2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 4 - Die niedere Arbeit

 

Ein Fahrstuhl brachte ihn einige Etagen tiefer zu seinem Büro. Seine Kollegen aus der Springerabteilung versammelten sich bereits um den runden Tisch für die morgendliche Verteilung der Pendenzen. Daniel begab sich zu seinem Platz und per Knopfdruck griff ihm sein Stuhl unter die Arme, ein weiteres Element drückte behutsam gegen seine Kniekehlen, die Kopfstütze fasste seinen Kopf und von alleine liess sich sein Körper auf der bequemen, wolkenartigen Sitzgelegenheit nieder. Obwohl Daniels Körper in diesem Stuhl beinahe schwebte, holte der Berg an Arbeit zumindest seinen Geist wieder auf den Boden zurück. Er überschlug kurz seinen Arbeitsaufwand und stellte mit Schrecken fest, dass er für die Erledigung aller Arbeiten inklusive Pausen, sechs Stunden benötigte. Schon wieder fast zwei Überstunden! Daniel hatte erneut die meisten Pendenzen erhalten, was ihn für gewöhnlich auch nicht im Geringsten störte. Anhand der zahlreichen Aktenkugeln vor sich auf dem Tisch, die alle Daten zu seinen Pendenzen enthielten, konnte dies jeder sehen. Da er den Nachmittag wirklich gerne mit Mila verbringen wollte, versuchte er schüchtern und mit schlechtem Gewissen, einen Teil seiner Arbeit einem Kollegen abzugeben. Der Kollege war einverstanden, trat daraufhin jedoch eine Diskussion in Gange, über die zahlreichen Überstunden der Abteilung. Sein Chef verstand die Empörung seiner Angestellten und beschloss, schnellstmöglich einen zusätzlichen Mitarbeiter einzustellen. Somit waren alle fürs Erste zufrieden. Mit einem kurzen Schubs beförderte er die Aktenkugeln auf sein m-pate und stand auf - natürlich behutsam aufgerichtet von seinem Stuhl.

Mit dem Fahrstuhl fuhr er in den 72. Stock, die Garage. Hier standen die giftgrünen Hochstadtautos der Stadtverwaltung. Die Abteilung der Springer war nicht gerade die am höchsten Angesehene in der Verwaltung, daher standen ihnen auch nur die billigsten Modelle zur Verfügung. Die wirklich schönen und auch schnelleren Hochstadtautos fuhren sowieso nur Privatpersonen oder Angestellte von Firmen.

Das grüne Gefährt bestand aus nur einem Sitzplatz, mit einem Einsatz erweiterbar auf zwei Sitzplätze, sowie einem Kofferraum auf dem ein mobiles Ausgabeelement angebracht war. Eine Handbewegung öffnete die seitliche Flügeltür und Daniel nahm Platz. Er öffnete sein m-pate, welches die neue Umgebung erkannt hatte und deshalb nun das Layout und die Funktionen des Fahrzeugs primär anzeigte – in giftgrün.

Daniel bewegte seinen rechten Daumen über ein Stäbchen am Lenkrad, womit er die Geschwindigkeit regeln konnte und steuerte das Auto aus dem Parkplatz, hin zu der Schlange von Hochstadtautos, die vor ihm auf einen Lift nach oben warteten. Während dessen öffnete er die Arbeitsapp, indem er mit seinem linken Zeigefinger auf der Unterseite seines m-pates darauf klickte. Über dem Display erschien eine schlichte Box. Daniel griff mit der rechten Hand nach der Box, er spürte dabei den Widerstand dieser Projektion, und zog die Box weg vom Display des m-pates. Auf dem Weg nach oben verlor die Box in regelmässigen Abständen eine Aktenkugel, bis Daniel seine ganzen Pendenzen vor sich sah. Die Arbeitsapp hatte bereits die effizienteste Reihenfolge der Aufgaben errechnet und so griff er nach der ersten Aktenkugel und öffnete sie mit einer Berührung auf die Oberseite.

