2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 17 - Montag

 

Montage hatten, haben und würden wohl immer etwas Demotivierendes haben. So erging es auch Dany an diesem Morgen, als er die wenigen Schritte über den Steg zu seinem Heli ging. Das Wochenende hatte mal wieder so viel Aussergewöhnliches zu bieten. Er hatte sich die Zeit frei einteilen können, ohne dabei Rücksicht auf seine Produktivität zu nehmen. Nun hatte er wieder drei, möglicherweise sogar vier volle Tage zu warten, bis es wieder soweit war. Auch wenn er seinen Job liebte, liebte er es dennoch viel mehr, über seine Zeit mit Allegra frei zu verfügen.

Er setzte sich in den Heli und gab seine Zieladresse ein. Noch bevor er seine Eingabe bestätigte, realisierte er, dass es kaum einen Unterschied zwischen diesem superteueren Heli von Allegra und einem gewöhnlichen Hochstadtauto gab. Natürlich beförderte ihn dieses Verkehrsmittel schneller zu seinem Ziel, dennoch waren die Unterschiede, die sein Wohlstand mit sich gebracht hatten, auf eine Weise marginal.

Sein iD’ scannte seinen Gefühlszustand und empfahl ihm ein neues App. Es war billig, daher entschied er, der Empfehlung zu folgen. Das App war aussergewöhnlich, denn es traf genau seine Stimmung und half dabei, diese aufzuhellen. Das App erweiterte die Selbstwahrnehmung, indem es das eigene Leben durch zusätzliche Perspektiven erweiterte. Er sah seinen Weg zum Heli nicht mehr nur durch seinen Augen, die App fügte geschickt geschnittene Aufnahmen von Überwachungskameras hinzu und untermalte es mit der passenden Musik. So konnte er sein Leben durch die Augen eines Aussenstehenden betrachten. Er beobachtete von aussen, das Abheben dieser formschönen Maschine und folgte ihrem Flug durch die Schluchten der Hochhäuser. Von aussen sah es viel cooler aus, als durch seine eigene Wahrnehmung. Die App war gut, er beneidete die gefilmte Person fast um ihr Leben, bis er realisierte, dass es sich dabei um sein eigenes Leben handelte.

Die Arbeit der Designer von Luxusprodukten, und ihre Pflicht, Begehrlichkeiten zu wecken, um das Streben nach Geld und damit den Anreiz zu arbeiten zu erhalten, zeigte diese App für einmal auch dem Besitzer jenes Lifestyles. Natürlich handelte es sich dabei um eine Illusion, denn er wusste besser als irgendjemand sonst, wie sein Leben wirklich war. Doch obschon vielleicht alles von aussen immer besser aussah als von innen, mochte er die Illusion und sie hob seine Stimmung.

 

Auch seinen Arbeitsplatz konnte er auf diese Weise wieder ähnlich beeindruckt wahrnehmen, wie beim ersten Mal als er ihn gesehen hatte. Der Hauptsitz von Moonaspace nannte man im Volksmund Atom, da seine Architektur an die schematische Darstellung eines Atoms erinnerte. Das eindrücklichste Gebäude der Stadt bestand aus mehreren Riesenrädern die ineinander verliefen. Die verschiedenen Abteilungen der Firma befanden sich in kugelförmigen Gondeln, die an den Riesenrädern befestigt waren. Das Zentrum beherbergte den Besucherempfangsraum.

Über dem Gebäude, das ausschliesslich aus runden Formen bestand, thronte das eckige, diamantförmige Büro von Alissa, der Chefin der Firma.

Die Abteilungen in den Gondeln konnten beliebig nach oben befördert werden - wenn sie näher am Diamanten lagen, fanden sie eher Gehör bei der Chefin. Dany arbeitete in der Treibstoffabteilung, die einen wichtigen Bestandteil des Projekts darstellte, weshalb die Abteilung weit oben stand. Ohne Treibstoff war es den Moonaspace-Shuttles schliesslich nicht möglich, zum Mond zu fliegen, wo sich die Ferien- und Daueraufenthaltssiedlungen des Konzerns befanden.

