2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 15 - Das erträumte Leben

6 Monate später

 

Es war ein Donnerstagmorgen, als Allegra von einer Auslandsreise zurückkehrte, auf der sie einige ihrer zahlreichen Freunde besuchte und wie es in ihren Kreisen so üblich war, sich dabei gleich noch um das eine oder andere Geschäft kümmerte. Allegra arbeitete eigentlich für Moonaspace, wie sie es ihren Eltern versprochen hatte. Dennoch nutzte sie, wie viele der Angestellten auch, das Angebot ihres Arbeitgebers, in den verschiedensten Abteilungen des Unternehmens zu arbeiten. Als Tochter des Chefs, gab es für sie kaum Einschränkungen, sie konnte innerhalb des Konzerns machen was sie wollte – was, wie böse Zungen behaupteten – nicht gerade viel war. Sie würde, gemeinsam mit ihren Geschwistern, einmal alles erben und besass von daher eine eigene Einstellung zur Arbeit. Ihr schien es primär wichtig zu sein, die Menschen im Unternehmen kennenzulernen, und überliess daher die Arbeit und die Leitung des Ganzen lieber anderen. Dany hatte vollstes Verständnis dafür, sie hätte sowieso alles tun können, nichts hätte seine Begeisterung für Allegra auch nur etwas dämpfen können.

 

Daniel besass ein Penthouse in der Stadt und ein kleines Ferienhaus am Rande einer Naturzone – wofür er mit seinem eigenen Lohn bezahlte. Seine Ersparnisse würden es ihm ermöglichen, seinen Lebensstandard ein Jahr weiter aufrecht zu erhalten, selbst wenn er während des Jahres kein Einkommen verzeichnete – eine Erstrebenswertigkeit, die er nun besass. Er gehörte nun also zur oberen Mittelschicht. Natürlich befand er sich nur in dieser Lage, weil er von der Grosszügigkeit von Allegras Familie profitierte. Sie ermöglichten ihm darüber hinaus ein Leben, das weit über seinen Verhältnissen lag.

Er hatte vom Leben mehr erhalten, als er sich je erträumt hätte. Die Abhängigkeit von Allegras Familie missfiel ihm naturgemäss etwas, da er sich noch immer am liebsten auf sich selber verliess. Die Art und Weise, wie sich Allegras Familie ihm gegenüber verhielt, liess ihn das Ganze jedoch ziemlich einfach annehmen.

Irgendwie war er froh darüber, dass nicht alles perfekt war. Insgeheim fürchtete er sich etwas davor, den Moment zu erleben, ab dem alles perfekt war – da er nicht wusste, was er dann noch zu tun hätte. Er war auch dankbar für Allegras Reisen, denn obschon er sie jedes Mal sehr vermisste, gab es ihm die Gelegenheit, einen Mangel in seinem fast perfekten Leben wahrzunehmen und diesen mit ihrer Rückkehr wieder zu beheben. Des weiteren sorgte die Basol Familie immer wieder mit den verschiedensten Ereignissen für Aufregung in Danys Leben. Dies wohl eher aus eigennützigen Gründen, da sie wirklich ein perfektes Leben führten – und dies womöglich aus ähnlichen Gründen wie Dany, effektiv brauchten.

 

So kam es, dass die Familie ihren Einfluss geltend machte, um das grosse Konstruktions-Autorennen dieses Wochenende in die Moonaspace Hauptstadt, St.Winterzürich, zu bringen. Die Stadt nahm einen enormen Aufwand in Kauf, um sich für diesen Event vorzubereiten. Zwischenzeitlich nahm die Arbeitsbeschäftigung der Gegend um ein ganzes Prozent zu - so viele Arbeiter benötigte man, um alles vorzubereiten.

Nicht nur die Bevölkerung fieberte dem Ereignis entgegen, sondern auch die Initianten und Dany. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Ertrag, doch dies schien niemanden zu stören. Dany konnte die Beweggründe von Dionys dennoch nachvollziehen, wäre sein Leben ähnlich perfekt, hätte er wohl gleich gehandelt.

