2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 3 - Der Weg zur Arbeit

 

Daniel arbeitete bei der Stadtverwaltung von St.Winterzürich. In seiner bald siebenjährigen Laufbahn hatte er es inzwischen zum Springer geschafft, einer der beliebtesten Positionen in seiner Abteilung. Die Arbeit entsprach zwar noch immer nicht seinen Vorstellungen, doch wenigstens war sie nicht mehr so monoton, anspruchslos und schlecht bezahlt wie seine anfängliche Stelle als Bauroboter-Koordinator. Mit seiner 100% Stelle verdiente er noch immer wenig, doch in einem Jahr sollte er mit seinem jetzigen Gehalt, die Schulden los geworden sein – obschon er hoffte, bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bei der Stadtverwaltung arbeiten zu müssen. Anspruchsvoll war der Job auch nicht, die Stadtverwaltung verzichtete aus Datenschutzbedenken auf designte Arbeitsabläufe, genannt Funwork, wie sie seit längerem stark im Trend lagen.

Mit Funwork wertete man die langweiligen Jobs auf, indem über die Bedienung der alltäglichen Arbeiten ein Programm gespannt wurde, das den Benutzer auf spielerische und unterhaltsame Weise herausforderte und eher einem Game glich. Die Bedienung des Spiels löste dabei die Arbeitsfunktionen aus, ohne dass der Benutzer etwas davon mitbekam. Dank der abstrakten Darstellungsweise von Funwork, gelang es sogar, gewisse Arbeitsabläufe noch effizienter zu erledigen als ohne das Programm.

 

Daniel verliess den Fahrstuhl im 75. Stock seines Wohnhauses. Dieses war eine Connect-Etage, die alle Hochhäuser der Innenstadt miteinander verband und wo sich das Leben der Innenstädter abspielte. Überall eilten Geschäftsleute zur Arbeit, es gab Essensstände die Realfood anboten, farbenfrohe Blumen und Pflanzen blühten in den lichtdurchfluteten Parks, schöne architektonische Sinnlosigkeiten boten Sitzgelegenheiten und überall präsentierten Künstler ihr Können.

Daniel machte einige Schritte zum Rollweg, der ihn über eine Brücke zu einem der benachbarten Hochhäuser beförderte. Brückenhändler hatten entlang der Brücke beidseitig ihre Geschäftsboxen installiert. Die Geschäfte verbauten einem somit den seitlichen Blick von der Brücke. Nur der Blick nach oben zum Himmel verriet einem die Tatsache, dass man sich auf einer Brücke befand.

Daniel sah gerade nach oben, als ein Helikopter am firmeneigenen Steg andockte und ein Geschäftsführer auf diesem Weg sein Büro betrat.

Plötzlich hörte er eine lokale Werbebotschaft über seine Kopfhörer. „Verdammt, mein Anti-Werbungsabo ist ausgelaufen.“, murmelte er vor sich hin und stieg kurz vom Rollweg ab. Auf dieser Brücke boten viele Geschäfte die gleichen Produkte an, unter anderem einen Werbeschutz. Daniel betrat eine solche Geschäftsbox und bat um eine Verlängerung seines Vertrags. Die Dame füllte freundlich einen entsprechenden Antrag aus. Währenddessen musste Daniel Musik abspielen, um die Werbebotschaften zu übertönen. Eine Berührung auf seinem m-pate reichte aus, und seine Lieblingsmusik erklang: das Rauschen eines Flusses, begleitet von der – seiner Meinung nach – begnadetsten Sängerin der Neuzeit namens Q. Wenn immer die Verkäuferin eine Frage wegen des Antrags stellte, schnitt das m-pate die notwendigen Töne aus, damit er sie verstehen konnte, ohne dabei die Wiedergabe zu unterbrechen. Die Lautstärke ihrer Stimme wurde dabei so angepasst, dass Daniel bei seiner Antwort automatisch in der richtigen Lautstärke sprach, da er sie ja nicht anschreien wollte. Sein linker Lautsprecher, der an seiner Ohrmuschel klebte, funktionierte wieder nicht richtig. Während er verärgert daran rumfummelte, und sich dabei wünschte, statt des alten m-pates, ein iD’ mit automatisch ausrichtenden Lautsprechern zu besitzen, schweifte sein Blick über das Souvenir-Sortiment des Geschäfts und blieb bei einer Schneekugel hängen. Etwas faszinierte ihn daran, hatte er nicht etwas von einer Schneekugel geträumt? Was war das noch gleich? Er nahm die Schneekugel in die Hand und streifte mit seinem Finger über den Sockel. Genau, Mila liebte Schneekugeln, das wars. Er entschied, ihr eine mitzubringen.

Mila mochte zwar Schneekugeln, doch für eine Nanosekunde wollte ihm sein Gehirn eine andere Information zu der Schneekugel geben. Erneut überkam ihn ein ungutes Gefühl.

 

Mit einem Fingerabdruck unterzeichnete er den Antrag, Sekunden später sagte die Dame: „Antrag angenommen. Mit ihrem verfügbaren Einkommen zählen sie sowieso zu keiner werberelevanten Zielgruppe. Aber keine Sorge, bei mir steht jeweils dasselbe. Doch das hat auch sein Gutes: Die Aboverlängerung des Werbeschutzes kostet dadurch fast nichts.“

Er bezahlte per m-pate und verliess das kleine Geschäft. Sich von einer Brückenverkäuferin wieder einmal sagen lassen zu müssen, wie kläglich sein Lebensstil war, das musste in ihm das schlechtes Gefühl verursacht haben. Er tröstete sich damit, dass er gut im Plan für den neuen Job lag – und er dachte nicht mehr weiter darüber nach.

Von einem anderen Brückenverkäufer liess er sich auf dem Rollweg die Zähne putzen. Der Verkäufer war gerade fertig, als er sein Ziel erreichte. Er stieg ab und traf auf Sierra, eine Bekannte, die er damit beauftragt hatte, ein passendes und günstiges Massage-Shirt für ihn zu finden. Sierra, die ihm bei dem undurchschaubaren Angebot an Shirts weiter half, freute sich, ihren Fund zu präsentieren. Er betrachtete das Shirt an seinem lebensgrossen Ebenbild auf einer Projektion von Sierras m-pate. Mit einer Handbewegung konnte er die Projektion des Shirts auf seinen Körper ziehen, die Luftsimulatoren des Geräts simulierten auch kurz die Funktionen und den Tragekomfort. Mit einer Handbewegung beendete Daniel die Simulation und bestellte das Shirt, jedoch eine halbe Nummer grösser. Sierra veranlasste umgehend die Lieferung und Daniel bezahlte per m-pate.

 

 

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