2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 13 - Zuhause bei den Basols

 

Ein Konvoi aus drei Bentleys brachte die vier in der Dämmerung eines Sonntagabends über die Seestrasse zum Wochenhaus von Allegras Familie, den Basols. Während sich Mila rauchend im Jacuzzi amüsierte, der sich im hinteren, unbedachten Bereich des Fahrzeugs befand, sassen Allegra und Dany auf einer echten Lederlounge und genossen einen Aperitif. Schon von weitem liess sich das Haus der Basols erkennen, befand es sich doch am weitesten von allen Ufern entfernt, in der Mitte des Bodensees. Das nächste Haus lag mindestens dreihundert Meter weit weg und so gab es genügend Platz für eine kurvige Zufahrt zum Haus. Allegra sagte, dass dies aus Sicherheitsgründen nützlich sei, biete es den Bewohnern doch genügend Zeit, bei einem allfälligen Angriff über die Strasse, das Haus zu verlassen. Sicherheit spielte sowieso eine grosse Rolle, es gab mehrere Kontrollen auf der privaten Seestrasse und Allegra verliess das Haus niemals ohne mindestens einen Bodyguard. Bewegte sich ein Familienmitglied mit einer Luxuslimousine fort, begleiteten es mindestens zwei andere Fahrzeuge, weshalb Allegra für gewöhnlich darauf verzichtete. Doch dem speziellen Anlass ihrer Heimkehr wegen, hatte ihr Vater den Transport so organisiert. Ausserdem hatte Allegra entgegen der Empfehlung ihres Vaters, auf einen Privatjet verzichtet und flog stattdessen mit einem Linienflug zurück, wodurch er es für notwendig hielt, Sicherheitspersonal im öffentlichen Bereich des Flughafens bei ihrer Ankunft zu postieren.

Das Haus bestand von oben betrachtet aus einem grossen L-förmigen Hauptgebäude und einem halb so grossen L-förmigen Bau der so davor stand, dass ein Innenhof entstand. Ein rechteckiger Turm stand auf dem grösseren Gebäude und überragte alles. Seitlich stand je ein Anbau auf Stelzen, der deutlich moderner aussah als das Haupthaus. Durch seine Architektur wirkte der Anbau fast, als befände man sich in einem Traum, da die Formgebung einem den Eindruck vermittelte, sich mit ihren wild angeordneten Kastenformen und scheinbar fehlenden Linien, über physikalische Grenzen hinwegzusetzen.

Die Basols benötigten gleich zu Beginn des Moonaspace-Projekts ein Wochenhaus in der Nähe des Firmensitzes, um gelegentlich auch unter der Woche am Abend etwas Ruhe zu bekommen. Der luxuriöse Ausbau und die beste Lage auf dem Bodensee machten ihnen die Kaufentscheidung bei diesem Objekt sehr leicht.

Alissa Basol, Allegras Mutter, arbeitete als CEO von Moonaspace in St.Winterzürich und so nutzte bisher hauptsächlich sie dieses Haus. Das Wochenende verbrachten die Basols für gewöhnlich in ihrem Haupthaus in einer anderen Schweizer Stadt oder in einem der zahlreichen Ferienhäuser. Für Alissa stand zudem ein Penthouse in der Innenstadt zu Verfügung, im Falle, dass sie es am Abend nicht mehr aus der Innenstadt schaffte. Abgesehen davon gab es da noch immer den Moonaspace-Tower, der zusätzlich ein Hotel für abreisende Gäste beheimatete.

Das Wochenhaus verfügte nach dem Anbau, den die Familie nach dem Kauf veranlasste, über 15 Schlafzimmer, um neben engen Geschäftsfreunden, bei Bedarf auch allen drei Geschwistern von Allegra eine Unterkunft zu bieten. Die Fassade bestand aus rötlichen, horizontal verlegten Holzpaneelen. Die Fenster widerspiegelten das Blau des Sees und alle Armaturen waren in schwarz gehalten. Das Haus verfügte über zwei Etagen mit sehr hohen Räumen, wodurch an gewissen Stellen auch ein zusätzliches Mittelgeschoss möglich war. Es sah gross aber nicht riesig aus, modern, und die edlen Materialien fielen einem erst aus der Nähe auf.

