, wie eine überdimensionierte Treppe mit drei Stufen und folgte dem Ufer einige Kilometer. Oben war eine Autostrasse und ein Gehweg, daneben, eine Stufe weiter unten, präsentierten Künstler ihre Erzeugnisse und auf der untersten Stufe bestand die Möglichkeit, im See zu baden oder einfach nur auf den Blumenwiesen zu spazieren. Geschäfte durften natürlich auch nicht fehlen. Die gesamte Promenade war ein grün bepflanztes, architektonisches Meisterwerk – und menschenüberfüllt.

Die Zwei flanierten der mittleren Promenade entlang, zwischen ihnen und dem Himmel nur einige Weinreben, die über die Promenade wuchsen. Zwischen den Pfosten, an denen die Reben seitlich befestigt waren, eröffnete sich einem immer wieder der Blick über den See. Teils fühlte man sich, als flaniere man einem Bergdorf am See entlang, andere Abschnitte erinnerten eher an einen Spaziergang an der Saine in Paris.

Über ihnen fuhr ein Auto über die Zufahrtsstrasse zu einem der ufernahen Seehäuser, als Mila vorschlug: „Lass uns doch ins Restaurant der Hafenkapelle gehen, da war ich schon lange nicht mehr.“

Dany war einverstanden. Die Hafenkapelle war damals der Einstieg für Mila, in ihrer jetzigen spirituellen Welt zu leben. Wie jeder genoss auch er es von Zeit zu Zeit, eine Kapelle aufzusuchen, doch verstand er den Unterschied nicht zwischen den Gelegenheitsbesuchern wie ihm, und Leuten wie Mila, die nichts anderes mehr kannten.

Die Zwei lauschten unterwegs einigen Konzerten, sahen sich andere Präsentationen von Stadtbewohnern an und kamen dadurch mit einigen Leuten beiläufig ins Gespräch.

Daniel wollte gerne kurz in eine Shoppingexperiance abtauchen, doch Mila war nicht danach. Auch für einen Abstecher ins Fitness war sie nicht zu haben. Das sehen und gesehen werden, das auf der Promenade immer eine Rolle spielte, missfiel ihr zudem und sie wollte nur noch zum Restaurant.

Während die Zwei auf einen Tisch warteten, konnten sie sich im Unterwasserrestaurant am Hafen das Treiben der Schiffe und Fische über ihnen ansehen. Es war laut. Von allen fünf Hauptbühnen, die am Rand des Lokals entlang fuhren, drang Musik zu ihnen durch. Durch ein Glasgitter unter ihnen, erklangen Bässe vom Dancefloor. Die Lasershow um sie herum liess sich durch den Rauch im Lokal bestens betrachten.

Der neue schweizer Filmstar aus Winterwood, einem Viertel von St.Winterzürich, spielte heute in einem Musical auf der ersten Bühne, sogar den internationale Superstar Q hatte das Lokal für diesen Abend auf einer anderen Hauptbühne verpflichten können. Zwei Tanzshows und ein Hightech Musical belegten die anderen Hauptbühnen.

Einige Zeit später sassen die beiden an ihrem Tisch in einer ruhigen Gondel und trieben im Lokal herum. Während sie auf ein leckeres Realfood Menu warteten, begleitete sie die Gondel zu den verschiedenen Bühnen und sie konnten die jeweiligen Präsentationen dort ohne Geräusche von anderen Bühnen in der Lautstärke geniessen, die sie wünschten. Mila rauchte währenddessen genüsslich Sky - eigentlich eine mehr oder weniger legale Droge, in ihrer spirituellen Gruppe hingegen eine Entspannungs- und Meditationshilfe.

„Warum wohnst du noch immer in dieser kleinen Wohnung, wenn du doch eine Lizenz als Treibstofftechniker Raumfahrt besitzt?“, wollte Mila wissen.

