2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 19 - Montag - doch anders

 

Wie hätte Dany Allegras Bitte, den Alltag normal weiterzuleben, abschlagen können, nachdem was sie ihm gezeigt hatte? Wie gewöhnlich ging er also diesen Montag ins Büro. Die ganze Abteilung versammelte sich in der Kantine. Ein Kollege sagte Dany, dass Levon eine Ankündigung zu machen habe.

Levon berichtete, dass er bei der neuesten Lieferung von Lithiumelementen – die Dany eingekauft hatte – einen Verbinder deklariert habe, durch dessen Eliminierung, sich 200 Treibstoffelemente extrahieren liessen. Wie aussergewöhnlich, dachte sich Dany, und er hatte einen durchaus entscheidenden Beitrag zu diesem Durchbruch geleistet. Seit Allegra ihm mehr über Levon erzählt hatte, genoss Levon sein ehrliches Mitgefühl. Daher gehörte Dany zu den Ersten, die Levon zu seiner herausragenden Arbeit gratulierten. Levon schien etwas irritiert und verabschiedete sich mit einem bösartigen Lächeln.

Dany hörte in der Pause von Levons Wutausbruch in der Vorwoche, wobei Levons Sofa das Konferenzzimmer zerstört hatte. Dany äusserte gerade sein Bedauern den Kollegen gegenüber, jene Szene verpasst zu haben, als Levon schreiend aus dem Büro des Vorgesetzten lief und schrie: „Wie können die es wagen, mich von einem scheiss Handlanger rauswerfen zu lassen! Das lass ich mir nicht bieten!“

Fluchend holte er einige Dinge aus seinem Büro und stolzierte weiterhin lautstark protestierend aus der Abteilungskugel. Die Kollegen und Dany beobachteten ihn weiter, wie er draussen versuchte, seinen Heli zu starten – was ihm offenbar nicht gelang. Er schrie und beleidigte jeden, dem er begegnete.

„Offenbar war das ein Firmenhelikopter, den er nun nicht mehr nutzen darf.“, hörte Dany einen Kollegen sagen.

Levon warf etwas gegen den Heli, was einen kleinen Schaden daran verursachte und stürmte zurück ins Büro. Die Belegschaft bekam es mit der Angst zu tun, den Levon war ausser sich vor Wut. Sie bekamen ein ungutes Gefühl dabei, als er zu ihnen zurückkehrte.

„Wie können die es nur wagen?!“, schrie er, kombiniert mit diversen Schimpfworten, auf seinem Weg zurück zum Abteilungsleiter.

Gespannt sahen alle nach oben. Es knallten Gegenstände umher, welche die äussere Hülle der Bürokugel des Abteilungsleiters beschädigten. Levon schien bekommen zu haben, wonach er verlangte, denn der Abteilungsleiter, der aussah als hätte er den einen oder anderen Schlag von Levon kassiert, rannte aus seinem Büro und verliess das Gebäude fluchtartig.

Levon ging erneut zu seinem alten Büro und schlug einige Scheiben der Kugel heraus – nun war auch den andern klar, das sie das Gebäude besser verlassen sollten.

Gerade als der Letzte raus war, stürzte Levons Bürokugel herunter. Er hatte die Seile durchgeschnitten und flüchtete nun vor der Security durch die Tiefgarage. Die Bürokugel hatte auf ihrem Weg nach unten weitere Büros zerstört und lag inzwischen in einem Scherbenhaufen, dort wo früher ihre Kantine stand.

Dany verstand die Welt nicht mehr. Levon wurde gefeuert, gerade als er der Firma einen enormen Dienst erwiesen hatte. Nachdem sich alle wieder etwas beruhigt hatten, rief der Abteilungsleiter Dany in ein provisorisches Büro um ihn über einige Veränderungen zu informieren. Da er nun der produktivste Mitarbeiter der Abteilung war, bot man ihm die Leitung aller Treibstoffabteilungen an. Er verdiente damit das Fünffache und offenbar besass er nun das Vertrauen der Basols. Dany nahm den Job freudig an.

Er wollte sofort Allegra die gute Nachricht mitteilen, als er eine Nachricht von Levon auf seinem iD’ bemerkte: „Dany, die Raumschiffe fliegen nicht mit Lithium – wir haben nie Treibstoff hergestellt. Natürlich glaubst du mir nicht, aber hoffentlich deiner Schwester Mila.“

 

Dany verstand nicht und versuchte verzweifelt und erfolglos Mila zu erreichen.

 

Levon raste zum Stadthaus der Basols und traf Dionys. „Sie werden rausfinden was du tust, es sei denn, ich verhindere es. Diese Scheisse lasse ich nicht länger mit mir machen. Entweder du sorgst dafür, dass ich sofort Allegra oder ihre Schwester heirate“, warf er Dionys an den Kopf und fuhr dann ruhig und eiskalt fort: „oder ich helfe ihnen. Du hast keine Wahl, ohne mich kannst du den Ausbau der Mondstation nicht wiederaufnehmen und der Baustopp wird auffallen. Du weisst wie knapp ich dies letztes Mal verhindern konnte. Du brauchst die Geldmittel die ich dir besorgen kann, um die Fassade weiter aufrecht zu erhalten.“

„Es steht ausser Frage, dass du Andrea bekommst. Ihre Verlobung hat mich ein Vermögen gekostet. Nur darum ist es zu einem Baustopp gekommen. Ohne die Familie von Andrea‘s Verlobten können wir sofort aufhören.“, sagte Dionys.

„Dann unternimm etwas das Allegra endlich einlenkt.“, sagte Levon verzweifelt, denn er kannte ihre Einstellung.

„Du willst mich erpressen? Was willst du machen, mich verraten? Sie werden dich dadurch niemals wieder aufnehmen. Das nützt gar nichts, es zeigt nur, dass du entbehrlich wirst, wenn Allegra dich nicht will.“, sagte Dionys kalt.

„Sie vermutet es und schon bald wird sie Gewissheit haben.“, sagte Levon verzweifelt.

Dionys Miene änderte sich zum ersten Mal und man sah seine Wut.

 

Dany musste seine privaten Versuche Mila zu erreichen – die sowieso ins Nichts führten – unterbrechen, denn man beauftragte ihn, Levons Arbeit nochmals zu überprüfen, was höchste Priorität besass. Dafür schloss man die ganze Buchhaltungsabteilung, damit er dort in Ruhe seiner Arbeit nachgehen konnte. Seine Abteilung stand schliesslich nicht mehr zur Verfügung, nach den Verwüstungen, die Levon angerichtet hatte.