 

Eine lange Hebebrücke fuhr herunter und ermöglichte dem Konvoi das Passieren des letzten Stücks. Ihr Wagen parkte in der Mitte des Innenhofes. Bepflanzte Balken schützten den Innenhof vor direkter Sonneneinstrahlung. Dany stieg aus und bestaunte den roten Ferrari der dort stand, während Allegra die Haushälterin bat, sich erst einmal allein mit Dany im Haus umsehen zu können.

„Lass uns erst reingehen, danach kannst du damit eine Runde drehen, wenn du willst. Du wirst sehen, dass auch die iD’ Simulation, Welten von der Realität entfernt ist.“, meinte Allegra und fügte Verständnis erhoffend an: „Ich habe das Haus erst beim Kauf gesehen, danach ging ich nach Kanada. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne den Anbau anschauen, bevor wir uns den Fortbewegungsmitteln widmen, ist das ok für dich?“

Dany nickte überwältigt.

Sobald auch Mila wieder etwas über dem Bikini an hatte und aus dem Fahrzeug ausgestiegen war, bewegten sich die drei Fahrzeuge in die Garage, die sich im kleinen L des Gebäudes befand. Dadurch ergab sich für Dany kurz ein Blick auf die umfangreiche Autosammlung, die offenbar eine Tiefgarage für ihre Unterbringung benötigte. Im Innenhof gab es neben zahlreichen Pflanzen, die überall empor wuchsen und farbenfroh blühten, nur noch einen modernen Brunnen, den Dany am Rand des Innenhofs erblickte. Auf dem Weg zum Brunnen, schaute er auf den Boden. Unter seinen Füssen sah er zwischen den einzelnen Bodenplatten, zahlreiche Wasserblumen, die auf der Oberfläche des Sees trieben.

Beim Brunnen angekommen, meinte Allegra: „Der Brunnen ist eigentlich eine Wasserschleuse. Man kommt damit von hier zur Morgenterrasse mit ihrem Pool. Von dort geht es noch weiter zur grossen Dachterrasse.“

Mila: „Wie soll das funktionieren?“

Allegra: „Du steigst hier über die Mauer des Brunnens. Dort ist der Knopf, der das Wasserbecken schliesst und die Schleuse langsam mit Wasser füllt. Dadurch wirst du im Wasser schwimmend, nach oben befördert - wie in einer gewöhnlichen Schleuse.“

Dany: „Ich sehe schon, der Brunnen ist nicht nur schön, sondern auch nützlich!“

Allegra schaute sich um und erklärte weiter: „Der Turm steht nicht auf dem Dach des Hauses. Das Haus wurde um den Turm herum gebaut. Mein Vater hat dem Turm entlang einen Spalt ausfräsen lassen. Dadurch gelangt einmal im Jahr um genau 18 Uhr, ein Sonnenstrahl auf den Diamanten, hier mitten im Innenhof. Dieser lässt dann den ganzen Innenhof farbenfroh erstrahlen und erinnert damit an den Hochzeitstag meiner Eltern. Das sieht wunderschön aus. Aber lasst uns doch nun rein gehen.“

 

Die beiden folgten Allegra zu einer schwarzen Fläche an der Aussenwand, die absolut dicht und eben aussah. Durch eine Handbewegung von Allegra ergab sich plötzlich ein Spalt darin. Weitere Risse folgten auf der ganzen Fläche, wodurch sichtbar wurde, dass die Fläche aus tausenden von kleinen Plättchen bestand. Diese Plättchen formten das Abbild eines Türstehers, der ihnen den Weg deutete, woraufhin sich die Türe schliesslich öffnete. Sogar Mila beeindruckte dieses Spektakel, wobei ihre Drogen das Erlebnis wohl noch intensivierten. Vor ihnen lag die Empfangshalle. Allegra schritt voran, die anderen folgten ihr. Auf dem Boden lag jede Menge Sand und beim ersten Schritt auf dem Sand blieb einem der erste Schuh stecken. Bis man sich auf die gleiche Weise auch des zweiten Schuhs entledigt hatte, war der erste Schuh bereits durch den Sand verschwunden, weggetragen und in die Garderobe einsortiert worden. Allegra warf auch ihren Mantel ab und der Sand verschluckte ihn wenig später. Seitlich entdeckte Dany, wohl das einzig ihm Bekannte in diesem Haus: das Reality-Gemälde. Identisch mit demjenigen, das auch in seiner Wohnung hing.

