2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 18 - Die Idylle wird gestört

 

Zufrieden kehrte Dany einige Tage später nach Hause zurück. Während er im Lift stand und sich die letzten Meter in sein Penthouse befördern liess, ergriff ihn ein Gefühl von Stolz. Endlich war er mit Allegras Familie einen Schritt weiter gekommen, er durfte während der Reise sogar in ihrem Name sprechen.

Die Tür öffnete sich und er betrat seine Wohnung. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht schweifte sein Blick über die Einrichtung, und auch ohne die App, sondern nur durch seinen eigenen Blickwinkel betrachtet, fühlte er sich richtig wohl in seinem Leben. Plötzlich sah er Allegra auf dem Sofa und er freute sich für den Bruchteil einer Sekunde über das Zusammenspiel der Dinge an diesem Tag. Allegra sprach gerade mit aufgeregter Stimme am Telefon und verabschiedete sich abrupt, als sie Dany bemerkte.

Diesmal hatte keiner auf den anderen die Wirkung, sich gegenseitig alle Probleme vergessen zu lassen. Allegra hatte nichts fröhliches an sich, wie er es von den letzten Reisen her kannte - ganz im Gegenteil. Sie strahlte eine tiefe und gerade zu greifbare Verzweiflung aus, so tief als hätte sie einen wirklich schlimmen Fehler gemacht – ein Desaster. Dany bekam eine Gänsehaut.

Sie versuchte sich zu verstellen, doch er durchschaute sie gleich.

„Was ist passiert?“, fragte Dany besorgt, als er sie zur Begrüssung umarmte.

„Ich weiss es nicht. Ich kann es dir nicht sagen und es ist gewaltig. Und ich habe mitgeholfen. Wenn das stimmt, ich kann nicht darüber sprechen...“, sagte sie während ihr Tränen über die Wangen liefen.

„Du kannst mir alles sagen Allegra.“, sagte Dany eindringlich.

„Das nicht. Ich weiss nicht mal ob es wahr ist. Es könnte sein, aber ich weiss es nicht. Und ich kann nicht damit umgehen, wenn es die Wahrheit ist. Ich kann es dir nicht sagen, weil ich es dir nicht zumuten will, dass du es auch weisst. Man kann damit nicht umgehen. Es ist unglaublich.“, sagte Allegra mit einer Verzweiflung in der Stimme, die ihn ihre Worte glauben liess – und ihm Angst machte.

„Ich muss wieder los, ich muss es einfach herausfinden. Es tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann.“, sagte Allegra und machte sich schon auf, zu gehen.

„Ich kann dich so nicht gehen lassen, du machst mir Angst. Was ist los?“, rief Dany.

„So funktioniert das nicht, sie dürfen keinen Verdacht schöpfen, sonst habe ich keinen Zugang mehr. Ich habe einen Fehler gemacht.“, sagte sie zu sich, während Dany kaum verstand, was sie meinte.

Sie nahm einen tiefen Atemzug, konzentrierte sich und drehte sich erneut zu Dany um: „Zwei meiner Geschwister haben überraschend geheiratet und meine Schwester hat sich verlobt. Alles ging in einem so rasanten Tempo, dass ich glaube, dass da etwas nicht stimmt. Ich sorge mich um meine Geschwister, darum bin ich so aufgeregt. Und ich muss einigen Gerüchten nachgehen, es geht nicht anders. Tut mir leid, aber jetzt muss ich wirklich gehen.“

Sie sprach mit fester Stimme, gab ihm einen Abschiedskuss und ging.

Dany konnte sich einen Moment nicht rühren. Ihre vorherige Reaktion stand in keiner Relation zu dieser Erklärung, er misstraute ihr. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er verstand, dass zwei Familienmitglieder geheiratet hatten und er nicht dazu eingeladen wurde. Dem Gedanken folgten erneut Ängste, Allegras Familie nicht zu genügen. Er hatte es sich nach seiner Geschäftsreise eigentlich verdient, einen Tag zu ruhen, doch er entschied sich um. Offenbar war er noch immer nicht gut genug für die Familie, also entscheid er das einzige zu tun, was in seiner Hand lag, um dies zu ändern. Er ging arbeiten.