 

Eine aufgeregte Allegra rief Dany an: „Hör zu, ich habe wenig Zeit und Vater ist auf dem Weg zu mir.“

Sie sprach so gedrängt und in Eile, dass Dany sich nicht traute, sie zu unterbrechen.

„Wie ich dir sagte, habe ich jeweils Bericht erstattet über unsere Firma – sagen wir mal, dem Verwaltungsrat. Das ist immer gut gegangen, bis sich dieses Mal die Vorsitzende ausserhalb einer Sitzung an mich gewandt hat. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass sie von Anfang an misstrauisch dem Projekt gegenüber war und daher ihren bemerkenswerten Einfluss nutzte, um das Projekt genau unter Kontrolle zu halten. Die Vorsitzende erzählte mir von einem Bericht, der Onlineaktivitäten von Personen auf der Erde meldete, als diese auf der kommunikationslosen Seite des Mondes sein sollten. Es gab also Menschen, die nicht an dem Ort waren, an dem sie eigentlich sein sollten.“, sagte Allegra.

„Wie kann das sein? Schliesslich kann jeder Mensch überall auf der Welt geortet werden und dies durch die verschiedensten Quellen.“, fragte Dany aufgeregt und fügte an: „Wo waren sie also?“

Allegra: „Nun sie können nicht an beiden Orten gleichzeitig gewesen sein. Also waren sie auf der Erde oder auf dem Mond oder gar nichts von beidem. Es gab schliesslich eine Untersuchung und man bemerkte menschliches Versagen. Der Verwaltungsrat begnügte sich mit dieser Erklärung, nicht jedoch die Vorsitzende. Also machte sie sich die Mühe, sich all unsere Passagierlisten durchzuschauen. Sie rechnete es mehrfach durch und kam immer wieder zum Schluss, dass die Mondstation derzeit 50 Suiten zu wenig hatte, um alle Gäste und Daueraufenthalter unterzubringen. Sie wollte diesen Umstand vorbringen, also ging sie den korrekten, formellen Weg und zog einen Notar bei. Als dieser die Listen prüfte, gab es keine Diskrepanz mehr und sie hatte kein Argument mehr. Doch sie schwört, dass die Listen zuvor nicht stimmten. Ausserdem fand ich heute ein geheimes Dokument, welches einen Baustopp seit letzter Woche an der Mondstation verrät. Es scheint einen Liquiditätsengpass bei uns zu geben, der den Bau verzögert. Dennoch hat es keine Auswirkungen auf den Flugverkehr, die Transfers gehen wie immer von statten – da stimmt etwas nicht.“

„Ich verstehe es auch nicht. Levon wurde heute gefeuert und er hat mir eine komische Nachricht hinterlassen.“, sagte Dany. Allegra unterbrach ihn: „Er wurde gefeuert? Bist du ganz sicher, dass er nicht gekündigt hat?“

„Ja ganz sicher, er hat das halbe Büro verwüstet vor lauter Wut.“, sagte Dany.

„Das gefällt mir gar nicht. Und es erklärt warum Vater hier so unangemeldet auftaucht. Dany ich muss auflegen, er ist hier.“, sagte sie und noch bevor Dany antworten konnte, war sie nicht mehr in der Leitung.

Er wusste nicht was er tun sollte. Allegra beunruhigte ihn, doch seine Sorgen liessen nach, als er sich dessen bewusst wurde, dass ihr Vater sie ja besuchte.

Sein neuer Boss drängte ihn, mit der Arbeit fertig zu werden. Dany versuchte noch einmal, Mila zu erreichen – ein weiteres Mal erfolglos. Er konnte nicht viel tun, also entschied er, wie er es Allegra versprochen hatte, seine Arbeit normal weiter zu erledigen, um keinen Verdacht zu erwecken.

Während er, wie befohlen, auf die Genehmigung seiner Arbeit durch die Geschäftsleitung wartete, versuchte er, Levon zu erreichen. Auch ihn erreichte er nicht. Er dachte über Allegras Worte nach, doch das Ganze machte einfach keinen Sinn für ihn.

Die Geschäftsleitung war speziell für Levons Durchbruch hinzugezogen worden, da sich niemals zuvor 200 Treibstoffelemente auf einmal extrahieren liessen. Dany hatte in Levons Arbeit keinen Fehler gefunden, trotzdem schien sich die Geschäftsleitung noch länger beraten zu müssen, also entschied er trotz anders lautender Weisung, kurz die bediente Kantine einer anderen Abteilung aufzusuchen.

 

Er traf auf Dora, eine höhere Mitarbeiterin der persönlichen Kundenbindungs-Abteilung. Offenbar hatte sie schon von seiner Beförderung erfahren und da die Treibstoff-Abteilung der Chefetage näher war als ihre, dachte sie ganz offensichtlich, dass es nicht schadet, wenn sie sich mit Dany anfreunden würde. Also erzählte sie von einem Fall, den sie gerade bearbeitete: „Unsere Klientin hat uns beauftragt, eine Liebesbeziehung für sie zu beenden.“

Dany sagte: „Ich finde es immer noch sehr gewöhnungsbedürftig, dass wir solche Aufgaben für unsere Kunden als Service erledigen.“

„Nun ja, es bindet die Kunden natürlich sehr an uns und wir erledigen etwas für sie, was sie nicht gerne tun – und das ist eigentlich nichts Verwerfliches. So funktioniert die ganze Wirtschaft. Man stellt jemanden an um etwas zu tun, was man nicht selber machen kann oder will.“, antwortete sie.

Dora hatte etwas an sich, dass Dany brennen liess, die Geheimnisse eines anderen Menschen von ihr zu erfahren. Zudem konnte es nicht schaden, seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken, als auf seine Probleme, die derzeit nicht lösbar schienen. Also sagte er mit einem beschämten lächeln: „Also gut und was ist dann mit der Klientin passiert?“