Der Sand hatte eine reinigende und angenehm entspannende Wirkung auf die Füsse. Allegra drehte sich um und sagte: „Ich möchte wirklich nicht angeben, du kennst mich Dany. Aber so leben wir einfach. Also erkläre ich euch einfach alles, ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel.“

Mila schaute sich fasziniert um und schien von Allegras Worten nicht allzu viel mit zu bekommen, doch Dany gab ihr mit einem Blick zu verstehen, dass alles ok sei und sie nur weiter erzählen solle.

„Hier haben wir eine Glaskuppel. Es ist etwas völlig dekadentes, da die wenigsten ein freies Dach zum Himmel haben. Diejenigen, die eines haben, nutzen es natürlich für eine Dachterrasse. Um die wenigen, die über genügend Dachterrassen verfügen, dazu zu bewegen, dieses Ding zu kaufen, musste sich der Hersteller wirklich etwas einfallen lassen. Innen zeigt die Kuppel vergrösserte Details vom Himmel. Wie ihr jetzt seht, ist das Abendrot im Haus noch deutlicher zu erkennen als draussen. Die Kuppel kann auch Sterne und Planeten heranzoomen, oder auch Flugzeuge. Eben was gerade am Himmel läuft. Sie kann aber auch Lichtwolken im Raum erzeugen, auf denen man mit entsprechenden Schuhen herumfliegen kann. Wir müssen das mal ausprobieren, wenn die Sonne stark genug scheint, das macht wirklich Spass!“

Nach dem Eingangsbereich folgte die Eventhalle. Dieser Raum erstreckte sich über fast die gesamte erste Etage des Haupthauses. Die Eventhalle war extrem hoch, die Decken wundervoll von Hand bemalt und auch an den Wänden hingen alte Gemälde. In einer Ecke beschäftigte sich Da Vinci gerade damit, die Monalisa zu malen – ein beliebter genetischer Klon in ihren Kreisen. Allegra sagte, dass der Raum entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse blitzschnell umgebaut werden konnte. Die Möglichkeiten waren kaum begrenzt und Dany staunte über den Platz, der hier zur Verfügung stand. Seine alte Wohnung hätte allein schon in den Eingangsbereich, mindestens zwanzigmal hineingepasst.

 

Vom Plantinboden der Eventhalle betraten sie den wellenförmigen Glasanbau mit Bodenplatten aus Gold, der neben einem der Wohnzimmer auch die Spa-Anlage unterbrachte. Sensoren erkannten die Körpertemperatur und steuerten entsprechend die Sonnenschutzlamellen des glasigen Daches. Die Sensoren erkannten auch die Stimmung der Besucher und änderten entsprechend die Farbe der Glasscheiben. Auch Musik und Raumduft wurden der Stimmung angepasst. Somit fühlte sich jeder sofort wohl in diesem Raum. Gespeicherte Stimmungen liessen sich auf diese Weise natürlich ebenfalls abspielen. Ein gewaltiger Kamin stellte das eine Ende des Anbaus dar, am anderen Ende lag die Jachtgarage. Als sie dort ankamen, sahen sie drei übereinander gestapelte Glasboxen und noch mehr Glasboxen unterhalb der Seewasserlinie. Jede Glasbox war halb gefüllt mit Wasser, damit Schiffe darin gelagert werden konnten.

Durch ein Fenster sah man draussen einen Steg mit fünf Liegeplätzen, an dessen Ende ein Leuchtturm stand. Schräg daneben sahen sie einen riesigen Rasen, mitten auf dem See. Eine Arkade umfasste das eine Ende des Platzes, der direkt am Wasser lag.

 

Druckluftheber beförderten die drei schwebend in die Zwischenetage des Anbaus, in der es mehrere Lounges gab, verbunden mit Brücken. Sie gingen über wolkenartige Stufen weiter in die obere Etage, wo sich Küche und Essbereich befanden.

Das Obergeschoss erstreckte sich über mehrere Teiletagen mit Zimmern bis hoch zur grossen Dachterrasse. Bibliotheken, Büros, Fitnessräume und Malzimmer waren nur einige der verschiedenen Räume, die Dany auf Anhieb erkannte. Die Wände der Zimmer verdichteten sich erst bei Bedarf und blieben ansonsten durchsichtig. Darum wirkte der grosszügige und luftige Raum niemals leer, sondern sah gemütlich und modern aus. Jedes Zimmer integrierte sich dekorativ und harmonisch wie ein Kunstwerk ins Gesamtbild – offensichtlich hatte die professionelle Inneneinrichtung ein Vermögen verschlungen.