Die neue Hochhaus-Autobahnbrücke, die er abzunehmen hatte, befand sich einige Minuten entfernt von seiner Position, daher entschied er sich, den Autopiloten fahren zu lassen und sich in der Zwischenzeit um eine andere Aufgabe zu kümmern – schliesslich wollte er bald möglichst Feierabend haben.

Sein Wägelchen fuhr langsam vor sich her, während ihn andere mit der doppelten Geschwindigkeit überholten. Er hatte gar keine Lust, sich die Werbeplakate anzusehen, da er sich die angepriesenen Waren gemäss Brückenverkäuferin, sowieso nicht leisten konnte.

Das neue Hochhaus befand sich am Rande der Innenstadt. In Richtung Bodensee wurden die Häuser immer kleiner, sodass man einen fantastischen Ausblick auf den See und die exklusiven Häuser in Seenähe hatte. Hier erteilte die Stadt kaum noch Bewilligungen für Hochhäuser. Es gab vereinzelte Hochhäuser am See selber, doch bildeten diese eher die Ausnahme und waren von daher auch nur per Seilbahn mit der Innenstadt verbunden. Er genoss für einen Moment den Ausblick, bevor er sich an die Arbeit machte.

Einige Klicks auf seinem m-pate reichten aus um es mit dem Computer der Hochhaus-Autobahnbrücke zu verbinden, wegen der er ja eigentlich hergefahren war. Das Konstruktionsprogramm der Stadt erstellte daraufhin vollautomatisch einen eigenen Bauplan für das Bauwerk. Der Verantwortliche der Baufirma übergab Daniel den benutzten Bauplan, den das m-pate mit dem neu Erstellten verglich. Glücklicherweise stimmten die Pläne in den Hauptpunkten überein, sodass keine Abweichungen besprochen werden mussten. Sobald das m-pate meldete, dass alle archivierten Arbeitsgänge mit den Plänen übereinstimmten, blieb nur noch die endgültige Prüfung: Eine unbemannte Überfahrt seines grünen Gefährts. Brücke und Gefährt überlebten den Test und somit konnte die Hochhaus-Autobahnbrücke freigegeben werden – schon hatte sich die erste Pendenz erledigt.

Er verabschiedete sich vom prachtvollen Ausblick und machte sich auf zu einem weit weniger attraktiven Ort, dem Erdgeschoss. Das programmierte Navi leitete den Autopiloten zum nächsten Autoaufzug, der dank der Routenplanung bereits im voraus reserviert werden konnte, wodurch sich Wartezeiten vor dem Aufzug reduzieren liessen. Die Stadt verfügte über eine ziemlich hohe Priorität, was ihre Fahrzeuge zudem recht weit vorne in die Warteschlangen einreihte.

Während der Aufzug ihn nach unten in die 55. Etage beförderte - eine ältere Connect-Etage, die inzwischen vorwiegend von weniger wichtigen Menschen noch immer rege genutzt wurde – wandte sich Daniel seinem headQnetz Account zu, einem sozialen Netzwerk. Er warf einen Blick auf die Neuigkeiten seiner Freunde und in sein überquellendes Postfach - entschied sich dann aber, seinen Status auf beschäftigt zu setzen um weiter arbeiten zu können. Für gewöhnlich bot ihm sein Job, wie all seinen Freunden, ausreichend Zeit, um während der Arbeit etwas miteinander zu plaudern. Daher hatten ihn einige Freunde schon gefragt, was los sei. Der „beschäftigt“-Status würde sie nun aber bis zu seiner Pause hinhalten.

 

Inzwischen fuhr sein Auto über eine Brücke im 55. Stock, er befand sich auf dem Weg zum nächsten Autoaufzug. Die 55. wirkte für Daniel immer stressig und überladen, da beide Fahrtrichtungen nur die eine Etage nutzten. Neben der Hochhausautobahn befanden sich gleich die Fussgänger-Rollwege und Verkaufsgeschäfte. In der Nähe des Autoaufzugs herrschte dann das absolute Chaos. Kreuz und quer standen Hochstadtautos – da nützte auch die Routenplanung nicht viel.