Dora war ihre Freude anzusehen, ihm das Geheimnis verraten zu können – wie sie ihren Job doch liebte. Sie erzählte: „Die Frau ist verheiratet, doch sie hatte immer ein Geheimnis. Ihr Mann wusste, dass sie ihm nicht immer alles erzählte, doch er vertraute ihr. Sie verkaufte Teile der Einrichtung und machte die verrücktesten Sachen, um ihre Vergangenheit zu verschleiern. Das musste sie tun, denn sie wurde erpresst und zwar vom Vater ihres Kindes. Dieses Kind stellte auch das Geheimnis dar, welches sie vor ihrem Mann verschwieg. Ihr Mann drehte fast durch, denn die Frau verzettelte sich in Lügen und Betrügereien um das Geheimnis zu bewahren. Es kam der Moment, als ihr Mann so verzweifelt war, dass sie ihm das Geheimnis anvertraute. Sie gestand ihm, dass sie ein Kind habe. Sie war sehr froh, als sie die Sache endlich gestanden hatte, denn sie liebte ihn wirklich. Sie führten ein Gespräch in dem sie völlig ehrlich einander gegenüber sein konnten und beide genossen es. In dieser Atmosphäre des Vertrauens versprach sie, keine Geheimnisse mehr vor ihm zu haben. Doch dies war eine Lüge. Sie hatte ihm gesagt, dass sie das Kind zur Adoption frei gegeben hatte, doch in Wahrheit war sie eine Ex-Insics, genau wie ihre zwei Kinder und ihr früherer Mann. Die Ereignisse überschlugen sich und sie konnte ihr Leben nicht mehr weiterführen und auch nicht zurück in ihr Insics Leben. Ich will dich jetzt nicht mit Details langweilen, doch so war es. Sie entschied sich, ein neues Leben auf dem Mond zu beginnen und deshalb wollte sie die Beziehung mit ihrem Mann durch uns beenden lassen.“

„Es ist ja ziemlich einfach, wie ihr da vorgehen solltet.“, sagte Dany.

„Ach ja? Was schlägst du vor?“, fragte Dora und brannte auf seine Antwort.

„Sie hatten dieses ehrliche und vertrauensvolle Gespräch. Dennoch log sie. Es ist das Einfachste, wenn sie gesteht, dort gelogen zu haben. Wenn in diesem Moment der Reinheit gelogen wird, ist alles andere wertlos.“, sagte Dany.

„Das ist brillant. Sie muss nur darauf Bezug nehmen und die Beziehung ist tot. Ausserdem wird er ihr nicht mehr nachlaufen und keine Nachforschungen mehr anstellen – und dies ist gleich ein weiteres Ziel, das sie bei der Auftragserteilung definiert hat. Ich danke dir und du kannst jederzeit in unsere Abteilung wechseln!“, schwärmte sie.

 

Wenig später meldete sich die Geschäftsleitung und gab den Beschluss bekannt. Sie erlaubten die Eliminierung des von Levon vorgeschlagenen Verbinders – was Dany nicht weiter überraschte, schliesslich arbeiteten sie immer auf solche Erfolge hin. Was ihn hingegen überraschte war, das einige perfekte Lithiumnetze, die er verbunden hatte, gesperrt wurden und dies ohne weitere Erklärung. Dany gab die 183 Treibstoffeinheiten weiter, auch wenn er den anderen 17 etwas nachtrauerte, die nicht genehmigt wurden.

 

Dany kam nach Hause und freute sich, Allegra dort vorzufinden. Er hoffte endlich einige der Verwirrungen des Tages mit ihrer Hilfe auflösen zu können und wollte sie zur Begrüssung umarmen. Doch sie macht einen Schritt zurück.

Allegra: „Es ist genau hier gewesen, als ich zurück kam und ausser mir war. Du hast dich gewundert, was mich so aufgewühlt hat, doch dann hast du dich lieber auf dein Selbstmitleid gestürzt, dass du meiner Familie nicht genügst. Erinnerst du dich?“

Dany nickte verwundert.

Allegra: „Ist es nicht komisch, dass du dein Selbstmitleid mir vorgezogen hast?“

Dany sagte beunruhigt: „Es tut mir leid, ich weiss nicht warum ich plötzlich das Interesse daran verlor. So bin ich doch normalerweise nicht.“

Allegra: „Ich habe dir ein ganz klein wenig gezeigt, was in meiner Welt möglich ist. Daher solltest du verstehen, dass ich auch die Möglichkeit habe, dich zu beeinflussen. Ich habe den Fokus auf dein Selbstmitleid geleitet, sodass du nicht nach mir fragen konntest.“

Dany: „Aber warum hast du das gemacht?“

Allegra sagte mit trauriger Stimme: „Ich habe damals erfahren, dass unsere Beziehung enden wird. Ich wollte es nicht wahrhaben und habe alles versucht, mich zu wehren. Doch es geht nicht. Ich werde Levon heiraten.“

Dany konnte es nicht glauben: „Was?“, rief er verzweifelt.

Seine Welt brach zusammen doch da erinnerte er sich, dass er einen super Job hatte und sein Leben liebte – Allegra war nur eine Frau und es gab schliesslich noch andere.

Allegra: „Siehst du, ich kann dich manipulieren.“

Dany: „Du warst niemals ehrlich mit mir, nicht? Auch als wir nach unserer kurzen Trennung, das ehrliche und vertrauensvolle Gespräch führten, hast du mich bloss manipuliert.“

Offenbar war sie dazu in der Lage und er musste sich fragen, seit wann sie ihn schon manipulierte. Möglicherweise hatte sie jeden Moment, den die beiden gemeinsam verbrachten, manipuliert und nichts davon war jemals echt gewesen. Er hatte genug. Er hielt sich an reale, handfeste Tatsachen. Er hatte sich ein Leben aufgebaut, er hatte seine Beförderung verdient weil er sehr gute Arbeit leistete und er hatte jetzt die Voraussetzungen, die er immer für ein Leben haben wollte, das er für lebenswert hielt. Allegra wollte gehen, also entschied er, sie gehen zu lassen.

Er verstand vieles nicht, was um sie herum geschah und eigentlich war er froh, nicht mehr ihr Trottel zu sein. Er ging in den zweiten Stock seiner Wohnung und arbeitete um seine Gedanken produktiv zu nutzen. Stunden später war er erschöpft und befand sich auf dem Weg ins Bett, als ihn eine dringende Nachricht erreichte. Seine Bank informierte ihn über den Eingang der Antrittszahlung für seinen neuen Job. Die Summe war gewaltig und verschaffte ihm unverhofft wieder etwas Energie, die er zum shoppen nutzte.

 

Dany erlebte eine wundervolle Woche, in der es ihm gelang, sich von allem zu distanzieren, all den Manipulationen und Verwirrungen, die Allegra angerichtete hatte. Zwei Tage des Wochenendes waren schon vergangen, er hatte sie für ausgiebige Shoppingtouren genutzt und fiel am Abend müde in sein selbst bezahltes Bett in seiner traumhaften Wohnung. Seine Arbeit war wirklich brillant. Alle Vorgesetzten waren mehr als zufrieden mit ihm und er war stolz darauf, sich mit seiner Leistung zu beweisen, und seinen Lebensunterhalt selber zu verdienen.