„Eine Lizenz bringt dir noch lange keinen Job. Ich habe das Wissen heruntergeladen und etwas trainiert, schon hatte ich die Lizenz. Ich muss intensiv weiter trainieren um einen guten Job zu bekommen, dann kann ich auch umziehen.“, sagte Dany.

„Ja genau, ihr ladet euer Wissen ja einfach herunter. In unserer Gemeinschaft ist es wichtiger, die Dinge, Schritt für Schritt selber zu lernen, um sie in ihrer Ganzheit zu begreifen.“, sagte Mila als Dany sie unterbrach: „Das mag ja für spirituelle Dinge Sinn ergeben, doch was willst du machen? In dieser Welt ist das Niveau so sehr gestiegen, dass du fünf Jahre lang lernen müsstest, nur schon um mit dem m-pate, linkshändig und spiegelverkehrt zu schreiben. Kein Job wäre ausführbar, würdest du dich nicht zwanzig Jahre nur damit beschäftigen. Wir sollten dankbar für das Geschenk des Wissensdownloads sein, weil es damit einfacher und für alle möglich ist, einen Beitrag zur Entwicklung neuer Sachen zu leisten. Ohne diese Technologie gäbe es viele tolle Produkte nicht, weil entsprechende Menschen sich in ihrem ganzen Leben nicht das verschiedenartige Wissen aus mehreren Bereichen hätten aneignen können, um ein Produkt zu entwickeln. Alle haben damit eine Chance.“

„Aber es gibt weit Wichtigeres als Wissen, denn Wissen hinkt immer dem Glauben hinterher. Es gibt so viele Menschengruppen an den verschiedensten Orten auf dieser Welt und du lebst ausgerechnet in der, die das nicht versteht.“, sagte Mila und nahm noch einen Zug.

„Diese Welt wird es uns ermöglichen, das Weltall zu besiedeln. Spürst du denn nichts von dieser Aufbruchsstimmung? Dank Moonaspace können bald auch wir zum Mond fliegen, später werden sie auch Raumstationen bauen und dann werden wir endlich wieder mehr Platz haben, wie früher!“, schwärmte Daniel.

„Schön, wenn du dein Leben einem globalen Problem widmen willst. Doch vergiss nicht die kleinen, persönlichen Probleme, die nicht weniger von Bedeutung sind, auch wenn nur du persönlich davon betroffen bist.“, sagte Mila und schob sich darauf hin ein Stück einer echten Tomate in den Mund.

Echtes Gemüse, Früchte und einige andere Lebensmittel gehörten zu einem teuren Luxusgut, da move-Zeppeline sie von weit her brachten, was seinen Preis hatte. Aus diesem Grund setzte sich günstige, industriell gefertigte Nahrung in verschiedenen Konsistenzen mit Zusatzfunktionen, immer mehr durch. Nur zu besonderen Gelegenheiten konnte Dany es sich leisten, Realfood im Restaurant zu essen, wie die beiden ihn an diesem Abend geniessen konnten.

Dany schwieg und Mila fügte an: „Sarah wird etwas zustossen und egal wie falsch sie sich uns gegenüber auch immer verhalten hat, möchtest nicht wenigstens du, jetzt das Richtige tun? Es hat noch nie genützt, Falsches mit Falschem zu strafen, das weiss sogar deine Welt. Nur so war es möglich, eine sichere Gesellschaft zu schaffen, der es jetzt möglich sein wird, zum Mond zu fliegen.“

Dany biss von einem künstlichen Brownie ab, der in das Essen besser verdauen liess, während er innerlich mit sich kämpfte.

„Ich muss arbeiten, sonst komme ich in Verzug mit den Rückzahlungen. Ich habe kein Geld, um nach Kanada zu gehen.“, sagte er schliesslich.

„Was kann dir im schlimmsten Fall schon passieren? Du gehst Pleite und kannst in der Cyberwelt sofort das Leben führen, dass du dir wünschst. Vielleicht hat es sogar den positiven Nebeneffekt, dass dir danach das Gleiche passiert, wie mir und du nach den Cyberunechtheiten, auch mit den materiellen Unwichtigkeiten dieser Welt nichts mehr anzufangen weisst und zu unserer Gemeinschaft kommst.“, bemerkte Mila.