Daniel stand keine Minute im Stau, da meldete sich bereits sein Arbeitskollege: „Wie ich sehe, steckst du gerade im Verkehr fest. Da geht es dir besser als mir! Heute dauert eine Besprechung länger als die andere. Ich komme zu nichts. Wenn das so weiter geht, gibt das bei mir heute eine ganze Überstunde! Ich weiss, du hast mich um Hilfe gebeten, doch könntest du nicht wenigstens die Planung der Bauroboter für mich erledigen? Ich bin so nett und übernehme dann die Besprechung für dich, so wie abgemacht.“

„In Ordnung, ich schicke dir nachher alles.“, sagte Daniel und ärgerte sich etwas über die faule Quasselstrippe.

Die ersten vier Jahre seiner Laufbahn hatte er nichts anderes gemacht als Bauroboter zu koordinieren, damit kannte er sich also bestens aus. Wie er in der Akte las, mussten die Bauroboter das 11V-Hochhaus abreissen und an der gleichen Stelle einen weiteren Move-Wolkenkratzer erbauen. In dieser Stadt baute man nicht für die Ewigkeit, sondern nur für eine begrenzte Zeit. Die billige Bauqualität erlaubte keine Renovation, daher musste das 11V-Hochhaus abgerissen werden.

Daniels Aufgabe bestand darin, die Route der Bodenroboter von ihrem jetzigen Standort zur Baustelle optimal zu planen, sodass der Verkehr auf dem Weg der Roboter so wenig wie möglich unterbrochen werden musste. Das Erdgeschoss war wenig benutzt, daher stellte die Route der Bodenroboter kaum eine Herausforderung dar. Der Dachroboter, der jeweils per Hubschrauber gebracht werden musste, bereitete dagegen grössere Schwierigkeiten. Die Grösse des Roboters liess nicht jede Route durch die Häuserschluchten zu, da sie zu eng waren. Ausserdem unterbrach der Hubschrauber auf seiner Route, die Luftwege der Versorgungszeppeline. Diese Unterbrüche so kurz wie möglich zu halten, besass höchste Priorität. Er speicherte seine Planung in die Aktenkugel.

Auf einem Dokument aus der Aktenkugel sah er den Namen des Arbeitskollegen und griff danach. Er zog den Namen aus dem Dokument, wodurch er sich in ein Papierflugzeug verwandelte. Die Aktenkugel schloss er wieder, indem er seine Hand darum legte und eine Faust formte. Er bewegte diese Aktenkugel zum Papierflugzeug und sendete das Ganze mit einer schnellen Bewegung seines Zeigefingers. Das Verschwinden des Papierflugzeugs aus dem Projektionsbereich seines m-pates garantierte, dass die Quasselstrippe seine Nachricht erhalten hatte.

 

Inzwischen hatte ihn der Aufzug in die 25. Etage befördert. Dies war die erste und somit älteste Connect-Etage. Das Tal und die Hügel, die das Gebiet des Stadtzentrums definierten, liessen keine gemeinsam genutzte Etage weiter unten zu.

In den unteren Etagen der Innenstadt wohnten vor allem Arme, junge Leute und Cyberfreaks. Einige Superreiche besassen ebenfalls Wohnungen in der Innenstadt, dann aber ausschliesslich Zweitwohnungen in den obersten Etagen, während die Mittelschicht es vorzog, etwas weiter weg vom Zentrum zu wohnen.

Die 25. Etage war praktisch leer – sie wurde vorwiegend morgens, als Ausweichroute von Berufspendlern benutzt. Es gab gewisse Häuser, die sich in der Hand der Jugendlichen befanden, wo rund um die Uhr gefeiert wurde – doch dies sagte Daniel weniger zu.

Der Wagen fuhr am Keihou Schild vorbei, seine Ausfahrt folgte bald. Die Fahrbahn zum Erdgeschoss schlängelte sich wie eine Spirale nach unten, auf halber Strecke warf er einen Blick in seine Wohnung, wo er Mila beim Meditieren beobachten konnte.