 

Mitten in der Nacht erwachte er schweissgebadet. Ein Alptraum hatte ihn aufgeweckt. Er legte seinen linken Daumen auf seinen linken kleinen Finger und bewegte die Hand nach vorne, um sein m-pate zu öffnen. Diese Handbewegung, die er beim iD’ nicht mehr machen musste, erinnerte ihn wieder an den Traum der ihn aufgeweckt hatte. Er hatte schon einmal davon geträumt, damals als er sich noch kein iD’ leisten konnte. Er hatte diese Bewegung in seinem Traum gemacht, in einer Villa, die bis oben hin gefüllt war mit originalverpackten Gütern. Er musste auch an den beunruhigenden, menschenleeren Raum denken, in dem fein säuberlich aufgereiht, bestimmt einhundert Liegen standen.

Er träumte praktisch nie, und nun hatte er wieder diesen unglaublich realen Traum der ihn mit einem wirklich schlechten Gefühl aufwachen liess. Er ging nach unten und erinnerte sich, wie Allegra bei ihrer Rückkehr wirkte. Sie sprach damals von einem Fehler, etwas derart Schlimmem, dass sie ihn nicht damit belasten wollte. Es machte ihn verrückt, denn er wusste, dass sie ihn manipulieren konnte und daher konnte er sich nicht mehr auf seine Wahrnehmung verlassen.

Was wusste er? Er wusste das Levon nicht glücklich war, als er Moonaspace verliess. Das machte keinen Sinn, schliesslich hatte er, nachdem was er von Allegra bei ihrem letzten Gespräch erfahren hatte, ja das bekommen, was er immer wollte. Die beiden wollten heiraten. Dennoch hatte man ihn bei Moonaspace nicht wieder eingestellt.

Er erinnerte sich an diesen Moment, in dem er fühlte, dass Allegra und ihn niemals etwas auseinander bringen würde, sie einander immer glauben würden. Der Moment war so voller Reinheit und Aufrichtigkeit, es fiel ihm schwer zu glauben, dass sie ihn so gut manipulieren konnte.

Was wenn sie ihn wirklich nur das eine Mal manipuliert hatte? Was wenn es wirklich wichtig war, dass er seinem Job weiter nachging, damit sie ohne Aufsehen ihre Recherchen anstellen konnte? Sie hatte von Tatsachen gesprochen, von fehlenden Plätzen auf der Mondstation und diesen Ungereimtheiten.

Vielleicht war er zu vehement gewesen mit seinem Misstrauen. Er hätte sie nicht vollständig abschreiben sollen – es war zu einfach und es half ihm nur, weiter komfortabel seiner Arbeit nachzugehen, anstatt herauszufinden, was wirklich los war.

Er erinnerte sich an Dora und seinen Ratschlag, jemanden wegen einer Lüge in einem Moment der Reinheit, vollumfänglich abzuschreiben. Es gab eben nicht nur richtig und falsch – vielleicht hätte er mehr Verständnis für den Mittelweg aufbringen sollen.

Er entschied herauszufinden, was wirklich vor sich ging. Doch wie sollte er das nur anstellen?

 

Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass er einen Ansatz hatte, der real war und dem er folgen konnte. Levons Nachricht. Er musste Mila finden.

Seit seiner Beförderung hatte er nicht mehr versucht Mila zu kontaktieren. Während er versuchte, sie anzurufen, wunderte er sich über sich selber. Er wollte Mila so unbedingt erreichen, doch die Geschehnisse der letzten Zeit liessen sein Interesse dafür temporär komplett verschwinden.

Leider erreichte er Mila noch immer nicht, wie ihn sein iD’ informierte. „Mila lokalisieren?“ erschien als weitere Option, die sein iD’ vorschlug, neben schriftlich kontaktieren und Videomail. Er kannte die Option nicht, sie musste neu sein. Offenbar gehörte sie zu seiner erweiterten Zugriffsberechtigung, die er durch seine Beförderung erhielt. Daher entschied er, sie anzuwählen.

Das System versuchte ein GPS Signal von Mila zu bekommen, was nicht funktionierte, da Milas iD’ ausgeschaltet war. Nur Mila konnte es in den Sinn kommen, das iD’ mal auszuschalten, ärgerte sich Dany.

Das System begann, Mila mittels Gesichtserkennung zu lokalisieren. Da dem System offenbar der Zugriff auf sämtliche Überwachungskameras gewährte wurde, benötigte es einige Zeit dafür.

Das System meldete, das Mila in den letzten drei Tagen von keiner Kamera in der Stadt erfasst wurde und fragte, ob die Suche weiter in der Vergangenheit fortgesetzt werden solle. Dany brach dies ab, da er vermutete, dass Mila sich sowieso im Ausland aufhielt und ausser Reichweite von jeder Kamera. Er wandte sich lieber seinen neuen Zugriffsberechtigungen zu.

Dany war überwältigt von den neuen Funktionen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass dies legal war.

Etwas später realisierte er, dass man in der Hektik seiner Beförderung, ihm einfach die Zugriffsrechte von Levon übertragen hatte. Das weckte seine Neugierde.

Er verschaffte sich Zugang zu seiner gewohnten Datenbibliothek und schob sie zur Seite. Für gewöhnlich benötigte er für seine Arbeit nur diese Daten, also gab es für ihn keinen Grund, zum Grundspeicher zu wechseln. Doch jetzt tat er genau dies.

Der Grundspeicher war eine schwebende, weisse Kugel, an der lauter dünne Arme mit kleineren Kugeln befestigt waren. Diese stellten die Datenbibliotheken aller Mitarbeiter von Moonaspace dar. Sofort sah er Allegras Zugang und versuchte ihn zu öffnen, doch der Zugriff wurde ihm verweigert. Er sagte „Levon“ und Levons Zugang hob sich von den anderen hervor. Dany öffnete Levons Bibliothek und erhielt Zugriff darauf. Jetzt würde er endlich das Geheimnis lüften können, weshalb Levon viel effizienter arbeiten konnte als er.

Er rief Levons Treibstofffilter auf um seine Arbeit nachvollziehen zu können. Leider befanden sich diese in einem privaten Ordner, auf den er nur mit einem Passwort Zugriff hatte – welches ihm fehlte. Er hatte das Gefühl etwas Verbotenes zu tun.

 

Dany zuckte zusammen, als jemand an der Tür klingelte. Er holte sich das Bild auf den Schirm und sah Mila! Er liess sie herein.

„Sie haben Levon getötet!“, rief Mila ganz ausser sich.