Danys Heli landete auf dem Steg, auf der Höhe des Äquators seiner kugelförmigen Abteilungsgondel. Durch die Glasscheibe konnte er schon jetzt einen Blick ins Innere der Abteilung werfen – es hatte sich nichts verändert. Die Büros bestanden ebenfalls aus Kugeln, welche wiederum entsprechend ihrer Arbeitsleistung, weiter oben schwebten, oder eben weiter unten. Levons Büro stand noch immer ganz oben, gleich unter der Abteilungsleitung. Etwas weiter unten sah er sein Büro und unterhalb des Äquators erblickte er die restlichen Büros. Eine Wassertreppe führte wie eine Spirale, vom Eingang am Äquator, an den untersten Punkt der Kugel. Während Dany auf der Wassertreppe nach unten surfte, wechselte er zwischen der Perspektive von aussen und dem echten Blick durch seine Augen.

Unten angekommen traf er auf die gesamte Belegschaft, die den Tag mal wieder ruhig anging. Im Aufenthaltsraum folgten sie den Geschichten von Levon, der über seinen Triumph beim Autorennen berichtete. Dany grüsste alle kurz und lauschte einen Moment den Erzählungen von Levon, um nicht allzu streberhaft zu wirken. Er verabschiedete sich danach und liess sich durch einen Luftstrom-Lift zu seiner Kugel befördern.

Sein Büro bestand aus einem Schreibtisch, einem Stuhl, einem Sofa sowie einem Laufband, welches die Projektionen seines iD’s unterstützte. Er machte sich sofort an die Arbeit, schliesslich war Levon noch immer mit seinen Erzählungen beschäftigt. So gelang es ihm vielleicht an diesem Montag, Levon endlich einmal zu überbieten.

Eine Handbewegung isolierte seine Kugel, nun gab es keine Ablenkungen mehr. Er hörte kein rauschendes Wasser mehr, auch das Geplapper der anderen Angestellten verschwand und die Farb- und Lichtspiele innerhalb der Abteilungsgondel konnte er durch die milchigen Scheiben nicht mehr erkennen.

Er stellte sich auf das Laufband und rief das Arbeitsprogramm auf. Er stand nun auf einem Feld voller weisser Kugeln. Die Kugeln hatten unterschiedliche Grössen und waren perfekt aufgereiht. Dieser Anblick beunruhigte ihn immer etwas, denn er konnte das Ende des Felds nicht erkennen. Auch der Himmel sah bedrohlich gleichmässig aus, sodass er kurzzeitig fürchtete, den Verstand zu verlieren. Dies war das vorsortierte Rohlager an Lithiumelementen, welches den Grundstoff für den Treibstoff bildete. Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse hatten sie die Möglichkeit, Lithium genauer zu sehen und zu unterscheiden. Das Erkennen von Unterschieden in etwas, was früher als absolut identisch wahrgenommen wurde, erlaubte erst ihre Arbeit. Er hätte die Elemente niemals mit seinen Augen wahrnehmen können, daher handelte es sich beim Feld um eine vergrösserte Projektion der Lithiumelemente. Seine Bearbeitung, das Sortieren an der Projektion, wurde anschliessend von Minirobotern im realen Rohstofflager vorgenommen.

Der Treibstoff bestand aus einer Zusammensetzung von 20-25 passenden Lithiumelementen – die früher einzeln, alle als gleich gewertet wurden, da keine so genauen Messgeräte zur Verfügung standen, wie sie diese heute besassen.

Seine Aufgabe bestand darin, die passenden Elemente zusammenzusetzen.

Glücklicherweise verfügte Moonaspace über Funwork. Dies erlaubte es ihm, seine Arbeit zu verrichten, ohne in diesem beunruhigenden Feld zu stehen. Er aktivierte einen entsprechenden Filter und die Kugeln verwandelten sich in Gebrauchtwagen aus den verschiedensten Jahrgängen. Dies vereinfachte die Aufgabe für ihn wesentlich, da er sich mit Autos auskannte, und die Elemente so besser unterscheiden konnte. Die Unterschiede an den Lithiumelementen liessen sich an den Autos optisch einfach darstellen. Eine Grobeinteilung nach Kriterien wie Jahrgang, Modell, Marke und Farbe war somit sofort möglich. Auch der Himmel sah plötzlich freundlich und ganz natürlich aus - nichts sollte einen Funwork-Arbeiter in seiner Arbeitsleistung beeinträchtigen.