Er folgte der regulären Fahrbahn bis zur Höhe von etwa drei Metern über dem Boden, dann musste er die Fahrbahn verlassen. Ein provisorisches Fahrbahnnetz, gebaut aus Aluminiumstützen und Magnesiumplatten, brachte ihn zu seiner nächsten Pendenz beim Klosterplatz in der ursprünglichen Altstadt von St. Gallen.

 

Dreiwöchiger, sintflutartiger Regen hatte grosse Überschwemmungen angerichtet. Das Wasser stand einmal bis in die Hälfte des Fensters seiner Wohnung im 11. Stock, da es aus der ursprünglichen Stadt St. Gallen kaum abfliessen konnte - ein Umstand, den der reiche Hügel zum Bodensee auch nicht ändern wollte. Inzwischen hatte es sich abgesenkt und es blieb nur noch Schmutz und Schlamm übrig, von dem der Klosterplatz und die restliche Altstadt, nun befreit werden sollte. Mit dem m-pate überprüfte er die automatisch angepasste Einstellung seiner Kleidung auf das feuchte Klima und aktivierte den Duftspender in seiner Nase.

Nach der Überschwemmung, die einige der unteren Wohnungen flutete, musste jedes Fenster einzeln auf seine Wasserdichtheit geprüft werden. Gerüste wurden dafür aufgestellt und etwa hundert Personen von privaten Reinigungsfirmen tummelten sich auf dem Platz. Lange hatte er diesen Ort nicht mehr so belebt gesehen.

Daniels Auftrag bestand darin, die Fläche der Innenstadt zwischen den privaten Reinigungsfirmen aufzuteilen. Er nutzte dazu das Zufallsprogramm und hatte anschliessend den Firmenbossen nur noch die Entscheidung des Programms mitzuteilen, was eine nervenaufreibende Angelegenheit darstellte – wollte doch jeder das grössere Stück um noch mehr als die anderen zu verdienen.

Auch über einen grossen, abgebrochenen Ast, mitten auf dem Platz, stritten sie sich, da er sich von den Reinigungsfahrzeugen nicht greifen liess. Konnte es die Maschine nicht erledigen, verlor ein Gebiet sofort seinen Reiz und sie stritten sich darum, diesen Teil nicht bearbeiten zu müssen.

Daniel sprang vom provisorischen Steg, der den Platz säumte herunter, nahm den Ast und warf ihn eigenhändig in den Container eines Reinigungsfahrzeugs. Er war sich absolut nicht zu Schade, solche Dinge selber zu machen – doch die Chefs waren überwältigt.

Bis er auf den Steg zurückgeklettert war, hatten sich die Bosse mit seiner Einteilung abgefunden, sodass nicht viel später lauter Reinigungsfahrzeuge ihre Arbeit aufnahmen. Er beneidete die Angestellten fast etwas, verfügten ihre Arbeitsprogramme doch über Funwork.

 

Daniel griff sich eines der herunterhängenden Rohre und verband es magnetisch mit dem mobilen Ausgabeelement seines Autos. Für seine nächste Aufgabe benötigte er einen neuen Zeiger für die Turmuhr. Eine Lieferbox brachte die benötigten Teile über das Röhrensystem und Daniel konnte den Zeiger aus dem Ausgabeelement entnehmen. Mit dem Zeiger machte er sich auf den Weg zu den beiden Türmen, die ebenfalls am Platz standen.