Dany sass kaum an seinem Schreibtisch, da erschien Levon in seinem Büro.

„Levon, was willst du hier?“, fragte Dany, der ihn zum ersten Mal in seinem Büro sah.

„Ich will dir helfen, auf eine Art und Weise, die du aufgrund der Komplexität der Dinge nicht verstehen wirst.“, sagte Levon, für einmal ohne abwertend zu klingen.

„Also gut, ich höre.“, sagte Dany der es entgegen seinem Willen, als Geschenk auffasste, Hilfe von Levon angeboten zu bekommen.

„Sie haben dich nicht zu den Hochzeiten eingeladen, das weisst du bestimmt schon. Sie sehen dich nicht als Teil ihrer Familie an und das werden sie auch nie – ganz egal wie viel und wie gut du arbeitest.“, begann Levon. Dany musste wegschauen und kämpfte mit den Tränen – Levon hatte ihn mit wenigen Worten mal wieder genau getroffen.

„Sie haben eine Aufgabe als Familie, und Allegra gehört zu der Familie und zu der Aufgabe. Aus diesem Grund werden sie nicht von ihr lassen. Niemals. Allegra erträgt es jetzt schon kaum, dich leiden zu sehen, wenn sie dir wieder einmal nicht die ganze Wahrheit sagen darf. Oder wenn sie dich allein lassen muss – weil es eben nicht anders geht. Sie hasst es, doch sie erträgt es – noch.“, sprach Levon mitfühlend. Dany fühlte sich furchtbar, er erkannte etwas Wahres in Levons Worten.

„Ihr flüchtet euch in die Fantasie einer Zukunft, die so niemals entstehen wird. Wenn das Moonaspace Projekt erfolgreich ist, beginnt die Arbeit für Allegra erst richtig. Sie wird den Posten ihrer Mutter übernehmen und noch weiteren Aufgaben nachgehen müssen. Ihre Kinder sind ebenfalls integriert in den Plan der Familie. Es wird der Moment kommen, wenn nicht Dionys oder sonst wer die Aufgaben diktiert, die Aufgaben werden sich ergeben und Allegra wird wissen, was sie zu tun haben wird. Und sie wird es tun, weil sie es muss – nicht weil es ihr befohlen wird, sondern weil sie es muss wie sie atmen muss. Ihre Kinder werden ein Internat besuchen, und niemals wie von euch erträumt, von dir unterrichtet werden.“, sprach Levon.

Dany weinte. Levon machte sich nicht darüber lustig, sondern er war aufrichtig und mitfühlend. Es machte den Eindruck als vermittle er einem guten Freund eine Wahrheit, die selbst er nicht ändern konnte, auch wenn er es noch so sehr versuchte.

„Dionys wollte und will noch immer, dass Allegra dies selber sieht und entsprechende Konsequenzen zieht. Sein Plan ist fehlerhaft. Er hat nicht damit gerechnet, dass ihr so gut miteinander auskommt. Doch auch er wird von einer Aufgabe beherrscht, die er erfüllen muss, sowie er atmen muss. Und du stehst diesem Plan im Weg.“, Levon unterbrach für einen Moment und fuhr dann fort: „Es war kein Zufall, dass du so nahe an der Explosion des Wolkenkratzers warst. Es war geplant, jedoch nicht richtig ausgeführt. Doch der Plan steht fest, und du kommst darin nicht vor. Es wird auf die Länge keine Abweichung des Plans geben.“

Dany war fassungslos, er hatte sich selber kaum getraut, daran zu denken und jetzt sprach Levon das Unsagbare aus. Er dachte an all die Menschen, die bei dieser Katastrophe umgekommen waren – und das seinetwegen. Dany sah völlig hilflos aus, da umarmte ihn Levon und fügte an: „Ich habe die Wahrheit gesagt, als ich sagte, ich wolle dir helfen. Das will ich wirklich. Ich mag dich und ich möchte nicht, dass dir etwas zustösst. Du kannst weiteres Leid verhindern, bei dir selber, bei Allegra und bei allen anderen, die in Mitleidenschaft gezogen werden, bei der Ausführung des Plans – der Vorbestimmung. Du weisst was zu tun ist.“

Obschon Levon nichts bewies, erkannte Dany die Wahrheit und Aufrichtigkeit in seinen Worten. Dany beruhigte sich und verliess danach das Büro. Er hatte vor, die Promenade aufzusuchen, doch er schaffte es im Parking nicht, sein Hochstadtauto zu verlassen. So drehte er auf der Plattform einige Runden während er sich über seine Gedanken klar wurde. Er versuchte Allegra anzurufen, erreichte sie jedoch nicht. Also schickte er ihr eine Mail und machte Schluss mit ihr.