Dany rannte durch das Feld und suchte nach dem teuersten Modell, das er finden konnte. Um diese monotone Aufgabe etwas aufregender zu gestalten, schaltete er eine Funktion von Funwork ein, wodurch computeranimierte Soldaten auf seinem Weg Tomaten nach ihm warfen, denen er ausweichen musste. Er flüchtete auch über die Dächer der Fahrzeuge um den Tomaten zu entkommen, wodurch teils erheblicher Schaden an den Autos entstand – was keine Rolle spielte, da es lediglich Projektionen für die Steuerung der echten Rohstoffe waren. Dennoch fühlte es sich für ihn real an und es machte ihm ziemlich viel Spass. Er hätte die Tomaten auch durch alles beliebige ersetzen können, da er alles laden konnte – dank des Funwork Programms. Das Programm hatte auch neben dem Funfaktor seine Berechtigung, denn durch den Unterhaltungswert stieg die Motivation der Mitarbeiter, weiter zu gehen und nicht das erst beste, teure Modell zu wählen. Einige waren sogar der Überzeugung, dass etwas von der körperlichen Anstrengung auch einen Einfluss auf die Elemente hatte, obschon es Projektionen waren. Dany wollte es sich niemals einfach machen, daher nahm er diese Wahrheit für sich an und strengte sich immer besonders an, um seine Arbeit gut zu machen.

Dany hatte einen noch wertvolleren Rolls Royce gefunden als beim letzten Mal und stellte sich davor. Er legte seine Hand auf die Motorhaube und sprach: „Objekt auswählen.“

Mit seinen Augen fokussierte er den Rolls Royce, während die Umgebung unscharf und das fokussierte Auto immer kleiner wurde. Ein Blinzeln später hatte Funwork um ihn herum, einen neuen virtuellen Raum geladen, das Labor. Hier besass der Rolls Royce nur noch die Grösse eines Modellautos und lag auf einem Stehpult vor Dany.

Als er den Rolls Royce von der Tischplatte hoch hob, folgten zwei weitere Modellautos aus der Tischplatte, die mittels Linien mit dem Rolls Royce verbunden waren. Je weiter er den Rolls Royce nach oben hob, desto mehr Fahrzeuge erschienen aus der Tischplatte. Ähnlich einem Stammbaum, folgten jedem Modell mindestens zwei weitere Modelle - alle durch Linien miteinander verbunden.

Als 50 Modellautos über der Tischplatte schwebten, hob er den Rolls Royce nicht mehr weiter an, sondern drehte ihn im Uhrzeigersinn und legte ihn auf einen grossen Tisch. Die übrigen 49 Modellautos waren noch immer über Linien mit dem Rolls Royce verbunden. Diese Kette von Modellen folgte daher Danys Bewegung und verteilten sich auf dem grossen Tisch, gleichmässig zu einem Netz.

Für die Herstellung des Treibstoffs brauchte er eine Netz aus 20 bis 25 Modellautos. Um diese Modellautos von den übrigen isolieren zu können, musste er die Verbindungen zwischen den Modellen genau betrachten. Einige dieser Verbindungen fielen Dany auf den ersten Blick auf. Auf dem grossen Tisch standen neben dem ausgewählten Rolls Royce, ähnliche Modelle in der gleichen Farbe und die Vorgängermodelle. Andere Verbindungen waren weniger offensichtlich. Aus diesem Grund aktivierte er einen Filter, der die Verbindungen zwischen allen Modellautos ersichtlich machte. Das Aussehen der Linien, die alle Modelle miteinander verbanden, änderte sich durch den Filter sofort. Dany erkannte, welche Verbindungslinien intensiver waren und welche weniger. Sobald er eine Linie berührte, konnte er auf einem Bildschirm ablesen, welche Eigenschaft diese beiden Modellautos miteinander verband. Das zu extrahierende Netz konnte Dany mit diesen Hilfsmitteln einfach und rasch festlegen. Er hatte Glück, denn nur bei drei Modellautos gab es eine starke Verbindung zu dem Teil des Netzes, den er eigentlich wegschneiden wollte. Diese Verbindungen musste er nun unterbrechen und ins Innere des zu extrahierenden Netzes umlenken. Dadurch blieben alle Arten der Verbindungen bestehen, funktionierten allerdings isoliert im Innern des Netzes.