Während Allegras Abwesenheit hatte er sein Wochenende auf nur zwei Tage gekürzt, um mit seiner Arbeit nicht in Verzug zu geraten und so ausreichend Zeit für den Lunch zu Allegras Rückkehr zu schaffen.

Allegras Eltern waren vollkommen eingenommen von der Organisation des Autorennens, daher durfte Dany für einmal, Allegra nach einer ihrer Reisen, ganz alleine empfangen. Er kümmerte sich um die Verpflegung und organisierte alles selber. Eine seltene Gelegenheit, die es ihm erlaubte, einen solchen Anlass selbst zu bezahlen.

 

Mit einer Rose in der Hand wartete er auf dem Deck seines Penthouses auf das Eintreffen von Allegra. Seine Wohnung erstreckte sich vom 78. bis zum 80. Stock. Dies waren die obersten Etagen eines eher niedrigen Hochhauses der Stadt. Die Wohnung verfügte über eine eigene Dachterrasse und einen privaten Landesteg für Hubschrauber – trotz der relativ geringen Höhe des Hauses, eine durchaus luxuriöse Wohnung.

Obschon er sich die Hypothek gut leisten konnte, nachdem die Basols das Eigenkapital gestellt hatten, sah er noch immer bescheiden aus, wartend auf Allegra, mit einer Rose in seiner Hand – hinter ihm der einzigartig geschwungene Glasturm, der seine Wohnung beheimatete.

Allegras Heli setzte auf dem Steg auf. Während Angestellte ihre Koffer ins Innere der Wohnung brachten, strahlte Allegra unbeirrt Dany an und ging auf ihn zu um ihn zu küssen. Alles was sonst noch um sie herum geschah, hatte keine Bedeutung. Sie waren wieder zusammen, wie sie es mitten in der kanadischen Wildnis waren. Nur ging es hier eben etwas zivilisierter zu und her – und natürlich luxuriöser, doch dies machte für die beiden keinen Unterschied, nur die zwei waren für einander von Bedeutung.

Allegra freute sich riesig, als sie das Rosenmeer sah, dass Dany in der untersten Etage seiner Wohnung ausgebreitet hatte. Diese Etage diente dem Essen und dem Wohnen, darüber lag die etwas kleinere Etage für sein Büro und seine Trainingsräume und zuoberst befand sich das Schlaf- und Badezimmer. Eine runde Öffnung verband alle drei Etagen und bot Platz für Aktivitäten, die etwas mehr Raumhöhe erforderten. Das oberste und kleinste Loch in der Schlafzimmeretage hatte etwa die Grösse seiner alten Wohnung. Die Form der Fenster verrieten auch von innen, in welchem einzigartigen Gebäude der Skyline der Stadt, sie sich befanden.

 

Dany hatte grosse Mühe, sich für den Nachmittag loszureissen, um arbeiten zu gehen. Nach langem hin und her hatte er Allegra überzeugt, ihn gehen zu lassen – dafür bestand er darauf, dass sie seinen Heli den Nachmittag über nahm.

Aus diesem Grund sass er nun in seinem Mercedes-Hochstadtauto, und nahm einen etwas längeren Weg ins Büro in Kauf. Er nutzte die Fahrzeit, um sich um seine Post zu kümmern. Als Nahestehender der Basol Familie, erlangte er eine gewisse Relevanz für die lokalen Medien. Aus diesem Grund hatte die PR-Frau der Familie, einige Statements für Dany verfasst, die er nun den Medien, als die seinen, weiterleiten musste. Hin und wieder fügte er noch etwas eigenes hinzu. Seine Freunde beneideten ihn darum, sich vor einer grösseren Menge von Menschen Gehör verschaffen zu können, doch Dany konnte wenig damit anfangen. Er tat es, doch eher gleichgültig. Für ihn machte es kaum einen Unterschied, ob er nun der Presse ein Interview gab, oder mit seiner Ellen, der künstlichen Intelligenz von headQnetz, sprach. Mit Ellen konnte er ehrlicher sein, er konnte ihr während ihrer Gespräche alles anvertrauen und hatte dabei die Gewissheit, dass sie seine Privatsphäre berücksichtigte und nur den Teil für seine Freunde auf headQnetz veröffentlichte, den er zuvor definiert hatte.