Nur der Turm, den sie schon von aussen sahen und der das Schlafzimmer, sowie die höchst vertraulichen Büros, von Allegras Eltern beherbergte, durchquerte den gesamten Raum vertikal, wie auch bereits die Eventhalle unter ihnen.

Weisse Vorhänge wehten im Wind vor den raumhohen Fenstern, die beiseite geschoben wurden und einen herrlichen Ausblick auf den See boten. Auch der Sportplatz, der von Golf bis Basketball alles laden konnte, befand sich in Sichtweite. Bilder und Zeppelin-Modelle waren überall präsent und erinnerten an die Erfolgsgeschichte des Move-Konzerns.

 

Dany trug moderne Designerkleider, die er sich nicht einmal mit einem gesamten Jahreslohn hätte leisten können, während Mila noch immer ihr oranges Kleid trug und Allegra nur erlaubte, ihr einen neuen Mantel und passende Schuhe dazu zu kaufen. Dany sah sich mit diesem immensen Reichtum konfrontiert, den er sich nicht einmal in seinen Träumen vorzustellen vermochte und staunte darüber, dass dies der Bonus war, den es zu seiner geliebten Allegra gab. Er glaubte kaum daran, dass das Leben es so gut mit ihm meinte und genau da sagte Allegra: „Mutter! Wie schön dich endlich wiederzusehen!“

Während Allegra auf ihre Mutter zu rannte und sie umarmte, stieg in Dany Nervosität auf. Was wenn Allegras Eltern ihn nicht mochten? Ihre Mutter war nicht nur ihre Mutter, sondern auch die Chefin der Firma, in der er seinen Traumjob sah.

„Wen hast du uns denn da noch mitgebracht?“, fragte ihre Mutter.

Allegra stellte die beiden ihrer Mutter vor, die sie freundlich in ihrem Haus willkommen hiess. Alissa war Mitte Vierzig, hatte braune Augen, blonde Strähnen in ihrem halblangen Haar und trug schlichte beige Hosen, dazu ein schwarzes Oberteil und eine einfache Diamantenkette um ihren Hals. Sie wirkte verunsichert und zurückhaltend. Etwas eingeschüchtert, strengte sie sich jedoch sichtlich an, etwas aus sich herauszukommen. Dadurch war es offensichtlich, dass ihre Unsicherheit dahinter steckte, wenn sie doch hin und wieder etwas hochnäsig wirkte. Mit Allegra pflegte sie einen aufrichtig liebevollen Umgang, den Dany in ähnlicher Weise auch von Allegra kannte.

Ihr Schmuck und ihre Kleider zeigten, dass sie keine Probleme damit hatte, mit viel Geld stilsicher umzugehen. Ihr Verhalten zeigte jedoch, das die behütete Position, in die sie hineingeboren wurde und die mächtige Firma ihres Mannes mit all ihren Verpflichtungen, in die sie hineingeheiratet hatte, sie manchmal etwas überforderten. Obschon die Familie von Alissa ihrem Mann den Erfolg erst ermöglichte – wie Allegra ihm erzählte – war sie sehr zurückhaltend, sodass man dies nie vermutet hätte.

Alissa bewunderte ihre Tochter sehr dafür, dass sie es wagte, ganz alleine in die Welt hinaus zu gehen – etwas was sie auch tat, jedoch niemals alleine, sondern stets an der Seite ihres Mannes.

Allegra berichtete ihrer Mutter kurz über ihren Aufenthalt in Kanada, sie blieb dabei sehr faktennah und sachlich, hielt emotionale Eindrücke fast gänzlich zurück – etwas Unbekanntes für Dany. Wie er im Laufe des Gesprächs immer wieder feststellte, ging die Konversation niemals besonders in die Tiefe. Es blieb meist bei einem Mix aus amüsanten Anekdoten von Erlebtem, besonders in Anwesenheit von Fremden gerne auch kombiniert mit Angeberei, obschon er sich nicht sicher war, ob dies beabsichtigt passierte oder lediglich an seinem Blickwinkel lag.