 

Er wandte sich der ersten von den drei starken Verbindungslinien zu. Der Bildschirm zeigte ihm an, dass die verbundenen Modellautos, das gleiche Alter hatten. Er brauchte also nur ein gleich altes Modellauto im Innern des extrahierten Netzes zu suchen. Somit konnte die Art der Verbindung im extrahierten Netz erhalten bleiben. Es kam vor, dass die Modelle durch mehrere Eigenschaften miteinander verbunden waren. Hier war es glücklicherweise nur das Alter gewesen.

Bei der zweiten starken Verbindung entstand mehr Arbeit, da das Modellauto durch vier Eigenschaften mit dem anderen verbunden war. Es brauchte Zeit, doch Dany war in der Lage, die Verbindungen ins Innere des Netzes umzulenken.

 

Es gab insgesamt acht Eigenschaften, die das System erkannte. Das Crashverhalten, witzige Details an den Modellen, die Ausgereiftheit und der Fortschritt der Technik, ähnliche Einsatzgebiete, ähnlicher Preis, ähnliche Stärke und die Schönheit der Modelle stellten andere Eigenschaften dar, welche die Lithiumelemente miteinander verbanden. Es gab noch weitere Eigenschaften, doch der Stand der Technik erlaubte es ihnen noch nicht, diese genauer zu definieren – somit blieb auch nach sorgsamer Arbeit die Möglichkeit, dass das extrahierte Netz instabil arbeitete und man nochmals von vorne beginnen musste.

 

Zum Schluss blieb nur ein Modellauto übrig, das sich nicht neu zuordnen liess. Es gab zu viele verschiedenartige Verbindungen. Dany musste einsehen, dass er auf einen so genannten Verbinder gestossen war. Daher griff er zu einer Möglichkeit, die nur in begrenztem Masse zur Verfügung stand. Er nahm einen Hammer und zerschlug das Modell.

 

Er startete eine Kontrollsimulation und das extrahierte Netz verhielt sich unauffällig. Es gab einige Fehlfunktionen, doch nichts auffälliges. Sein erstes Treibstoffelement für heute war fertig. Er beendete das Arbeitsprogramm und fand sich in seinem Büro wieder. Dany ging zu seinem Schreibtisch und warf einen kurzen Blick auf das Protokoll der Simulation. Es enthielt die genauen Identifikationsnummern der extrahierten Lithiumelemente, die er zuvor als Modellautos sortiert hatte. Er prüfte, ob das eben erstellte Sortierungsmuster auch auf andere Netze des Lithium-Lagerbestands angewandt werden könne. Erfreut stellte er fest, dass sich weitere 31 Treibstoffelemente mit seinem Sortierungsmuster extrahieren liessen. Damit hatte er einen persönlichen Tagesrekord aufgestellt.

 

Es folgte ein Meeting mit seinem Vorgesetzten, bei dem er sein Vorgehen präsentierte und das Protokoll zur Weiterverarbeitung übergab.

Da sein erster Fang so gut funktionierte, entschied er, für einmal auch die Produktion des Treibstoffs zu beobachten.

Er ging hinunter in die Produktion und sah sich das Zusammenfügen der Elemente an. Er war ganz aufgeregt, denn er erlaubte sich nicht oft, seine Arbeit für einen Ausflug zu einer anderen Abteilung zu vernachlässigen. Zudem sah er hier in der Praxis, das Werk seiner theoretischen Arbeit. Er hatte seine Arbeit gut gemacht, denn das Zusammenfügen funktionierte hervorragend. Eine schwarz glänzende Masse entstand, deren Schimmern er gut mit blossem Auge sehen konnte. Auf dem Monitor, der das Geschehen vergrössert darstellte, sah er sogar die ruhigen, Lava-ähnlichen Bewegungen der Masse, die er konzipiert hatte. Der Treibstoff wurde in einen Metallblock mit einem kleinen Fenster verpackt und archiviert. Das Material hatte seine Stabilität ein Jahr zu beweisen, bevor es genutzt werden konnte.