„Ich arbeite schon seit sieben Jahren darauf hin, endlich das zu machen, was ich will. Zudem würdest du nicht mehr so positiv über die Cyberwelten sprechen, wenn du wüsstest, was ich darüber weiss. Ich möchte dieses Leben der Cyberfreaks nicht führen müssen, alles verloren und verschuldet, ausgeschlossen, ohne die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zu leisten und wirklich zu leben.“, sagte Dany.

„Die Cyberwelt hat nur ein Problem, und das teilt sie sich mit deiner Welt: Sie haben die falsche Medizin. Dieses Problem ist auch die Ursache dafür, dass deine Welt das Weltall besiedeln muss – und es nur deswegen auch im Stande sein wird zu tun, was nichts Nobles oder Bewundernswertes ist, ganz im Gegenteil. Egal welche Krankheit auch auftaucht, ihr schluckt eine Pille, kommt sie zurück, nehmt ihr eine Stärkere. Die Natur hat keine Chance mehr, Einfluss zu nehmen, eure Medizin wehrt alles ab und befreit euch damit von der Frage nach dem warum und seinen logischen und förderlichen Konsequenzen. Und führt so zu Platzmangel.“, sprach Mila und führte ihrem Körper noch etwas Sky zu.

„Eure lustige Drogen-Gemeinschaft und ihr Weltbild.“, sagte Dany abtuend, doch nicht ganz zu hundert Prozent überzeugt.

Etwas später fügte er hinzu: „Selbst wenn es so wäre, ist es denn die Schuld der Menschen, so programmiert zu sein, offensichtlich Schlechtes und Elend bringendes, zu bekämpfen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine gute, noble Absicht, die in den Menschen auf ganz natürliche Weise verankert ist, sich auf so grausame Weise gegen sie wendet.“

Darauf zitierte Mila eine beliebte Prophetin ihrer Gemeinschaft und sagte: „The road to hell is paved with good intentions.“, und die beiden lachten.

„Die Armen arbeiten nicht, die Arbeitenden arbeiten um sich ein Leben möglichst ohne arbeiten leisten zu können und die wirklich Reichen arbeiten ironischerweise wiederum gar nicht, fast wie die Armen. Sie werden reicher, weil sie mehr Existenzsicherheit haben wollen und bekommen dazu noch mehr Erstrebenswertigkeiten. Die Möglichkeit, jene zusätzlichen Erstrebenswertigkeiten wieder zu verlieren, zerstört das erhoffte Sicherheitsgefühlt, weil sie die neuen Erstrebenswertigkeiten jetzt zu brauchen glauben. Dies wiederum führt zu Stress, weil ihnen nicht in den Sinn kommt, dass die grösste und beruhigendste Sicherheit entsteht, wenn man nichts braucht. Ich verstehe deine Welt wirklich nicht.“, sagte Mila.

Milas Sichtweise auf die Welt half Daniel, seine Welt etwas weniger verkrampft zu betrachten, und er mochte es. Zudem hatte Mila recht, wenigstens er wollte das Richtige tun – und auch beweisen, dass sich das Richtige nicht gegen einem wendet.

„Morgen ist Donnerstag und ich nehme an, wir können nicht bis morgen Abend warten. Ich werde meinen Chef um einen freien Tag bitten, dann haben wir mit dem Wochenende vier Tage um Sarah in Kanada zu finden. Aber am Montag muss ich zurück sein. Ich hab zudem kein Geld, nicht mal für einen Zeppelin, wir müssen uns also was einfallen lassen. “, sagte Dany.

„Ich hab da eine Idee. Aber sie ist nicht bei headQnetz, wir müssen persönlich vorbei.“, sagte Mila mit einem Lächeln. Sie verliessen das Restaurant und machten sich auf den Weg.

 

 

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