Sobald er seine Statements verschickt hatte, wandte er sich Ellen zu und sprach über das, was ihn gerade beschäftigte.

„Allegra war nur einige Tag weg um Bericht zu erstatten, doch ich habe das Gefühl, dass sie während dieser Zeit viel mehr erlebt hat, als ich es getan habe.“, sagte Dany zu Ellen.

„Wie kannst du dir das erklären?“, fragte Ellen und fügte an: „Denkst du, dass sie dir etwas verheimlicht?“

Dany: „Es ist vollkommen unlogisch. Es muss mein Empfinden sein, dass mich täuscht. Ich glaube, dass sie so ehrlich wie möglich mit mir ist, doch ich denke schon, dass es Dinge gibt, die sie mir nicht sagen darf.“

„Stört dich das nicht?“, fragte Ellen verständnisvoll.

Dany: „Ich weiss nicht ob ich das richtig von ihr finde. Sie könnte mir alles sagen, es gibt nichts, dass sie sagen könnte, was dazu führen würde, dass ich schlecht von ihr denke. Doch ich kann keine Forderungen an eine Familie stellen, die soviel für mich tut.“

Ellen: „Du fürchtest dich, dass all deine Träume, die nun in Erfüllung gegangen sind, den Bach runter gehen, wenn du etwas falsches machst. Das verstehe ich. Doch wie traumhaft ist ein Leben, wenn du dich verstellen musst, dich zurücknehmen musst, um ein Teil davon zu sein?“

Dany: „Meine Mutter ist in den meisten Phasen ihres Lebens immer der Liebe nachgerannt. Und wo hat es sie hingeführt? Ich hatte immer einen Plan, ich wollte es besser machen. Für mich und meine Familie. Jetzt habe ich ein gutes Leben, sogar Liebe und auch noch eine Art Zweitfamilie. Da muss ich doch ein paar Zugeständnisse machen können.“

Ellen: „Ich denke trotzdem, dass dies ein Punkt ist, den wir weiter verfolgen sollten. Ich werde mir dies merken. Nur mal um darüber nachzudenken: Müsstest du dich entscheiden, zwischen der Liebe zu Allegra oder dem vernünftigen, wohlhabenden Leben für dich und deine zukünftige Familie – wofür würdest du dich entscheiden?“

Dany zögerte recht lange und sagte dann: „Ich hoffe ich muss mich nicht entscheiden. Bestimmt hast du es so eingestuft, doch nur zur Sicherheit: Diese Frage gehört zu der höchsten Stufe der Privatsphäre.“

„Natürlich.“, sagte Ellen und fügte an: „Wie sieht es mit der Arbeit aus? Gefällt dir dein Job noch immer?“

Dany: „Es ist immer noch fantastisch. Ich weiss, viele halten mich für verrückt, weil ich nicht auf das Angebot zurückgreife, immer mal wieder in einer anderen Abteilung zu arbeiten – doch ich liebe meine Aufgabe einfach und auch die Routine. Und ich bin gut, im Durchschnitt habe ich jeden Tag 20 Einheiten erstellt, während die andern nur die Hälfte schaffen. Ich verstehe mich super mit Alissa und ich möchte sie nicht enttäuschen.“

Ellen: „Bist du darum heute zur Arbeit gegangen, anstatt den Nachmittag mit Allegra zu verbringen?“

Dany: „Ja. Ich möchte den Basols ja auch etwas zurückgeben.“

„Und natürlich willst du endlich Levon schlagen?“, sagte Ellen und zog den Wettstreit der beiden ansatzweise ins Lächerliche.