Dany versuchte sie zu beruhigen und sagte: „Bist du sicher?“

„Natürlich! Gestern hat Allegra mir die Freundschaft gekündigt und heute sehe ich wie Levon tot auf dem Bett liegt. Sie werden es bestimmt mir in die Schuhe schieben.“, sagte sie.

„Wo bist du überhaupt gewesen? Ich verstehe nicht.“, sagte Dany.

„Ich bin mit Levon zusammen, das heisst ich war es.“, lüftete Mila ihr Geheimnis.

„Als ich euch das letzte Mal zusammen sah, hast du ihn noch gehasst. Was ist passiert?“, fragte Dany verwirrt.

„Er kann auch sehr nett sein. Und ich konnte so vieles von ihm lernen. Ich war die ganze Zeit über bei ihm. Er ist kein schlechter Mensch, er ist nur verzweifelt. Er sagte, dass du es verstehen würdest, wenn du es siehst. Ich habe sein Passwort. Mach deine Moonaspace-Arbeit mit seinem Filter und du wirst es verstehen.“, sagte Mila.

Dany verschaffte sich mit dem Passwort von Mila Zugriff auf Levons private Dateien. Er stand auf dem Lithiumfeld und lud Levons Filter. Er hatte seine besten Ergebnisse damit erzielt, sich die Elemente als Fahrzeuge darstellen zu lassen und wartete nun gespannt auf Levons Filter. Er verwandelte die Elemente nicht in Fahrzeuge, sondern in Menschen.

 

Er wählte einen Menschen aus und sofort erkannte er die Verbindungen, die dieser Mensch zu anderen Menschen hatte. Das System hatte die Art der Verbindung zwischen zwei Menschen anhand von gesammelten Daten definiert und so konnte er sehen, warum diese Zwei miteinander verkehrten. Er hatte auch Zugriff auf alle gesammelten Daten und zwar unverschlüsselt - nicht nur die Aufzeichnungen der iD’s und HeadQnetz, sondern auf alle gesammelten Daten zu einer Person aus jeglichen Datenbanken. Sein Autofilter zeigte ihm beispielsweise zwei konzernverwandte Autos, die den gleichen Motor besassen. Anhand dieser Darstellung war es ihm möglich gewesen, die Verbindung zwischen den zwei Autos zu verstehen. Doch jetzt sah er, dass diese Informationen dafür standen, dass zwei Menschen zusammen zur Schule gingen und dort den gleichen Motor oder Antrieb für eine Sache entwickelten – was sie verband. Er hatte Zugriff auf Überwachungsvideos um einschneidende Erlebnisse dieser Zwei zu beobachten und war so in der Lage, die Menschen viel gezielter voneinander zu trennen als er dies zuvor mit den Autos hatte machen können. Anhand von Autos liess sich nicht das ganze Spektrum von menschlichen Verbindungen darstellen – mit Menschen war dies natürlich viel einfacher. Daher hatte Levon also so schnell gearbeitet.

 

Jedes Menschenleben liess sich detailliert rekonstruieren und darstellen, da alles über jeden gespeichert war und sich nutzen liess. Es gab archivierte Anrufe, Chats, Finanzunterlagen, Einkaufsverhalten und gespeicherte Gedanken, die ein elektronisches Gerät aufgezeichnet hatte, wie seine Ellen. Dadurch zeigte sich auch, wie oft zwei Menschen miteinander verkehrten - worüber sie sprachen definierte, ob eine Beziehung relevanter war oder weniger. Er sah wofür sie sich interessierten, wie alt eine Beziehung schon war, welchen Humor sie besassen, welcher Arbeit sie nachgingen und er kannte auch detailliert ihren Geschmack.

Das System konnte die Daten intelligent verbinden und einfach darstellen, sodass Dany damit mehr über einen Menschen wusste – als dieser selbst. Alles war sofort präsent, auch die detaillierte Vergangenheit dieser Menschen.

 

Dany begann mit seiner Arbeit und versuchte eine Gruppe von 20 Menschen zu definieren. Da er alle Daten hatte, war es für ihn ein leichtes, neue Verbindungen zu erstellen und alte zu beenden. Gerade weil das System sofort auf alles Zugriff hatte, war es für Dany einfacher, die Beziehungen zu ändern, als für den betreffenden Menschen. Denn Dany wusste alles, er kannte durch das System beide Parteien und wusste was sie wollten – sogar wenn sie es selbst nicht wussten. Er konnte auf fast jede Feinheit einer Beziehung eingehen und diese berücksichtigen.

Die Intelligenz des Systems verängstigte ihn, denn es konnte theoretisch beendete Beziehungen, sowie neue Beziehungen dank eines Simulators überprüfen.

Sobald er mit Levons Filter ein Netz von 20 - 25 passenden Lithiumelemente beisammen hatte, konnte er das Sortierungsmuster auf den restlichen Lagerbestand anwenden. Dank des superdetaillierten Sortierungsmusters fand das System viel mehr Treffer als er es gewohnt war. Levon brauchte nur ein Muster zu fertigen und konnte damit locker eine Woche lang, doppelt so produktiv sein wie ein gewöhnlicher Mitarbeiter mit Autofilter, ohne überhaupt arbeiten zu müssen.

Dany beendete die Simulation und sah Mila wieder vor sich.

 

Mila: „Er hat es dir gesagt, nicht? Du stellst keinen Treibstoff her. Du machst Menschengruppen.“

„Das war kein Filter, um das Verhalten der Lithiumelemente authentischer und vereinfacht darzustellen?“, fragte Dany nutzlos, denn er wusste die Antwort bereits.

Dany fügte an: „Es war sehr detailliert, zu real für einen Filter. Ich mache also Menschengruppen und erstelle einen Plan, wie sie isoliert werden. Und wir haben unter anderem eine Abteilung, die mit den Menschen Schluss macht. Aber wozu?“

Mila: „Niemand braucht neuen Lebensraum, es sei denn, der jetzige Raum kann die Menschen aufgrund des Mangels an Rohstoffen nicht mehr tragen. Es braucht also neuen Lebensraum – oder weniger Verbraucher. Moonaspace beschäftigt sich mit dem Problem, doch nicht auf die Art, die sie uns glauben machen wollen!“

Dany rief verzweifelt: „Es fällt auf, wenn Menschen verschwinden, also lassen sie Menschen in Gruppen verschwinden, die in sich abgeschlossen sind, damit niemand vermisst wird. Und ich entwerfe diese Gruppen!“

Er wusste, dass es so war. Er erinnerte sich, dass er schon einmal darauf gekommen war. Er fühlte alle Energie in seinem Körper schlagartig über den Boden abfliessen. Dann begann er diesem Verdacht zu misstrauen - die einzige Möglichkeit, sein Herz dazu zu bringen, ein weiteres Mal zu schlagen.