Alissa erzählte von einer Reise: „Diese Steinplatte hier, in die ein Zeppelin eingemeisselt ist, haben wir von einer Reise. Versteckt in der Wildnis einer Naturzone, fanden wir zufällig eine ganz primitive Kolonie, die dieses Handwerk ausgezeichnet beherrschte. Die Leute dort wirkten bei unserer Ankunft verängstigt, wohl etwas ehrfürchtig. Sie dachten wahrscheinlich, wir seien Götter, da wir mit einem Fluggerät vom Himmel herabkamen – das war ganz reizend. Sie vollzogen gleich nach unserer Landung ein ulkiges Ritual und versenkten unseren Heli, begleitet von irgendwelchen Lauten, im See. Fragt mich nicht was das sollte. Die Leute da waren so nett, auch wenn sie keine zivilisierte Sprache beherrschten – zumindest keine, die das iD’ übersetzen konnte. Meine Assistentin konnte ihnen dann irgendwie erklären, dass wir einen Zeppelin auf der Steinplatte wollten. Ihr glaubt nicht, wie schnell die danach gearbeitet haben, nur damit wir bald weiter reisen konnten. Zum Dank schenkten wir ihnen alles was wir bei uns hatten. Wir gaben ihnen ein spezielles iD’ mit dem man garantiert überall auf dem Planeten empfang und eine konstante Verbindung zu den Sicherheitskräften hatte. Weiter gaben wir ihnen unsere Safari-SOS Sonnenbrillen, die bei Gefahr sofort Hilfe rufen konnten. Alles nützliche Dinge in der Wildnis. Naja, sie opferten auch diese Sachen ihren Göttern im See und führten einen glücklichen Tanz auf, als ein Zeppelin mit uns weiter flog.“

Alissa wirkte vielleicht etwas weltfremd und ziemlich versnobt, doch ihre liebevolle und auch philanthropische Art überwog am Ende. Sie versuchte immer wieder Dany und Mila ins Gespräch zu integrieren, indem sie nichts sagende Fragen in die Runde warf – da sie glaubte, dass dies von ihr erwartet wurde.

Sobald Dany sie zu ihrer Innendekoration beglückwünschte, fing Alissa an zu strahlen und erzählte ihm begeistert davon, wie sie das Haus eingerichtet hatte. Wenn sie darüber sprach, und über ihre Arbeit bei Moonaspace, wirkte sie sehr taff und von Unsicherheit fehlte jede Spur.

 

Alissa bat die drei, ihr in der Wohnküche Gesellschaft zu leisten, während sie den Salat zubereitete. Entlang einer halbrunden Bar gelangten sie dorthin, in den privaten Bereich, der an das öffentliche Speisezimmer grenzte.

„Alissa hat schon viel mehr Selbstvertrauen, seit sie diesen Job hat. Ist das nicht super?“, fragte Allegra Dany auf dem Weg zur Küche. Dany nickte, wenn auch etwas verstört.

Angrenzend zur Wohnküche gab es die Gastroküche, in der Personal das Abendessen frisch zubereitete. Sie verwendeten nur teuren Realfood und auch Trinkwasser stand im Überfluss zur Verfügung. Musste Dany früher Wasser mühsam in Beuteln beziehen, lief es hier an Kunstwerken von den Wänden oder diente als trinkbare Innenraumverkleidung für Autos. Und es diente auch als Boden für die Küche! Während man auf dünnen Gittern stand, lag unter einem ein Wellenbad, damit die Küche stets sauber war. Im Zentrum der Wohnküche stand ein gewaltiger, runder Stein, auf dem ein Feuer brannte, das als Wärmequelle für alle Geräte diente. Die Decke war schwarz.

Ein Vorhang aus wechselfarbigem, gebündelten Licht verdeckte das Regal mit den Küchenmaschinen. Als Alissa ihre Hand vor den Vorhang hielt, liess die Dichte des Lichts punktuell etwas nach, damit sie die Nudelmaschine sehen konnte und dann griff sie durch den völlig dicht wirkenden Lichtvorhang hindurch, um die Maschine raus zu holen. Eine Berührung auf dem Stein öffnete ein passendes Fach und sie stellte die Maschine darauf ab.

Wenig später standen alle vier um den Stein herum und arbeiteten am italienischen Nudelsalat. Das Rezept-App projizierte holographische Hände, die einem die Arbeitsgänge genau vorzeigten. Intelligente Messer halfen ergänzend dazu, die richtigen Schnitte auszuführen. Die Messer beurteilten auch die Qualität der Zutaten und schnitten sehr grosszügig Teile des Realfoods weg, die nicht perfekt aussahen.