Dany: „Es ist mir schleierhaft, wie er 50 pro Tag schafft. Er arbeitet weit weniger als ich es tue. Es ist unfair. Er muss sich im Gegensatz zu mir nicht mal anstrengen, und ist viel wertvoller für die Familie als ich es bin. Und Dionys will, dass er an meiner Stelle, Allegra heiratet. Natürlich gefällt mir das nicht!“

Ellen: „Dir fällt bestimmt etwas ein...“

 

Dany starrte einen Moment aus dem Fenster und betrachtete, wie der Mercedes ihn durch Hochhäuser und Brücken chauffierte. Der Moonaspace Hauptsitz befand sich am Stadtrand, daher war er froh, für die lange Strecke für gewöhnlich auf den Heli zurückgreifen zu können. Seine Gedanken waren für einen Moment frei, da kam ihm plötzlich die Idee. Es war eigenartig, es fühlte sich an, als hätte er sich an die Idee erinnert, als wäre sie schon lange da gewesen, als hätte er sie sogar schon praktisch überprüft und für gut befunden. Doch sie war neu, er hatte es noch nie ausprobiert. Wie konnte er sich also daran erinnern? Als wäre er schon einmal darauf gekommen und etwas hätte dafür gesorgt, dass er es wieder vergessen würde. Doch es war keine Art von Idee, die er, egal in welcher Verfassung er gewesen wäre, je hätte vergessen können.

Er musste mit Henry sprechen, seine Hilfe würde er benötigen, um die Idee umzusetzen. Er liess sein iD’, Henry anrufen und freute sich innerlich, Henry zeigen zu können, dass er sich nun einen Mercedes leisten konnte – ein deutlich teureres Auto als Henrys BMW, den er einige Monate zuvor bestaunt und beneidet hatte. Er stellte sich gerade Henrys Gesichtsausdruck vor, was er wohl zu seinem Mercedes sagen würde – als er realisierte, dass sich wohl niemand am anderen Ende der Leitung melden würde.

Er rief Henrys Seite auf headQnetz auf und blätterte durch die Hochglanzausgabe seines Lebens. Da las er es, Henry war an diesem Vormittag verstorben.

Dany war geschockt. Ein Film lief vor seinem inneren Auge ab und er erkannte, welch immensen Einfluss das Tun von Henry auf sein Leben gehabt hatte. Hätte Dany ihn früher in der Schule nicht getroffen, hätten sie nicht die Beziehung gehabt, die sie hatten. Hätte Dany nicht an diese Beziehung appellieren können, hätte er nie das Moonaspace-Trainingsprogramm von Henry erhalten, Dany hätte nie seinen Job bekommen und möglicherweise nicht einmal Allegra behalten können, da Dany ihre Eltern nicht mit seinen Moonaspace-Kenntnissen für sich hätte begeistern können.

Er bekam eine Gänsehaut und er fürchtete für einen Moment, nicht mehr atmen zu können. Er schämte sich dafür, dass er gerade noch vor Henry hatte angeben wollen. Er wies den Mercedes an, umgehend zu halten, sodass er auf der Brücke etwas frische Luft schnappen konnte.

Sein Standort passte ironischerweise perfekt in den Film, der gerade vor seinem inneren Auge abgelaufen war. Am Ende der Brücke befand sich sein altes Wohnhaus und wie es der Zufall so wollte, wurden am Gebäude gerade Renovierungsarbeiten vorgenommen. Jemand lenkte den Verkehr der Bauroboter, so wie es früher seine Arbeit gewesen war – und bestimmt noch heute wäre, wenn da nicht Henry gewesen wäre.

Seine Augen beobachteten einen Roboter, der gerade eine Etage unter ihm renovierte. Er sah, wie dessen Materialbestände sich bald erschöpften und suchte aus Gewohnheit nach dem Zeppelin, der in Kürze Nachschub bringen sollte. Der Zeppelin schwebte gerade über die Brücke, auf der Dany sich befand. Weil der Zeppelin der Brücke sehr nahe kam, gab es ganz in der Nähe eine ordnungsgemässe Strassensperre. Deshalb stauten sich inzwischen die Hochstadtautos bis zu seinem Mercedes und noch weiter zurück. Sobald der Zeppelin die Brücke überquert hatte, wurde die Strasse wieder frei gegeben und der Verkehr rollte allmählich weiter. Er sah erneut zum Zeppelin um den Ablad der Ware zu beobachten, als plötzlich ein Helibus auftauchte und den Zeppelin rammte. Es gab einen gewaltigen Knall. Die Fenster der umliegenden Gebäude zerbrachen. Dany rannte sofort los, weg von der Brücke und weg von dem Gebäude, in dem er einmal gewohnt hatte.