 

Eine Frau die aussah, aber nicht handelte wie Allegra, stürmte in Levons Büro und gab Levon eine Ohrfeige. „Du jämmerliches Stück Dreck wie kannst du es wagen! Du bist wertlos. Ich brauche dich nicht und meine Familie braucht dich auch nicht. Wir kommen gut ohne deine Unterstützung zurecht.“

Levons Wange schien wirklich zu schmerzen, doch es gab keine Wut in seinem Gesicht.

„Lass mich das in aller Klarheit sagen“, sprach Allegra mit durchdringender Stimme „wir beide werden niemals heiraten. Ganz egal was passiert und wozu wir gezwungen werden. Es gibt immer eine Möglichkeit die allen offen steht und ich bin gewillt diese Möglichkeit dir vorzuziehen. Hast du mich verstanden?“

Levon verstand, da stürmte Allegra wieder aus seinem Büro. Nun zeichnete sich Hoffnungslosigkeit in Levons Gesicht ab. Wut ergriff ihn und er warf das Sofa durch die Scheibe seines Büros. Es flog und landete unten auf dem Sitzungstisch, der unter diesem Gewicht zusammenbrach. Levon stürmte wutentbrannt aus dem Gebäude Richtung Garage, während die Augen aller Mitarbeiter auf ihn gerichtet waren.

 

Nach langem schaffte es Allegra, Dany zu überzeugen zu ihr in das Wochenhaus auf dem Bodensee zu kommen. Dany traf auf sie im wundervollen Speisezimmer, das an die Terrasse grenzte, wo er Allegras Vater zum ersten Mal getroffen hatte. Er setzte sich zu ihr an den Tisch und Allegra sagte: „Ich habe die Überwachungsbänder von deinem Büro angeschaut und ich weiss was Levon zu dir gesagt hat. Ich verstehe absolut warum du Schluss gemacht hast. Doch es ist nicht richtig.“

„Hat Levon nicht die Wahrheit gesagt?“, fragte Dany.

„Das hat er teilweise. Aber ich kann dir nicht alles sagen.“, sprach Allegra.

Plötzlich erinnerte er sich an seine Ankunft nach der Geschäftsreise zurück, daran, wie er sich wunderte, wie Allegra nur wegen den überraschenden Hochzeiten ihrer Geschwister so ausser sich sein konnte. Und er wunderte sich über seine Reaktion, nicht weiter nachgefragt zu haben. Doch nun hatte er die Gelegenheit: „Ich bitte dich, erzähl mir was du weisst. Ohne dass du etwas gesagt hast, habe ich gefühlt, dass du dich davor gefürchtet hast, einen gewaltigen Fehler zu machen. Ich verstehe mich selber nicht, warum ich nicht weiter darauf eingegangen bin. Ich bin derart verwirrt. Ich fürchte meinen Verstand zu verlieren und niemand verrät mir etwas. Trotzdem stecke ich mittendrin und scheine eine Rolle in diesem ganzen Wirrwarr zu spielen. Bitte hilf mir.“

Allegra hatte Mitleid und versuchte sich so gut wie möglich zu erklären.