Der Uhrenmacher hatte bereits auf ihn gewartet, und montierte den Zeiger umgehend an der Turmuhr. Der Turm gehörte zur ursprünglichen Stadt St. Gallen, zu einer Kirche, wie er mal gehört hatte. Inzwischen diente die Kirche, wie jedes Gebäude der ursprünglichen Stadt, nur noch als Fundament für die Hochhäuser. Platzknappheit, Bevölkerungswachstum und Zuwanderung setzten den Städten zu und liess sie zusammenwachsen. Aus St. Gallen, Winterthur und Zürich ging die Megastadt St.Winterzürich hervor, eine von drei Grossstädten der Schweiz im Jahr 2041, neben Gelausion und Luzbern. Die kostspielige Versorgung von kleinen Städten und Dörfern konnte sich bald keiner mehr leisten, sodass die Bewohner in die Städte flüchteten, und ihre Häuser in den Dörfern verfallen liessen. Die Stadt St.Winterzürich mit ihren drei Innenstadtzentren, beheimatete knapp 18 Millionen Menschen, was sie zur grössten Stadt der Schweiz machte. Im internationalen Vergleich war es dennoch nur eine mittelgrosse Stadt. Die Errichtung von immer grösseren Naturzonen beschleunigte den Platzmangel und die Konzentration der Bevölkerung in grossen Städten. Dieser Ansturm auf die Städte wurde durch die Erfindung von Baurobotern bewältigt, welche den Bau von Hochhäusern enorm erleichterten und vergünstigten.

Bei der Vergrösserung der Megastadt, bestand der Denkmalschutz darauf, die Fassaden der ursprünglichen Häuser bestehen zu lassen. Diese wurden noch immer mit grossem Aufwand in Stand gehalten, doch mehr als höchstens ein kleiner Raum pro Gebäude, in dem der ursprüngliche Zustand des Gebäudes präsentiert wurde, blieb von der Altstadt nicht übrig. Man betonierte die Häuser mit Spezialbeton zu, danach dienten sie als Fundamente für die Wolkenkratzer. Wie in vielen Städten, insbesondere solchen die erst spät damit begannen, Hochhäuser zu bauen, verlor das Erdgeschoss seine Attraktivität. Höchstens die Nachbauten der ursprünglichen Stadt in den Connect-Etagen lockten gelegentlich noch Besucher an – doch man interessierte sich hauptsächlich für das Neue.

 

Sein nachdenkliches Betrachten der, vom Unwetter verwüsteten, Fassaden wurde durch einen lauten Schrei abrupt beendet. Daniel schaute nach oben und sah, wie jemand im Sicherheitsnetz lag. „Jetzt ist wieder einer von einer Wackelbrücke gefallen“, sagte er zum Uhrenmacher. Diese Seilbrücken blieben risikofreudigen Fussgängern vorbehalten und galten als neuer Trend. Der Boden bestand aus Einzelplatten, die nur über ein Seil miteinander verbunden waren, und das Geländer bestand ebenfalls nur aus einem Seil. Zusammen mit den teils heftigen Windgeschwindigkeiten führte das dazu, dass Daniel neben dem Abfall, nun hin und wieder auch Menschen aus den Sicherheitsnetzen zwischen den Hochhausschluchten fischen musste. Die Angelegenheit erledigte sich von alleine, da ein Rettungshelikopter den Verletzten bereits geborgen hatte, bis Daniel mit seinem Auto oben eintraf.

 

Als er wieder zurück bei seinem Wagen war, fragte sein Minitar: „Du hast alle Pendenzen abgearbeitet, bis auf eine. Möchtest du wie jeden Arbeitstag, jetzt die übliche Pause machen?“

„Heute ist die Zeit zu knapp, ich habe jetzt keine Lust in den 75. zu fahren und wieder zurück. Melde mich ab und starte headQnetz.“, befahl Daniel.

Er schrieb mit der linken Hand auf der unteren Seite des m-pates Nachrichten an seine Freunde, während er mit der rechten Hand die neu vorgeschlagenen Apps durchschaute. Wie immer trafen die Empfehlungen genau seinen Geschmack, doch er wusste nicht wie lange er für Mila sorgen musste und entschied sich daher fürs Sparen. Das m-pate registrierte sein Zögern beim Ablehnen der Empfehlungen und machte ihn auf den kostenlosen Trailer eines neuen Films mit Bonusmaterial aufmerksam. Gespannt sah er sich den Trailer für eine romantische Komödie unter Wasser an und aktivierte das Bonusmaterial. Dank dem Bonusmaterial projizierte das m-pate die Unterwasserwohnung des Paares aus dem Film, um Daniel herum und er konnte jedes Detail genau betrachten. In dieser projizierten Wohnung ging Daniel zum Dekoboard, auf dem eine Formmaschine stand und formte damit einige Figuren. Jetzt verstand er warum ihm das m-pate gerade diesen Film vorschlug, denn das nicht gekaufte App, dem er am meisten nachtrauerte, bot eine sehr ähnliche Funktion. Er beendete die Projektion und stand wieder bei seinem grünen Hochstadtauto, auf dem Rastplatz in der 25. Etage.