Der Helibus stürzte herunter und riss ein Loch in die Brücke – nur einige Meter hinter Dany. Der Zeppelin schlug wenig später ebenfalls auf, sehr nahe an seinem alten Gebäude, und explodierte.

Dany hielt sich verzweifelt am Geländer der Brücke fest und zog sich so schnell nach oben, wie es nur ging. Die Brücke wackelte bedrohlich und drohte bald einzustürzen. Er wagte einen Blick zurück und sah, wie sein Mercedes zusammen mit vielen anderen Hochstadtautos, von der Brücke nach unten fielen.

Unheimliche und bedrohliche Geräusche begleiteten den Absturz diverser Gebäudeteile und Fahrzeuge.

Mit letzter Kraft zog sich Dany hoch und betrat das nächste Hochhaus, wo er wieder aufrecht gehen konnte. Er blickte erneut zurück und sah, wie der Versorgungsschlauch, der vom Zeppelin zum Bauroboter führte, in Flammen stand. Er rannte sofort weiter, mit ihm Scharen von anderen Menschen, die von Staub überzogen aus dem Gebäude flohen.

Die hochexplosiven Baumaterialen reagierten wie es auf der Hand lag: Sie explodierten zusammen mit dem Bauroboter. Die durch die Renovationsarbeiten geschwächte Etage stürzte ein und riss die oberen Etagen des Gebäudes mit sich. Drei, zu dem Gebäude führende Brücken, wurden ebenfalls in die Tiefe mitgerissen – wobei sie erheblichen Schaden an den umliegenden Gebäuden anrichteten. Einige der Häuser im Umkreis der Einsturzstelle, brannten und drohten ebenfalls einzubrechen.

Dany lag, wie viele andere auch, orientierungslos am Boden auf einer der nächsten Brücken. Er hatte sich leicht am Bein verletzt und versuchte unter Schmerzen wieder aufzustehen – was ihm erst beim vierten Versuch gelang. Nun sah er das Ausmass der Katastrophe.

Er wollte sofort losrennen und helfen, doch sein verletztes Bein liess ihn sofort zu Boden stürzen. Minuten später trafen die Rettungsfahrzeuge ein und riegelten den Bereich grossräumig ab.

Dany protestierte und wollte unbedingt helfen, doch ein Rettungshubschrauber flog in wenig später aus. Aus dem Hubschrauber betrachtete Dany die hilflosen Menschen in den brennenden Hochhäusern. Hochhäuser sind Festungen die immer auch zu Fallen werden können – dachte er sich und wunderte sich über die Art und Weise, wie sie gezwungen waren, zu leben.

Einer seiner ehemaligen Kollegen hatte diese Katastrophe zu verantworten. Er war fassungslos. Es war ihm ein Rätsel, wie so was trotz all der programmierten Vorsichtsmassnahmen und Kontrollen überhaupt passieren konnte. Er hatte diesen Job jahrelang gemacht und es war nach seinem Verständnis unmöglich, dass so etwas passieren konnte. Er prüfte die Medienberichte auf seinem iD’ um mehr über die Sache zu erfahren. Anscheinend wussten auch die Journalisten nicht mehr über das Geschehene, als er selbst. Er las lediglich, dass es sich bei dem Hochhaus um eines der ältesten der Stadt handelte. Zudem hatten gerade Renovierungsarbeiten stattgefunden, da das weltweit führende Klimaforschungsinstitut dort ihre Labors und Büros unterbringen wollte. Man freute sich über den Umstand, dass jenes Gebäude wegen der Renovierung, zum Zeitpunkt des Unglücks, beinahe leer war. Dany lass die Stellungnahme des Vorsitzenden des Instituts, der klagte, dass jener Vorfall ihre essentiell wichtige Aufgabe, weiter verzögern würde. Natürlich traure er um die getöteten Menschen, doch weit trauriger mache ihn, dass ihre hinausgezögerte Forschung für noch weit mehr Tote verantwortlich sein werde. Viele stimmten seiner Aussage zu und noch bevor alle Brände gelöscht waren, hatte das Institut schon mit der Renovierung einer nahe gelegenen Liegenschaft begonnen – welche, aufgrund der Dringlichkeit der Situation, durch Steuergelder bezahlt wurde.