„Levon hat in vielerlei Hinsicht die Wahrheit gesagt. Er hat sich natürlich alles so zurecht gelegt, dass es für ihn passt – doch das ist nicht seine Schuld, auch er ist hilflos. Aber der Reihe nach. Levons Familie hatte grossen Einfluss, doch es kam, dass seine Familie aus unseren Kreisen verstossen wurde. Levon hatte immer die Absicht, seine Rolle dort wieder einzunehmen und mein Vater entschloss sich, Levon dabei zu helfen, indem er Levon und mich verheiraten wollte. Mein Vater tut nichts, ohne dass es ihm nicht auch etwas nützt. Levons Familie hatte gute Verbindungen zu anderen Familien, die wenig von unserer Familie halten. Vater hofft mit seiner Hilfe, über Levon die Gunst dieser Familien zu gewinnen. Doch ich habe dich getroffen und ich weiss, dass wir zusammen sein sollen und dass dies über allem steht. Ich habe das Levon auch ein für alle Mal klar gemacht und somit muss sich auch Vater meinem Wunsch beugen.“

„Doch was hat eure Familie für eine wichtige Aufgabe? Es ist ja nett, Leute auf den Mond zu bringen, doch so essentiell ist es nun auch wieder nicht. Und ist es wahr, dass die Explosion des Hochhauses mir gegolten hat? Das ist doch wahnsinnig!“, sagte Dany.

„Ich kann nur sagen, dass wenn du keinen Halt gemacht hättest, du die Explosion nicht überlebt hättest. Etwas scheint dich vor Schlimmerem geschützt zu haben, daher gehe ich davon aus, dass du im Moment sicher bist. Es bestätigt auch, dass wir Zusammensein sollen, denn es wäre einfach gewesen, dich aus meinem Leben zu reissen. Doch dass du überlebt hast, ist ein Beweis dafür, dass wir zusammen sein sollen, etwas Wahres und Echtes uns verbindet. Und dass du beschützt wirst.“, sagte Allegra.

„Das finde ich ja sehr romantisch – also was du daraus machst, nicht den Mordanschlag. Und auch ich will es so sehen, aber klingt das nicht etwas verrückt?“, fragte Dany.

„Wir bewegen uns hier an einer heiklen Grenze. Lass mich zuerst auf eine deiner anderen Fragen eingehen. Unsere Zeppeline versorgen quasi die ganze Welt und Moonaspace ist das führende Raumfahrtunternehmen der Welt. Doch wenn ich von einer wichtigen Aufgabe spreche, hat es nichts mit unseren Familienunternehmen zu tun – oder recht wenig. Es gibt etwas anderes, etwas wovon ich weiss, aber auch meine Familie und Levon. Dies legitimiert Aussagen, wie „etwas hat dich beschützt“ und das wir Zusammensein sollen oder unsere Kreise, auf eine ganz andere Weise. Es muss furchtbar für dich klingen, sektenähnlich oder irgendwie ausserirdisch. Dennoch versichere ich dir, dass es nichts damit zu tun hat. Ich würde es dir erklären und dir zeigen, doch es besteht die reale Gefahr, dass du dabei wirklich den Verstand verlierst. Doch ich werde dir später etwas zeigen, dass dir hoffentlich dabei hilft, mir in diesem Punkt zu vertrauen.“, sagte Allegra.

Sie schaute ihn einen Moment an, doch er sprach nicht. Sie wollte ihm helfen und sagte: „Du hast so viele Fragen dennoch schaffst du es nicht, auch nur eine als Satz zu formulieren, nicht?“

„Das drückt es so ziemlich aus.“, sagte Dany verblüfft.

„Was ich dir nachher zeige, wird dir helfen. Doch glaube mir, es ist nichts was relevanter ist als das was zwischen uns besteht. Ich liebe es Zeit mir dir zu verbringen. Ich spiele es dir nicht nur vor und was ich dir zeigen werde sollte dir beweisen, dass du – auch wenn ich dir nicht mehr darüber sagen kann – nichts derart Wesentliches verpasst. Denn ich könnte gut darauf verzichten, nicht aber auf dich.“, sagte Allegra.

„Hat es etwas damit zu tun, dass du für gewöhnlich nach den Berichterstattungen so super gelaunt zurückkamst?“, fragte Dany.

Allegra war etwas überrascht über seine Fähigkeit zu kombinieren – gleichzeitig schien sie zuversichtlich, Danys aufgewühlten Geist später etwas beruhigen zu können. Er vertraute ihr genug, um danach keine Fragen mehr zu stellen, wodurch sie einen weiteren Beweis dafür hatte, dass sie zusammengehörten. Und nur sie konnte wirklich wissen, wie berechtigt sein Vertrauen war.