Mit dem neuen 4D-Drucker erstellte Alissa die Einwegteller, das Besteck und die Trinkgefässe für den Salat. Die Programmierung der zeitlichen Dimension des 4D-Ausdrucks erlaubte es, auch die Weiterentwicklung des erstellten Gegenstandes zu definieren. Die Farbe und Form des hergestellten Tellers änderte sich so während des Essens weiter, um zu den jeweiligen Gängen zu passen.

Die Basols besassen eine brandneue, sehr exklusive Noa’s Küche, die den absoluten Luxus in dieser Zeit bot, nämlich die Selbstversorgung. Hinter dem Lichtvorhang der zweiten Wand verbarg sich ein Designerbauernhof in dem jeweils zwei Tiere von einer Art lebten. Daneben gab es den französischen Gemüsegarten und den italienischen Kräutergarten. Das Klima, die handgemalte Wand- und Deckenbemalung von Da Vinci und eine intelligente Lichtquelle an der Decke erlaubten es einem, einen Kurzurlaub in eine andere Zeit zu unternehmen und dort gewachsene Esswaren zu pflücken. Fleisch lieferte ein unsichtbar arbeitender Automat, in rechteckige Stücke zugeschnitten.

Mila bediente die Nudelmaschine. Die Maschine bestand aus sich schwungvoll bewegenden Metallstäben, die detailgetreue Nudelmodelle vom Kolosseum von Rom herstellten. Eine Kugel drehte ihre Runden im Wirrwarr der Metallstäbe und löste damit deren Bewegungen aus, die das Teigmodell formten. Bei Bedarf fiel das Modell für einen Moment in ein Bad aus heissem Wasser, um für die Weiterverarbeitung die richtige Konsistenz zu haben. Milas Aufgabe bestand darin, den Teig nachzufüllen, die Kugel los zu stossen und vor allem, das Spektakel zu geniessen.

Marssalz und Würste von Tieren, die auf dem Mond lebten, gaben der Vorspeise das gewisse Etwas. Dany konnte das Essen kaum erwarten, noch nie in seinem Leben, hatte er etwas Ausserirdisches gegessen.

Am Schluss sah jeder Teller aus wie eine Miniaturausgabe einer italienischen Stadt. Es gab darauf altbekannte Wahrzeichen, aber auch neue Gebäude wie den Move-Tower von Mailand und alles geformt aus den verschiedensten Zutaten, angerichtet in einem Salatsaucensee. Der Teller war dank der definierten zeitlichen Dimension im Stande, die entsprechende Stimmung für den Verzehr eines bestimmten Gebäudes zu schaffen – jedoch durfte der Teller noch nicht gleich damit beginnen, weshalb Alissa die Teller hinter dem Lichtvorhang im Kühlschrank verstaute.

„Warum zeigst du unseren Gästen nicht noch die Dachterrasse, während ich den Tisch vorbereite.“, schlug Alissa vor. Niemand hatte etwas dagegen, daher griffen sie sich einige Häppchen und wollten sich gerade auf den Weg machen, als Alissa anfügte: „Dein Vater hat noch Levon zum Essen eingeladen. Ich glaube er ist oben und schwimmt im Pool.“

„Das darf nicht wahr sein! Warum macht er sowas?“, fragte Allegra aufgeregt und entsetzt.

„Er wird schon seine Gründe haben. Bleibt nicht zu lange oben, wir können bald essen.“, sagte Alissa und verschwand.

„Wer ist Levon?“, fragte Dany.

Mit einiger Verzögerung antwortete Allegra, die es noch immer nicht fassen konnte: „Ich habe dir doch vom Wunsch meines Vater erzählt. Naja, er ist es. Ihn sollte ich heiraten.“

Danys Freude auf das Essen liess sichtlich nach. „Kennst du ihn schon lange?“, fragte Dany.

„Wir kennen uns flüchtig vom Internat. Danach haben wir uns noch ein paar Mal bei Anlässen gesehen, doch inzwischen habe ich ihn seit Jahren nicht gesehen. Eigentlich seit mein Vater seinen Wunsch geäussert hat.“, sagte Allegra.

„Warum taucht Levon hier auf, wenn er doch weiss, dass du mit Dany zusammen bist?“, fragte Mila.

„Ich bin mir nicht sicher, ob er davon weiss. Und du kennst meinen Vater nicht, es ist nicht leicht, ihm etwas abzuschlagen. Er wollte, dass Levon her kommt. Das muss nicht heissen, dass Levon das wollte.“, sagte Allegra nachdenklich.