Daniel schaute sich kurz eine der Emotionen an, die er von einem Freund geschickt bekommen hatte. Durch Musik, Bilder, Formen, Farben und Duftkombinationen, die der Duftspender des m-pates gerade in Daniels Nase aufsteigen liess, konnte er die gesendete Emotion empfinden – ein grosser Trend in dieser Zeit. Leider konnte nur das iD‘ wirklich authentische Emotionen auslösen, dennoch zeigte sich Daniel erfreut über die Zusendungen.

Daniel schrieb gerade an einer Nachricht, als ihn eine Abstimmungsaufforderung der Stadt via headQnetz ereilte. Noch bevor er das Thema der Abstimmung gelesen hatte, öffneten sich drei Fenster neben der Nachricht. Das m-pate suchte in diesen Fenstern für Daniel die Meinungen zum entsprechenden Thema von seinen drei Lieblingsblogs heraus. Es stellte zudem ein Diagram mit den Meinungen seiner Freunde aus dem headQnetz zusammen, teils die Abstimmungsentscheide, teils die Vorhersagen derer m-pates. Zu der Vorhersage für Daniels Abstimmungsentscheid, lieferte sein m-pate auch noch einen dreizeiligen Text mit der gegenteiligen Meinung.

Wie das m-pate es vorhergesagt hatte, stimmte Daniel dafür, ein zusätzliches Grundstück der Stadt an die Firma Moonaspace Inc. zu verkaufen.

Daniel schrieb, diesmal mit seiner rechten Hand direkt auf den Bildschirm, da die Tätigkeit seine volle Aufmerksamkeit genoss: „Wie kann man dagegen sein? Moonaspace wird soviel Gutes tun also los, geht abstimmen!“, die Mitteilung stand sogleich all seinen Freunden zur Verfügung.

Auf dem Weg zu seiner letzten Aufgabe, wies sein Minitar ihn darauf hin, dass einer seiner Freunde aus der Hobby-App-Entwicklergruppe schon ziemlich weit war, mit der Entwicklung jenes anderen Game-Apps, dass er nicht gekauft hatte. Wenige Chats später öffnete er die bisherige Programmierung seines Freundes und zeigte sich überzeugt davon, die restliche Arbeit alleine abschliessen zu können - vielleicht nicht so gut wie die Profis, doch recht ordentlich. Die Zeit dazu fehlte ihm jedoch, denn er hatte sein Ziel bereits erreicht.

Das Sozialamt hatte ihn angefordert, die Cyberjunkies zu füttern. Er stieg aus, schloss eine der herunterhängenden Röhren an seinem Auto an, und nahm eine Drohne aus dem Kofferraum. Dann bestellte er die Nahrung, entnahm sie dem mobilen Ausgabeelement und hängte sie an die Drohne. Sobald sie ihre Kapazitätsgrenze erreichte, ging Daniel zum Fahrstuhl und fuhr in die 10 Etage. Er wohnte im selben Haus, nur eine Etage über diesen Leuten – was ihn immer wieder aufs Neue betrübte. Dafür war er danach schnell zuhause, dachte er sich und machte sich an die Arbeit.