Zurück im Büro prüfte Dany zunächst die Arbeit seiner Kollegen. Auch an diesem Tag hatten sie wieder 20 neue Mitarbeiter in der Abteilung. Die Neuen arbeiteten von daher natürlich wesentlich langsamer und unproduktiver als er. Es waren vorwiegend Besucher aus anderen Abteilungen, die von eingearbeiteten Mitarbeitern beaufsichtigt wurden, wodurch auch diese unproduktiver arbeiteten. Trotz allem war seine Abteilung noch immer die produktivste der 17 Abteilungen, welche dieselbe Arbeit erledigten. Er prüfte auch Levons Arbeit und stellte verzweifelt fest, dass er auch an diesem Tag wieder doppelt so schnell arbeitete wie er. Er konnte es nicht fassen. Es war ihm schleierhaft, wie Levon es schaffte, derart produktiv zu sein. Er strengte sich unglaublich an, während Levon ganz und gar nicht diesen Eindruck erweckte. Dany hatte keine Chance gegen Levon. Er schien auf dem richtigen Weg zu sein, denn er arbeitete viel besser als alle anderen Mitarbeiter – ausser eben Levon.

Dany bestellte sich gerade eine Essenstablette, um schnell weiterarbeiten zu können, als Allegra anrief.

Dany: „Ich sollte wirklich weiter arbeiten. Levon ist schon wieder weiter als ich, obwohl er rumplapperte, als ich schon lange bei der Arbeit war. Ich verstehe das einfach nicht. Deine Familie tut so viel für mich, da möchte ich es wenigstens einmal schaffen, ihr bester Mitarbeiter zu sein.“

Allegra: „Mach dir keine Sorgen, ich habe erst heute mit Mutter gesprochen und sie ist überwältigt von deiner Leistung. Du tust genug. Also geh es ruhiger an und lass uns essen gehen. Ich muss sowieso etwas mit dir besprechen.“

Dany: „Ich sehe, dass meine Leistung nicht überwältigend ist. Aber gut, es kommt eh nicht mehr darauf an, ich habe keine Chance, Levon heute noch einzuholen.“

Dany warf die Essenstablette – die Nahrung des gewöhnlichen Volkes – in den Abfall und machte sich auf zum Realfoodrestaurant. Dieser Luxus war für ihn inzwischen schon zum Alltag geworden.

„Na du Looser, solltest du nicht in deinem Büro sein und versuchen, mich einzuholen?“, sagte Levon zu Dany, als er diesen auf dem Weg zu seinem Heli traf. Dany hasst es, denn es traf ihn jedes Mal, wenn Levon ihm seinen Erfolg unter die Nase rieb. Und er konnte ihm nichts erwidern. Also fuhr Levon fort uns sagte: „Ich gehe nun an einen Ort, der deine Vorstellungskraft übersteigt. Es ist derart wundervoll, dass Worte es nicht beschreiben können und so paradiesisch, dass sogar ich es jedem Wünsche, einmal dort hin gehen zu dürfen.“

Levon ging weiter zum Heliport und beantwortete während dessen einige seiner zahlreichen Mails. Glücklicherweise hatte Dany das gleiche Ziel und somit eine rationale Berechtigung, ihm zu folgen. Doch insgeheim wollte er Levon folgen. Levon hatte diese Wirkung auf alle Menschen, denn jeder wollte in seiner Nähe sein – und auch Dany konnte sich seiner Anziehung nicht entziehen.

„Wohin gehst du denn?“, fragte Dany.

Levon liess sich mit seiner Antwort Zeit, beschäftigte sich lieber mit seinen Mails. Erst im letzten Moment, bevor er in seinen luxuriösen Heli stieg – Dany verachtete sich, dass er die Geduld aufbrachte, so lange auf seine Antwort zu warten – sagte er mit einem Lächeln: „Natürlich da hin, wo auch Allegra hin geht.“

Wie er dieses Wesen verabscheute.