„Ja. Es kann einem sehr fröhlich machen, aber auch das Gegenteil. Und wie oder was es auch immer ist, ziehe ich dich trotz allem vor.“, antwortete sie.

Dany lächelte, denn er erkannte wie viel er ihr bedeutete – er erinnerte sich an ihren Gemütszustand den sie jeweils nach der Rückkehr hatte und realisierte, dass er sie noch glücklicher machen konnte.

„In diesem Moment glaube ich dir alles. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass wir einander jemals etwas antun könnten, wodurch dies gefährdet wird.“, sagte Dany und es war klar, das er nicht der Einzige war, der so fühlte. Dann fügte er an: „Nun sag mir, was dich so aufgebracht hat.“

„Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob es die Wahrheit ist. Und ich...“, Allegra musste einen Moment warten um fortzufahren: „Ich kann nicht darüber sprechen bis ich Gewissheit habe.“

Dany sah enttäuscht aus.

„Das bedeutet nicht, dass ich dir nicht vertraue. Ich wünschte ganz ehrlich, ich wüsste es selber nicht. Ich hatte keine Wahl, doch du hast eine und ich fälle diese Entscheidung für dich – dass du es nicht wissen musst. Noch nicht. Bitte glaube mir, dass ich diese Entscheidung für dich traf, ausschliesslich mit den besten Absichten für dich. Ausserdem ist es ausgesprochen wichtig, dass wir beide unser Leben ganz normal fortführen, da es mir sonst unmöglich ist, Gewissheit zu erlangen.“, fügte sie an.

Dany überlegte einen Moment und sagte: „Ich vertraue dir.“, etwas später fügte er hinzu: „Und ich denke, ich danke dir.“

Dany folgte Allegra als sie ihm sagte: „Ich zeige dir jetzt etwas, das du bisher nicht kanntest. Das tue ich, damit du eine Vorstellung von dem bekommst, was sich hinter meinen Worten verbirgt. Damit du es einordnen kannst, stell es dir bitte so vor: Bevor wir uns trafen, wusstest du von der Existenz von Ferraris. Doch du hast erst danach erfahren, wie es sich anfühlt, ein solches Auto zu fahren. Den Schritt den wir jetzt machen, ist sehr ähnlich. Nur wusstest du bisher nicht von der Existenz dieses Ferraris, und konntest dir daher auch nicht vorstellen, wie es sich anfühlen würde, diesen zu fahren. Doch dies braucht dir keine Sorgen zu bereiten. Es wird eine positive Erfahrung sein.“

Dany konnte es kaum mehr erwarten, als sie über eine Brücke das Haupthaus in Richtung Wohntrakt verliessen. Am Ende des Flurs, drei Türen nach Allegras Zimmertür, bis wohin er noch niemals gegangen war, verdichtete Allegra einen Raum. Sie bat ihn, den Raum zu betreten und schloss die Tür von aussen.