„Weiss dein Vater von uns?“, fragte Dany zögerlich.

„Ja, ich habe es ihm ausrichten lassen. Er macht das absichtlich, weil ich seinem Wunsch nicht nachkomme. Aber egal, lass uns hoch gehen und ihm beweisen, dass er auf uns keinen Einfluss hat.“, sagte Allegra kämpferisch.

 

Die grosse Dachterrasse hatte etwas friedliches und paradiesisches an sich, mit ihrer ausgedehnten Wasserlandschaft über mehrere Höhenniveaus, dem Poolhaus und den Pflanzen. Die aussergewöhnliche Architektur, bediente sich aller erkannten Effekte der verschiedenen Materialien und Formen. Neben dem Turm von Allegras Eltern, der die Terrasse überragte, und einigen Sonnenschutzdächern, gab es nur noch den freien Himmel über ihnen.

Während Mila und Dany die Terrasse bestaunten, schaute sich Allegra hektisch nach Levon um. Gerade als die Sensoren das Rot der Abenddämmerung scannten, und die Poolbeleuchtung von dunkelblau auf das Rot einstellten, stieg Levon vor ihnen aus dem Pool. Darauf hin ging die Sonne am Horizont unter.

Die Szene und seine Erscheinung liessen ihn übermenschlich perfekt erscheinen. Dany hasste ihn auf den ersten Blick, denn seine Attraktivität entging auch ihm nicht und offenbar wollte Allegras Vater die beiden zusammen sehen. Jetzt kam ihm das Leben wieder bekannter vor. Er drehte sich um und sah Mila, wie sie Levon anhimmelte – was er nicht anders erwartete. Er drehte seinen Kopf nach rechts und auch Allegra brauchte einen Moment um ihren Blick von Levon loszureissen – was Dany durchaus noch weiter beunruhigte.

Mit einem Fingerschnippen und einer kurzen Geste bestellte er einen Diener im Anzug zu sich, der ihm ein Handtuch brachte.

„Allegra, was für eine Freude dich zu sehen.“, sagte Levon mit einem auf Wunsch auszumachenden, ironischen Unterton und schickte gleichzeitig den Diener weg.

Notdürftig abgetrocknet ging er auf die versteinert wirkende Allegra zu und umarmte sie, während sie dies regungslos über sich ergehen liess. So hatte sie Levon auch noch nicht gesehen.

„Du hast also Waldmenschen von deiner Reise in die Wildnis mitgebracht?“, fragte er beiläufig, während er seine blonden Haare abtrocknete – und machte sich dabei keine Mühe, sein Desinteresse an den beiden zu verbergen.

Levon schaute Dany mit seinen lächerlich hellblauen Augen an. Levon schien es besser zu wissen als die Natur, alles an ihm sah künstlich perfektioniert und in Form gebracht aus, fast unmenschlich wie ein Model von einer Werbetafel. Offensichtlich war er noch besser in Form als Dany. Levon schüttelte seine Hand zur Begrüssung und bestimmt nicht unabsichtlich trocknete oder reinigte er seine Hand danach erneut an seinem Handtuch. Nun fühlte sich Dany wirklich einige Generationen näher am Affen als der übermenschlich wirkende Levon.

Obschon sie den perfekten Moment dafür abwarten wollte, sagte Allegra: „Das ist Daniel, wir sind verlobt.“

„Wie nett. Ihr hättet sicher reizende, nein, bezaubernde Kinder.“, sagte Levon, erneut mit ordentlich Ironie in der Stimme.

Dany wollte etwas sagen, egal was, doch von Levon ging etwas wie eine Wand aus, die ihn davon abhielt – zudem hätte er überhaupt nicht gewusst, was er hätte antworten sollen.

„Und das ist?“, fragte Levon, während er auf die grinsende Mila herab schaute.

„Das ist Mila, Danys Schwester.“, sagte Allegra und kam damit Mila zuvor, die kläglich dabei versagte, ein Wort rauszubringen.

„Bist du noch auf Drogen, oder ist meine Erscheinung für deinen Blick verantwortlich?“, fragte Levon und drehte ihnen den Rücken zu, um einen Bademantel anzuziehen, den ihm der Diener reichte. Die sonst so schlagfertige Mila brauchte einen Moment, um das Gehörte zu realisieren, sodass ihr Grinsen erst von ihrem Gesicht verschwand, als Levon ihr den Rücken zugedreht hatte.