 

Dany stieg aus seinem Heli und als er Allegra nur schon von weitem sah, erhellte sich sein Gemüt. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, da sie sich gerade angeregt mit ihrer Assistentin unterhielt. Dany machte sich bemerkbar und Allegra drehte sich zu ihm um und grinste ihn genauso an, wie er sie. Er liebte es, diesen Effekt auf einen Menschen zu haben, und diesen auch selbst zu erleben. Allegra machte eine Handbewegung und die Assistentin ging erleichtert weg. Es gab keine Probleme wenn sie zusammen waren. Sie umarmten sich und gingen danach ins Restaurant.

Dany machte sich in diesem Moment keine Sorgen mehr über seine Arbeit. Die Arbeit war nun nicht mehr wichtig, denn er wusste sie könnten miteinander auch ohne Geld glücklich leben, so wie im kanadischen Wald. Nie hätte er sich vorstellen können, dass ihm alle anderen Dinge so egal sein konnten, nur durch die Anwesenheit eines Menschen - doch so war es für ihn.

Allegra: „Ich kann es kaum erwarten, dass Moonaspace ein Erfolg wird. Dann können wir uns endlich von diesem Leben hier verabschieden, und unser wirkliches Leben führen.“

Er liebte es, wenn sie über ihre Zukunft sprachen. Sie wünschten sich ein einfaches Leben, eine Familie und einfach nur Zeit für einander. Allegra hatte Dany schon bald soweit, dass er nachgeben und sich damit einverstanden erklären wollte, eben jenes Leben allein durch das Familienvermögen zu finanzieren. Die Abhängigkeit widerstrebte ihm, denn er wollte für seine Familie sorgen, doch Allegra zeigte ihm eine andere Sicht auf. Beim Essen führte sie Dany wieder seine Qualitäten vor Augen, insbesondere die Art wie er sich um andere Menschen kümmerte - was er zweifelsfrei tat. Sie schafften es, eine fast greifbare Vision ihrer Zukunft mit Worten zu malen und sie liebten es beide gleichermassen.

Das Servieren des Hauptganges riss sie aus ihrer Welt, zurück in die Realität. Wenn sie sich ansahen, und über die Zukunft sprachen, sahen sie diese so intensiv, dass alles um sie herum verschwand. Beim Anblick des Essens kam auch das Hungergefühl wieder, welches zuvor vollständig verschwunden war.

Dany: „Am Telefon sagtest du, dass du etwas mit mir besprechen willst.“

Allegra sagte leise: „Ich muss leider schon wieder weg. Auf den Mond. Bericht erstatten.“

„Mit Levon?“, fragte Dany vorwurfsvoll.

Allegra versuchte ihn zu besänftigen: „Unglücklicherweise ja. Du weisst wie viel mein Vater von ihm hält. Und glaube mir, ich habe protestiert, doch es ist zwecklos. Aber denk an die Zukunft, solche Dinge wird es dann nicht mehr geben. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

Mit wirklicher Verzweiflung in seiner Stimme, sagte Dany: „Jedes Mal wenn du von diesen Reisen zurückkommst und Bericht erstattet hast, bist du so fröhlich und bester Laune, dass ich es hasse, weil ich es nicht verstehe. Es scheint, als würdest du soviel in dieser Zeit erleben, viel mehr als es mir oder jedem anderen Menschen in der gleichen Zeit überhaupt möglich wäre. Wie kommt das? Was ist am Mond so besonders?“

Allegra: „Ich wünschte, dass sie es zulassen würden, dass du mitkommst. Doch es gibt wirklich keine Möglichkeit – zumindest jetzt noch nicht. Es ist wunderbar dort, daher kommt Vater nur noch selten zurück. Doch egal wie toll es ist, ich würde es jederzeit tauschen, um mit dir nur für fünf Minuten zusammen zu sein.“

Sie konnte sehen wie sie Dany mit diesen Reisen verletzte und sie hasste es. Er brauchte einen Moment um sie wieder ansehen zu können. Dies stellte einmal mehr einen Moment dar, in dem sie es verachtete, sie zu sein, ein Mitglied dieser Familie mit ihren Verpflichtungen, denen sich persönliche Wünsche so schwer unterordnen liessen. Es wäre einfacher, würde sie Levon heiraten, denn sie könnte tun was sie tun musste und bräuchte Dany das hier nicht anzutun. Ihre Gedanken verflogen als Dany sie anschaute, lächelte und sagte: „Dann machen wir doch das Beste aus den wenigen Minuten, die uns jetzt noch bleiben.“

Er erinnerte sie damit umgehend wieder daran, warum sie wollte was sie jetzt hatte und küsste ihn.