„So darf es nicht sein.“, sagte er leise und wiederholte es einige Male immer lauter.

„Es ist so, wir haben es beide miterlebt.“, sagte Mila mit ruhiger Stimme. „Und Levon war der Einzige, der es hätte aufhalten können. Doch jetzt ist er tot.“

„Jetzt mal der Reihe nach.“, sagte Dany und begann: „Der Treibstoff für das Unterfangen ist also meine Arbeit. Ich habe Zugriff auf alle Kommunikationsdaten, das Einkaufsverhalten und einfach alle Informationen über einen Menschen. Ich forme theoretische Mikrogesellschaften à 20-25 Personen, indem ich Beziehungen bzw. Verbindungen zwischen Menschen, egal welcher Art, umgestalte. Ich führe Menschen in Gruppen zusammen, die all ihre Bedürfnisse in diesen Gruppen befriedigen können. Wir schieben sie zusammen, sodass sie im Idealfall die alten Beziehungen von sich aus nicht mehr wollen – und als Gruppe von der Gesellschaft nicht vermisst werden. Sie wenden sich an unseren Dienst, und wir beenden die Beziehungen so ideal wie möglich für alle Seiten – in einer Intensität, dass die Verbindungen nie mehr aufgenommen werden. Dann werden die Menschen ein Jahr gelagert um sicher zu gehen, dass es keine Rückfälle gibt. Danach können sie extrahiert werden.“

Er überlegte eine Moment und fuhr fort: „Darum hat Moonaspace so viele Angestellte. Es hat praktisch nichts mit Raumfahrt zu tun. Jeder Mitarbeiter macht etwas, doch niemand weiss was er da wirklich macht. Es gibt Mitarbeiter, die aktiv und mit Plan in das Leben anderer Leute eingreifen und meinen theoretischen Plan umsetzen, indem sie Beziehungen umformen. Sie denken, dass der Auftrag von diesen Leuten kommt, dabei erstelle ich den Auftrag.“

 

Mila: „Sie können Cyberpräsenzen aufrechterhalten, indem Moonaspace-Angestellte im Namen von extrahierten Menschen, beispielsweise chatten oder Onlinegames spielen. Wenn sie ein Quartier, Gruppe für Gruppe, extrahiert haben, ist es heutzutage sehr auffällig für zufällige Besucher, wenn ein Ort vollkommen leer ist. Daher engagieren sie zahlreiche Schauspieler um die Belebtheit eines Orts vorzutäuschen. Da jeder über GPS geortet wird, ist es ein leichtes, solche zufälligen Besuche vorherzusehen und entsprechend Schauspieler zu platzieren.“

Dany machte einen zerstreuten Eindruck, als würde er kurz davor stehen, sich an etwas zu erinnern und sagte nachdenklich: „Wenn ihr Unterfangen weiter geht, wird es nicht nur leere Quartiere geben, sondern irgendwann auch leere Städte. Wenn jemand keine GPS Verbindung hat, wissen sie nicht, dass er an diesem Ort ist und schicken auch keine Schauspieler. Nur wenn er ein Gerät einschaltet, das eine Verbindung zum Internet herstellt, wäre dies wieder möglich. Dann müssten die Schauspieler aber sehr schnell wieder vor Ort sein. Das ist ja kein Problem, den Basols gehört Move und so können sie sehr schnell Schauspieler einfliegen.“

 

Mila hörte nicht recht hin und redete weiter: „Sie entfremden die Aufgaben die jeder Moonaspace-Angestellte erledigt, sodass keiner weiss, was er eigentlich wirklich macht. Jeder macht nur einen kleinen Schritt und ist nicht dazu in der Lage, das Tun des ganzen Unternehmens zusammenzufügen. Moonaspace unternimmt enorme Anstrengungen, indem sie ihre Shuttles für Mondflüge von hoch fliegenden Zeppelinen aus starten, sodass niemand die Starts und Landungen sehen kann. Sie haben die alleinige Kontrolle darüber. Nur sie haben Aufzeichnungen, wer wo ist, es gibt keine andere Instanz, die es aufzeichnen kann.“

 

Milas Worte hatten Dany gefesselt, sodass er nicht mehr versuchte, sich zu erinnern, sondern ihr aufmerksam zuhörte. Er sagte: „Aber wenn sie auch im sozialen Umfeld nicht fehlen, sie müssen doch an ihrem Arbeitsplatz vermisst werden!“

Mila: „All diese Verbindungen sind berücksichtigt. Es gibt Jobwechsel bis die zu extrahierenden Gruppen zusammen sind. Dann gewinnen sie eine Kreuzfahrt, oder es findet ein unglaublicher Sonderverkauf statt, oder sie werden auf eine Mondreise eingeladen – egal was, sie verschwinden alle auf einen Schlag. In einem Zeppelin, einem anderen Verkehrsmittel oder einem Gebäude, betäubt man sie und sie können abgezogen werden. Ihre Arbeit wird durch ein Programm oder einen Roboter ersetzt. Meist geht es ohne Probleme, in unserer Zeit ist es möglich, alle materiellen Produkte durch Maschinen herstellen zu lassen.“

 

Mila legte eine kurze Pause ein und kam dann wieder zu dem, was sie eigentlich sagen wollte: „Du erinnerst dich, dass es bei deiner Arbeit Verbinder gibt? Elemente oder eben Menschen, die Gruppen verbinden und deren Beziehungen sich nicht umlenken lassen? Weisst du noch, was ihr macht, wenn so jemand im Weg steht?“

„Wir lassen sie eliminieren.“, sagte Dany und fügte an: „Levon wurde entlassen, weil er einen Verbinder vorgeschlagen hat, der 200 Treibstoffelemente oder 200 Menschengruppen ermöglichte. Offenbar war dieser Schritt nicht im Sinne der Basols. Trotzdem sollte ich die Deklaration dieses Verbinders als erste Handlung in meinem neuen Job vornehmen.“

Mila: „Haben Sie alle 200 Menschengruppen zugelassen?“

Dany: „Nein, einige haben sie blockiert. Ich weiss nicht wieso.“

Mila: „Es gibt nur einen Grund, warum sie jemanden verschonen. Wenn es die Basol-Familie persönlich betrifft. Und da ein Mitglied der Basol-Familie mit uns beiden Schluss gemacht hat, würde ich sagen...“

„Du hast recht, Allegra ist der Verbinder!“, schrie Dany und fügte an: „Wir müssen sie finden! Wo bringen sie die Leute hin?“

 

Er sprang auf und machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl.