Cyberjunkies hatten in der Regel kein Geld mehr. Die Bürgschaft der Stadt erlaubte es ihnen, sich einen Fullcybersimulator zu bestellen, wofür sich die Junkies in der Regel verschulden mussten. Die Stadt hatte keine Wahl, denn sie hatten keine Arbeitsplätze für diese Menschen und eigentlich keine Verwendung für sie, daher bürgten sie für jeden Kauf. Diese Kredite wiederum bildeten einen Bestandteil von lukrativen Finanzprodukten, die eine ganz andere - wesentlich vermögendere - Einkommensschicht kaufte und verkaufte. Die Rückzahlung eines eben solchen Kredits hatte Daniel in dieser Zeit zu leisten, da seine Mutter einen Fullcybersimulator gekauft hatte.

Das Sozialamt bekümmerte sich um die Verpflegung und medizinische Versorgung der Cyberjunkies. Diese Leute konnten in den Cyberwelten absolut alles sein, was sie sein wollten und ein glückliches Leben darin führen. Seine Mutter Sarah war darin die Tochter eines englischen Königs im 16. Jahrhundert gewesen, dennoch hatte sie jederzeit die Möglichkeit gehabt, eine andere Zeit zu besuchen. Was immer auch passierte, es gab stets die Möglichkeit, beliebig viele Schritte rückgängig zu machen. Es gab eine Verbindung zwischen den Cyberjunkies, sodass zu den computergenerierten Menschen in den Cyberwelten, auch reale Avatare einander besuchen konnten. Sie alle waren miteinander verbunden und ihre Anzahl stieg konstant auf einem eher hohen Niveau an.

Daniel hatte die Nahrungsmagazine aufzufüllen, wozu er ihre Wohnungen betreten musste – die in diesem Block identisch mit seiner Wohnung waren, nur stand an der Stelle des Wohnelements, der Fullcybersimulator. An der Decke hingen sicher tausend weisse Kugeln, aus denen unsichtbare Fäden herunter hingen, die einen liegenden Menschen in der Luft hielten. Dadurch liess sich jede Bewegung simulieren. Die Fäden waren an Mensch-Maschine-Schnittstellen angeschlossen, eine umstrittene Technologie, die in einer viel bescheideneren Ausführung, als Option auch beim iD’ zur Verfügung stand. Trotz aller Kritik verbesserte nur schon eine Schnittstelle, die Darstellbarkeit von Informationen enorm.

Es kam vor, dass manchmal ein Junkie die Cyberwelt verliess und einige Schritte in seiner Wohnung ging. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass nach ununterbrochenen Aufenthalten von mehr als sechs Monaten, die Muskulatur nicht mehr im Stande war, den Körper bei solchen Spaziergängen zu tragen. Darum musste Daniel bei den Leuten, die sich nicht im Simulator befanden, prüfen, ob sie nicht irgendwo in der Wohnung herumlagen. Glücklicherweise blieb ihm dies bei seiner heutigen Tour erspart, ebenso wie der zwangsläufig darauf folgende Aufenthalt in einem Gesundheitscenter.

Als seine Mutter sich für diese Art zu leben entschied, teilte er ihr Interesse und hatte durchaus Verständnis dafür. Auch er hatte den Fullcybersimulator schon ausprobiert und kaum einen Unterschied zur Realität festgestellt - sogar seine computergenerierte Mutter in der Cyberwelt hatte ihn überzeugt. Skeptisch wurde er erst, als seine Mutter ein Augenleiden bekam. Inzwischen wusste er von seiner Arbeit, dass es bei etwa 10% der Fälle zu Komplikationen kommen konnte. Die Technologie wurde stetig verbessert, dennoch entstanden immer öfters Krankheiten. Er blieb den Simulatoren gegenüber kritisch, dennoch hatte er keine andere Lösung parat – er wusste nur, dass es nicht seine Art zu leben sein würde.

Neben der Nahrungsverteilung las Daniel bei jedem Cyberjunkie auch die Gesundheitsgeschichte, um die richtigen Medikamente beizugeben. Glücklicherweise war die Medizin in der Lage, fast alle Krankheiten zu bekämpfen.

Das letzte Nahrungsmagazin war verteilt und er hatte Feierabend! Endlich, nach 5 Stunden und 20 Minuten.

 

 

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