Versuchend, seine Gedanken nicht auf das Bevorstehende zu lenken, fragte Dany: „Wie kann es sein, dass wir jede Woche den Personalbestand beinahe verdoppeln, Werbung machen, lächerliche Zusatzdienste wie das Schlussmachen für unsere Kunden anbieten und zwar gratis, und trotz allem noch immer verhältnismässig wenige Flüge zum Mond durchgeführt haben? Gibt es da nicht ein Ungleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben?“

„Darum wollen Vater und seine Investoren auch so genau über den Verlauf der Geschäfte informiert bleiben. Es geht um sehr viel Geld und wir generieren bisher kaum Umsatz. Doch dies ist erst ein Pilotprojekt. Wir brauchen diese Publicity, denn unser Geschäftsmodell wird bald möglichst weltweit angeboten. Und wir wollen unsere Dienste nicht nur den reichen Leuten ermöglichen, sondern der gesamten Bevölkerung. Das ist ein gewaltiges Projekt. Dafür sollte ich bei Erfolg des Projekts, auch die Verpflichtungen meiner Familie gegenüber, vollständig erfüllt haben. Dann können wir uns der Zukunft widmen.“, sagte Allegra und gab sich dabei alle Mühe, ihre Zuversicht für die Zukunft auszudrücken.

Sie erzählte ihm von ihren zahlreichen Besuchen in anderen Abteilungen der Firma und Dany genoss es, ihren Erzählungen zu lauschen. So wie sie die Eindrücke aus ihrer ganz persönlichen Sicht mitteilte, verriet sie viel über sich, sodass Dany überzeugt war, ihre wahre Persönlichkeit noch besser kennen zu lernen und auch von jener Person zu distanzieren, die Allegra manchmal sein musste, wenn die Angelegenheiten ihrer Familie sie dazu zwangen. Allegra merkte an seinen Fragen und Bemerkungen, dass es nicht von Belang war, dass sie jene Dinge erlebte, da sie diese mit Dany teilte und er sie verstand und dadurch miterleben konnte.

 

Eine Angestellte erschien und richtete Allegra aus, dass Levon auf sie warte.

Allegra sagte zu Dany: „Ich muss los. Doch du musst den Rest der Woche sowieso nach Seoul um neue Rohstoffe zu kaufen. Bis du wieder zurück bist, bin ich es bestimmt auch.“

Sie verabschiedeten sich und Allegra liess Dany zurück.

 

Wenig später befand sich Dany an Bord eines Firmenjets nach Korea. Mit ihm reisten einige Berater, doch Alissa hatte ihm die Entscheidungsgewalt übertragen. Er freute sich über ihr Vertrauen und offenbar hatte Allegra recht, die Familie schien zufrieden zu sein mit seiner Arbeit. Die Berater bereiteten ihn auf die Einkaufs- und Verkaufsverhandlungen mit den Partnerunternehmen vor, zudem informierten sie ihn über die Rohstoffproduktion, die er im Namen der Familie zu besichtigen hatte.

Das Meeting ging zu Ende und er wollte sogleich damit beginnen, die Präsentation seiner Arbeit vorzubereiten, als seine App ihn mit Satellitenbilder von ihrem fliegenden Privatjet daran erinnerte, dass er eben während der Arbeitszeit eine Reise auf die andere Seite des Planeten unternahm - eine Reise, die er sich in seinem früheren Leben nicht einmal mit jahrelangem Sparen hätte leisten können. Und nun jettete er erneut für ein paar wenige Tage um die Welt als sei es nichts.

 

 

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