Da sich ebenfalls ein Heilzentrum im Gebäude befunden hatte, waren die umliegenden Krankenhäuser sehr ausgelastet. Daher entschied Dany, sich zum Wochenhaus der Basols auf dem Bodensee fliegen zu lassen wo ihn der Privatarzt der Familie untersuchen konnte.

Allegra lief sofort zum Helilandeplatz, als sie den Rettungshubschrauber sah und rief den Leibarzt. Jetzt hatte sie Gewissheit, dass auch jemand aus ihrer Familie betroffen war – während es vorher nur ein ungutes Gefühl war.

Der Leibarzt scannte Dany und liess sich das Protokoll über die Verletzungen vom Notfallarzt unterzeichnen – Allegra bestand darauf, da die Anwälte auf diese Weise danach sofort eine Schadenersatzklage einreichen konnten, schliesslich brauchten auch die etwas zu tun, dachte sie sich.

Es zeigte sich, dass Dany keine schweren Verletzungen davon getragen hatte. Der Leibarzt machte ihn umgehend wieder gesund.

Nach der Behandlung erzählte Dany Allegra auf der Dachterrasse, wie er beinahe gestorben wäre. Hätte er nicht nach Luft schnappen müssen, wäre er im Auto weiter gefahren und vom Helibus erschlagen worden.

„Und das alles an dem Ort, an dem du früher hingehört hast. Welch Ironie.“, sagte Allegra nachdenklich.

Sie entschuldigte sich und zog sich zurück, um sich nach dem Wohlbefinden der restlichen Familie zu erkundigen, während Dany weiter den Nachrichten auf seinem iD’ folgte.

Seine Gedanken schweiften jedoch ab und er dachte erneut an Henry und an seine Idee zur Verbesserung der Arbeitssoftware. Erstaunt stellte er fest, dass die Idee noch immer da war. Sogar eine Katastrophe liess ihn die Idee nicht vergessen. Jetzt wunderte er sich umso mehr, da es ihm noch immer so vorkam, als hätte er sich früher am Tag lediglich daran erinnert, was sich sehr davon unterscheidet, eine Idee zu entwickeln.

Die Nachrichten berichteten noch immer nichts Neues, daher entschied er, dem Gedanken zu folgen, der ihm schliesslich das Leben gerettet hatte.

Allegra wollte ihn davon abhalten. Sie wollte, dass er sich erholte, doch Dany liess sich nicht umstimmen. Als sie davon anfing, sich die Schuld für das Ganze zu geben, da sie sich schliesslich seinen Heli lieh, liess er es zu, dass sie ihn ins Büro begleitete.

 

Das Moonaspace Büro war menschenleer, doch das störte Dany nicht. Er versuchte das System hochzufahren, doch es ging nicht. Auch ein weiterer Versuch scheiterte.

Allegra hatte keine Erklärung dafür und setzte sich daher mit ihrer Mutter, der Chefin von Moonaspace, in Verbindung.

Alissa meldete: „Unser Sicherheitsdienst hat herausgefunden, dass ein Virus für das Abweichen vom Kurs des Helibuses verantwortlich war. Sie haben die Spur zurückverfolgen können zu Henry, der auch die Arbeitssoftware für Moonaspace gemacht hat. Es ist eine Katastrophe! Bevor wir seine Arbeit nicht erneut geprüft haben, können wir nicht mehr mit seiner Software arbeiten. Wenn herauskommt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Katastrophe und Moonaspace gibt, stirbt unser Projekt sofort. Zudem müssen wir entscheiden, ob wir das Rennen dennoch veranstalten wollen oder nicht.“

Alissa atmete tief durch und fügte an: „Ich muss los, ich melde mich wieder.“

 

Dany: „Wie unheimlich! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Henry etwas damit zu tun hat!“

Allegra sagte bedächtig: „Ich wäre froh, wenn es so ist, denn was jetzt passiert, ist wirklich eine Katastrophe für meine Eltern und absolut nicht in ihrem Sinne. Zuvor hatte ich etwas daran gezweifelt, dass dein Aufenthalt zur falschen Zeit am falschen Ort, ein Zufall war.“

„Wie meinst du das?“, fragte Dany entsetzt. Allegra sagte nichts.