Mila: „Es gibt schon eine abgespaltene und in sich geschlossene Gruppe, die so verhasst ist, dass niemand in deiner Welt sie vermissen würde. Die Insics. Sobald sie extrahiert wurden, konnte man ihre Immobilien als Lager nutzen. Wenn sie bei Allegra eine Ausnahme gemacht, und sie nicht mit einem Hammer zerschlagen haben, wie ihr das für gewöhnlich mit Verbindern tut, dann ist sie bei den Insics. Sie ist bestimmt bei den Insics, die Tatsache, dass Allegra mit uns beiden Schluss gemacht hat, beweist fast schon, dass sie eine Ausnahme gemacht haben.“

Im Fahrstuhl schrie er: „Du weisst wo sie diese Menschen lagern! Wie konntest du einfach nichts machen obschon du wusstest was da los ist? Bist du wahnsinnig?“

Mila: „Du hast keine Ahnung. Etwas hast du noch vergessen, überleg mal. Wenn das soziale Umfeld einem nicht vermisst und man bei der Arbeit nicht vermisst wird – wo könnte das Fehlen eines oder mehrerer Menschen sonst noch auffallen?“

Dany dachte nach, doch er kam nicht drauf. Als sie ins Hochstadtauto einstiegen, sagte Mila: „Sie fehlen in den Erfolgsrechnungen der Unternehmen, weil sie nicht mehr einkaufen. Insbesondere, wenn sie ihr Unterfangen weiter ausbreiten.“

Dany: „Und wie soll dich das jetzt entlasten?“

Mila: „Move dominiert die Verteilung aller Güter in Europa. Sie können die Transportpreise diktieren, denn es gibt keine Alternative zu ihnen. Das taten sie auch und verdienten dabei ein enormes Vermögen. Dies wurde toleriert, da die Basols versprachen, ihr Gewinn ins Moonaspace Projekt zu stecken, was allen helfen sollte. Sie zwangen zahlreiche Firmen, statt effizient auf einem grossen Firmenareal, jeweils in den Städten vor Ort in kleinen Niederlassungen zu produzieren um durch geringere Transportkosten wenigstens ein kleines bisschen ihrer Margen zu behalten. Die Erträge der vielen kleinen Filialen gingen zurück, den Gewinn schöpfte hauptsächlich Move mit der Verteilung der Güter ab. Die Basols kauften einige dieser kleinen Niederlassungen, sodass Gewinnausfälle nicht auffielen, wenn der Konsum einbrach. Bei anderen Filialen überwiesen sie die geringen, theoretischen Gewinne an die Konzernzentrale aus eigener Tasche. Sie haben es in dieser Stadt soweit gebracht, dass es fast irrelevant ist, wo die Menschen ihr Geld ausgeben, denn sie gaben es Firmen, die ihnen gehörten oder die sie kontrollierten. Die Leute hier bekommen Lohn vom Movekonzern und geben den Lohn wieder dem Movekonzern ab. Schlussendlich ist es egal ob sie nun konsumieren oder nicht, sie verursachen nur die fast gleich hohen Aufwände und Erträge bei einer riesen Firma die den Basols gehört. Wird nicht mehr gekauft, braucht auch nichts mehr hergestellt zu werden, es gibt keine Kosten und keine Löhne – sie können Regionen erfolgsneutral herunterfahren. Man liess sie sogar die Preise für Reisen erhöhen, indem sie einen Förderaufschlag für Moonaspace durchsetzten. Doch eigentlich diente dieser Aufschlag nur dem Zweck, die Bewegungsfreiheit der Menschen einzugrenzen, damit leere Städte unentdeckt bleiben. Sie haben die absolute Macht erlangt und können tun was sie wollen, niemand steht ihnen im Weg. Ich hätte die Lager fotografieren können, doch niemand hätte es veröffentlicht. Sie nutzten ihren Einfluss voll aus, ich hätte keine Chance gehabt.“

Wehmütig fügte sie an: „Nur Levon hätte etwas tun können. Sie müssen jemandem oder etwas Bericht erstatten, und Levon hätte die Möglichkeit gehabt, dort zu intervenieren. Das wäre die einzige Chance gewesen.“

Dany sagte wütend: „Hätte ich es gewusst, ich hätte etwas unternehmen können.“

Er fügte an: „Sie haben bestimmt nicht die Kontrolle über alle internationalen Konzerne.“

Mila: „Darum haben sie Warenlager. Sie kaufen alles weiter ein, was ausserhalb der von ihnen kontrollierten Firmen konsumiert worden wäre, um keinen Verdacht zu erwecken.“

Dany: „Allegra musste Bericht erstatten, es gibt also etwas, das über den Basols steht. Warum haben die nicht gehandelt? Was könnte für diese Leute noch wichtiger sein, als hier einzugreifen? Oder wollen sie es gar nicht?“

Mila: „Ich weiss es nicht, von ihnen hat Levon nie gesprochen.“

 

Dany raste mit seinem Ferrari durch das Eingangstor der Insics. In diesem Moment fürchtete er sich kein bisschen vor den Insics, all die geschürte Panik vor den Insics verschwand mit dem Zersplittern des Tors.

Schon einmal hatte er ein Insics-Viertel von innen gesehen. Mila sagte, es gäbe Warenlager in den verlassenen Insics Häusern. Jetzt erinnerte er sich wieder an seinen Traum. Menschen- und Warenlager hatte er darin gesehen. Er verlor im Traum sein m-pate und damit jede elektronische Verbindung. Da er kein Signal mehr aussendete, verschwanden die Schauspieler und zurück blieb eine menschenleere Stadt. Im Warenlager besorgte er sich ein neues m-pate, welches die Verbindung zum Internet wieder herstellte. Sofort flogen Schauspieler ein um die Belebtheit der Stadt in seinem Sichtfeld vorzutäuschen. Weil er sich in einer extrahierten Stadt befand, kamen sie. Jetzt machte es Sinn!

Dany hatte es unbewusst immer gewusst, doch er hatte nichts unternommen. Wer war er schon, Mila einen Vorwurf zu machen. Sie hatte wenigstens die Hoffnung mit Levon, etwas zu unternehmen – obschon Dany an Levons Aufrichtigkeit zweifelte, schliesslich war Mila ihm hörig und Levon konnte sie alles glauben machen. Doch Dany arbeitete sogar für Moonaspace und er war es, der Allegra – die Liebe seines Lebens – zum Abschuss als Verbinder freigegeben hatte. Dany hatte sogar dabei geholfen, wie Allegra mit ihm Schluss machen sollte. Er hatte das Skript mit Dora zusammen für die Moonaspaceabteilung geschrieben und nie etwas gemerkt als Allegra es bei ihm selbst anwandte.