Er befand sich allein in einem finsteren Zimmer. Es schien leer zu sein, bis auf einen Stuhl und einen Tisch, also setzte er sich auf den Stuhl. Eine Melodie erklang, ein Lied und dies aus allen Richtungen des Raumes. Die Lautstärke steigerte sich immer weiter und er fühlte die Bässe und mit der Zeit die gesamte Melodie, physisch an seinem Körper. Er begann Farben zu sehen, die einen Zusammenhang mit der Melodie zu haben schienen, doch auch von ihm aus gingen rhythmische Impulse, die er optisch wahrnehmen konnte. Die Impulse von sich und der Musik vereinten sich in einer optischen Darstellung der Musik vor sich. Er stand auf und konnte danach greifen, sodass sich ihm logische, mathematische Formeln ergaben – und die entsprechenden Passagen der Musikstücke. Für einen Moment konnte er rational begreifen, was ihm mit dieser Musik in diesem Moment widerfuhr – bewusst, logisch klar, obschon er nie viel von Mathe verstand. Dann auf einmal ergänzte eine Stimme die Melodie, es musste seiner Ansicht nach die Stimme eines Engels gewesen sein, die darauf hin zusätzlich optisch wahrnehmbar wurde. Die Wellen ergriffen und durchdrangen ihn – seine Sinne waren überwältigt und er setzte sich auf den Stuhl, um etwas real Greifbares zu finden. Er legte seine Hände auf die Tischplatte vor ihm und fühlte die Begrenzung durch das Glas der Platte, unter seinen Fingern. Endlich, eine Erfahrung die er kannte und die ihm Sicherheit gab. Sein Blick schweifte im Raum umher und er betrachtete dieses unreal wirkende, wunderschöne Szenario. Er bemerkte Kälte in seinen Fingern und richtete instinktiv seinen Blick auf die Hände. Sie sanken durch die feste Materie, durch die Glasplatte hindurch, jedoch ohne der Tischplatte einen Schaden zuzufügen. Auch das Metall der Konstruktion, welche die Glasplatte hielt befand sich in seinem Arm, während dieser hindurch sank und den Gegenstand völlig unbeschadet zurückliess. Er befand sich dem Boden näher als zuvor, also schaute er an sich hinunter und bemerkte, dass er seine Beine nicht mehr sah, da sie sich unter der Sitzfläche des Stuhls befanden – die Sitzfläche befand sich über seinen Beinen und er konnte sie sehen. Er schaute seitlich nach unten und bemerkte, dass der Stuhl seine Person nicht mehr trug, er sank durch den Stuhl hindurch. Er sorgte sich darum, den Raum durch dessen Boden zu verlassen, weiter das Haus zu verlassen und ins Wasser zu fallen und wer weiss wo zu enden. Er versuchte vergeblich nach der Tischplatte zu greifen, dabei berührte er mit seiner rechten Hand seinen linken Unterarm und auch hier fühlte er keinen Widerstand, jedoch fühlte er die Berührung. Ohne einen Widerstand zu fühlen, erkannte er detailliert seine Knochen, Adern, das fliessende Blut, die Haut.

Musik aus dem Boden verhinderte ein weiteres Absinken, stattdessen hob es ihn in die Höhe, den jegliches Gewicht, das seine Körperteile auch immer hatten, löste sich auf. Er empfand ein Gefühl der Erleichterung, als er sich nicht mehr darum bekümmern musste, seinen Körper zusammenzuhalten. Eine Anstrengung, die er zuvor nicht gefühlt hatte, löste sich auf und sein Körper und er breiteten sich entspannt im ganzen Raum aus. Die Klänge und ihre Wellen beschützten die einzelnen Körperteile während er es in diesem Moment nicht tun musste. Es schwebte alles im Raum umher, das konnte er sehen, doch er sah nicht mehr mit seinen Augen, denn seine Augen konnte er auch betrachten. Er sah ein Hirn und durchschaute es, wie jener Moment ihn wahnsinnig machen könnte, doch es spielte für ihn keine Rolle, es gab nur Erholung in diesem Moment. Wasser schien den Raum zu füllen und alles zu reinigen, alles bis in die letzte Zelle. Die letzte Zelle verband sich mit einer anderen und sein Körper setzte sich Schritt für Schritt vor sich wieder zusammen. Er betrachtete seine offenen Augen, seinen Kopf, seinen Hals. Er sah einen Leberfleck den er schon immer gehofft hatte, los zu werden. Der Leberfleck verschwand direkt vor ihm. Schichten schienen den Körper vor ihm zu umhüllen, eine um die andere. Er blinzelte und sah wieder durch seine Augen. Für einen Moment fühlte er die Anstrengung, all diese Dinge zusammen zu halten und auch die schwere seines Körpers. Er wurde sich des Gewichts bewusst und in diesem Moment glitt sein Körper – begleitet von Musik – wieder nach unten, auf den Boden. Sobald seine Füsse den Widerstand des Bodens meldeten, empfand er keine Anstrengungen mehr.

Er setzte sich auf den Stuhl und die Musik endete, die Formen und Farben erloschen und er fand sich im gleichen düsteren Raum wieder, den er zu Beginn betreten hatte - jedoch erneuert und vor allem überwältigt.

Völlig erstaunt über das Erlebte, verliess Dany den Raum. Dieses genussvolle Ritual liess ihn jetzt im Ansatz erahnen, wovon Allegra zuvor sprach. Etwas, dessen Existenz er sich nicht einmal hätte vorstellen können, hatte er eben im Ansatz erlebt.

 

 

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