Dany: „Du ziehst es in Betracht, dass deine Eltern so was tun um mich los zu werden?“

Allegra: „Nun, mein Vater will noch immer eine Hochzeit zwischen mir und Levon. Und zwischen uns läuft es viel zu gut für seinen Plan. Naja, wir werden es nie erfahren. Das Gute daran ist, dass du jetzt sicher bist.“

Dany: „Ich bin jetzt sicher?“

Allegra: „Ein weiterer Anschlag auf dein Leben wäre zu auffällig.“

Dany: „Henry war wirklich ein Held. Er hat mir in meinem Leben immer geholfen und sogar mit seinem Tod hat er mir das Leben gerettet. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er dafür verantwortlich ist.“

Allegra: „Nun, praktischerweise ist er tot, so bleibt es ein Rätsel.“

Dany: „Sprich nicht so, das ist nicht richtig. Heute ist vielen Menschen etwas tragisches widerfahren. “

Allegra: „Tut mir leid. Solche Ungewissheiten gibt es nun mal gelegentlich in unserer Familie und man kann und möchte auch gar nicht alles immer so genau wissen. Also bleibt einem nur der Galgenhumor.“

Auf dem Rückflug zum Wochenhaus berichteten die Nachrichten, dass eine grobe Verletzung der Sorgfaltspflicht bei der Koordination der Baumaschinen zu dem Unglück geführt habe. Der entsprechende Mitarbeiter sei bereits inhaftiert worden.

Dany pausierte die Livewiedergabe und sagte: „Das ist nicht möglich! Ich habe diesen Job selber jahrelang gemacht und es kann nicht an ihm gelegen haben!“

Allegra sagte gleichgültig: „Dann ist wohl doch Henry dafür verantwortlich. Doch meine Eltern lassen niemals zu, dass dies bekannt wird oder sogar auf Moonaspace zurückfallen könnte. Ein Virus im Katastrophen-Helibus und der gleiche Virus im Moonaspace-Shuttle? Da könnten wir gleich dicht machen, das wäre ein PR Fiasko. Also brauchen sie einen Sündenbock.“

„Jetzt sitzt jemand – jemand der ich sein könnte – unschuldig im Gefängnis. Das geht doch nicht!“, schrie Dany verzweifelt.

Allegra sagte gelassen: „Beruhige dich. Das ist alles nur eine Theorie. Vielleicht war es ganz anders und die Menschen, die die Nachrichten erzählen, sagen die Wahrheit. Wir haben keinen Einfluss darauf, also gibt es nichts was wir tun können.“

„Nichts ausser abgestumpft zu werden, so wie du.“, sagte Dany eingeschnappt und liess die Nachrichten wieder laufen.

Die Nachrichtensprecherin sagte danach, dass es eine staatliche Abstimmung über headQnetz geben würde, ob das Rennen nach diesem schrecklichen Ereignis doch stattfinden solle oder nicht.

Allegra: „Wie praktisch, da nützt Demokratie doch mal was – auch wenn sie nur für die Legitimierung einer Pietätlosigkeit dient. Gut bleibt sie uns zum Schein erhalten. So entsteht sogar eine Win-Win Situation daraus. Wir haben gezeigt, dass wir mit einer Abstimmung richtig reagieren können, was unserem öffentlichen Ansehen nur nützen kann. Entweder wollen sie das unlukrative Rennen, dann kriegt Vater, was er eh ursprünglich wollte, oder er spart sich diese unrentable Investition – beides wird ihm recht sein.“

Dany: „Wie es scheint, ist die Angelegenheit doch keine so grosse Katastrophe für deine Familie...“

 

 

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Texte: © Copyright by M.L. Hagmann

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