 

Dany und Mila stiegen aus dem verkehrsuntüchtigen Fahrzeug aus, welches das Durchbrechen des Tors nicht unbeschadet überstanden hatte, und durchsuchten das erste Haus. Zunächst rissen sie die original verpackten Paletten auf, um zu sehen, was darin war. Mila öffnete die Verpackungen und entdeckte viele iD’s und andere völlig unbenutzte und fabrikneue Luxusartikel, aber auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Sie warf diese weg und ging weiter.

Sie durchsuchten viele Villen und fanden nur Warenlager. Doch Dany hörte nicht auf, er ging immer weiter. Mila ging mit ihm. Plötzlich wusste Dany, welches Haus er betreten musste. Tatsächlich befanden sich darin massenhaft Liegen mit regungslosen Menschen darauf. Mila rannte zu ihnen und versuchte einen Puls zu fühlen – vergeblich. Dany rannte durch die Reihen und suchte nach Allegra. Dann ging er nach oben. Er beachtete Mila nicht weiter, die höchst verzweifelt und weinend zwischen diesen Liegen kauerte. Jetzt sah sie das Ausmass all dessen, worüber sie mit Levon zuvor nur gesprochen hatte. Nicht nur die Tatsache, dass sie auf Levon verzichten musste, sondern der Umstand, dass mit ihm auch die Hoffnung für all diese Menschen und noch viele weitere starb, liess sie verzweifeln.

 

Dany fand Allegra, sie lag alleine in einem prachtvollen und noch immer voll möblierten Zimmer – während alle anderen Räume vollständig ausgeräumt waren. Sie lag im Bett und sah aus, als schliefe sie. Dany rannte zu ihr. Er konnte keinen Puls fühlen, keinen Atem, nichts. Minutenlang kniete er weinend an ihrem Bett und hielt dabei ihre Hand. Jetzt wusste er mit vollkommener Sicherheit, wann Allegra ihn manipuliert hatte und wann nicht. Seine Gefühle für Allegra waren echt und hatten nie etwas mit Manipulation zu tun – das wusste er jetzt, denn er litt. Dass er Allegra verlor, war für ihn nicht so schlimm wie die Tatsache, dass die Welt Allegra verlor.

Er musste etwas tun, also ging er nach unten und filmte, um es später online zu veröffentlichen.

Dany rannte zu Mila, die ebenso leblos wirkte wie die anderen Menschen in diesem Raum. Verzweifelt kniete er sich nieder und fühlte ihren schwachen Puls. Mit Tränen in den Augen betrachtete er sie. Blaue Fingernägel. Sie hatte die gleiche Droge genommen wie ihre Mutter. Es war hoffnungslos, er konnte nichts mehr tun, auch sie hatte er verloren. Er konnte es nicht fassen.

Er ging zurück nach oben zu Allegra und legte sich zu ihr ins Bett. Sein iD’spielte das gerade aufgenommene Video. Mila war tot, wie seine Mutter. Sie lag in einer Halle voller Menschen ohne Puls – sie mussten also ebenso tot sein. Seine Arbeit, sein Traumjob bei der Firma, bei der er immer arbeiten wollte, hatte das zu verantworten. Er selbst hatte es zu verantworten, er hatte Schuld daran. Alles was er für wahr erachtet hatte, stellte sich als Lüge heraus. Diese ganze Welt war eine Lüge, beherrscht von einer allmächtigen Familie, gegen die er keine Chance hatte. Das einzig Wahre in seinem Leben, Allegra, lag leblos neben ihm. Nichts konnte ihn davon abhalten, Allegra zu folgen.

Dany lud das Video hoch und noch während des Datentransfers nahm auch er die Droge und verlor das Bewusstsein, während er noch immer Allegras Hand hielt.

Er fühlte keinen Schmerz mehr, keine Schuld. Er erinnerte sich an seine Kanada-Reise. Damals stand sein Leben an einem Wendepunkt. Er hätte sich der Spiritualität und ihrer Zeichen, insbesondere seinem Traum widmen können, der nichtmateriellen Welt mehr Aufmerksamkeit schenken können – wie Mila es getan hatte und wie es wohl auch das Richtige gewesen wäre. Doch er sah damals seine Armut als die Quelle seines Übels an, ihretwegen konnte er nicht schneller bei seiner Mutter sein um sie zu retten, also hatte er lieber daran gearbeitete. Er fand das Dilemma seines Lebens ironischerweise witzig, denn er konnte es in seinem jetzigen Zustand – Gefühle wie bedauern hatte er zu diesem Zeitpunkt schon längst abgelegt. Er lachte über sich selber und sein ganzes Leben, und dies aus vollem Herzen.

Ein verschwommenes Gesicht erschien vor ihm. Er kannte es nicht, doch es sah freundlich und ehrlich besorgt aus. Es schien Gebäude hinter der Gestalt zu geben, doch er erkannte es nicht deutlich. Dennoch fühlte er, schon einmal an diesem Ort gewesen zu sein.

Er öffnete seinen Mund leicht, er wollte sprechen doch es funktionierte nicht. Er dachte daran, was er herausgefunden hatte und er wollte es weiter geben. Er wollte ironischerweise wieder das Richtige tun – ein weiteres Mal in seinem Leben – darüber musste er wieder lächeln. Zumindest innerlich, doch er glaubte, auch die lachende Verrenkung auf seinem Gesicht zu spüren.

„Ich verstehe.“, hörte er die Frau sagen. Sie schien seine Nachricht bekommen zu haben.

„Die Délierres werden sich darum kümmern.“, sagte sie.

Er schloss seine Augen und die Frau verschwand. Erneut sah er Bilder. Er sah das Zimmer mit dem Bett in dem Allegras und sein Körper lagen. Er sah das ganze Haus, auch Mila und die anderen Menschen dort. Und er sah, wie Helis vor dem Haus landeten, Fahrzeuge kamen und dunkel gekleidete Menschen strömten ins Innere des Hauses. Er hörte die Schritte dieser Menschen auf dem Boden, doch dann wurde es ruhig. Er hörte gar nichts mehr, für einen Moment. Dann hörte er das Schlagen eines Herzens. Ein weiteres folgte und es wurde immer lauter. Allegra öffnete ihre Augen und schaute besorgt zu Danys Körper rüber, der gerade von den dunkel gekleideten Menschen umsorgt wurde. Einer von ihnen machte eine Geste und Allegra lächelte Dany an.

 

 

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