Allegra schaute Levon schon wütend an, als er sich wieder zu ihnen drehte, und drohte fast zu explodieren nachdem er sagte: „Müsst ihr wegen der neuen Firma so sehr sparen, dass ihr eure Bademäntel inzwischen schon von deiner Kommune aus Kanada importieren müsst? Ich dachte wir wissen, was gut ist, schliesslich kennen wir den Massstab.“

„Ich weiss nicht was du mit wir meinst. Also sei jetzt still.“, sagte Allegra um zu verhindern, dass Levon noch etwas Unbedachtes verriet, wandte sich an Mila und Dany und sagte abschätzig: „Lasst uns Essen gehen.“

Dany wandte sich ebenfalls ab und lief mit Allegra davon, während Mila noch kurz blieb – was sie noch bereuen sollte.

„Ich nehme keine Drogen - “, begann Mila zu sagen, als Levon ihr ins Wort fiel und sagte: „Aber nein. Du nimmst Entspannungshilfen um ein höheres spirituelles Level zu erreichen.“

Er schaute Mila eindringlich in die Augen und fügte dann an: „Aber Weisheit lässt es dich dennoch nicht erfahren, Drogenkind.“

Er lachte und lief Mila davon um sich im Poolhaus fürs Essen umzuziehen. Da hatte sie aber jemand vorgeführt. Mila war entsetzt, wohl auch weil er einen wunden Punkt bei ihr traf, schliesslich geriet ihr Weltbild in den vergangenen Wochen durchaus etwas ins Wanken und das Rauchen stellte eine, von inzwischen weniger gewordenen, verlockenden Verbindungen zu ihrer Gemeinschaft dar.

 

„Ich fass es nicht, was für ein Arschloch!“, schrie Allegra und begann über Levon herzuziehen, was Dany wieder etwas beruhigte. Sie regte sich zwar sehr auf, dennoch schaffte es Dany, sie wieder zu beruhigen. Daran hoffte er zu erkennen, dass Levon sie doch nicht so sehr verunsicherte.

 

„Dionys wurde im Büro aufgehalten und schaffte es wohl nicht mehr zum Essen. Vielleicht kommt er noch kurz zum Nachtisch her, bevor er nach Hong Kong fliegt. Also lasst uns essen.“, sagte Alissa und schon brachten Bedienstete den Salat.

In Alissas Anwesenheit passte Levon sein Verhalten an. Er fragte ausreichend höflich nach den Plänen der anderen für den Abend.

„Ich werde mit Dany eine Ausfahrt im Ferrari machen.“, antwortete Allegra.

„Warum nicht, lass uns ein kleines Rennen veranstalten. Ich lass die Seestrasse sperren.“, sagte Levon.

„Das ist doch eine nette Idee.“, sagte Alissa und unterband damit Allegra jegliche Widerrede.

Alissa sprach von ihren anderen Kindern und deren Dates mit Leuten, deren Familien namhafte Konzerne gehörten. Das Thema liess nur Levon und Allegra an der Konversation teilhaben. Auf Dany wirkte es manchmal, als würden sie die Firmennamen nur als Tarnungen für etwas anderes verwenden, da daraus Schlüsse über die Verbindung von Personen gezogen wurden, die für ihn nicht nachvollziehbar waren.

Alissa bemerkte die Vernachlässigung ihrer Gastgeber-Pflichten und wandte sich an Dany um ihn ins Gespräch zu integrieren: „Allegra hat mir erzählt, du würdest gerne in der Treibstoffabteilung von Moonaspace arbeiten. Warum gefällt dir gerade diese Arbeit?“

Dany schaffte es trotz Levons Anwesenheit, seine Begeisterung für seinen Traumjob auszudrücken. Seine Erzählungen liessen seine ärmliche Vergangenheit etwas durchblicken und Alissa erkannte seine ehrliche und aufrichtige Freude für den Beruf. Es kam ein Moment, als Alissa genau anzusehen war, das sie ihm den Job liebend gerne geben wollte, da sie Dany wirklich mochte. Doch sie wusste, da es sich um Dany handelte, dass sie diese Entscheidung mit ihrem Mann Dionys treffen musste.

Alissa ging darüber hinweg und erzählte stattdessen einige Anekdoten von ihrem Wochenendausflug zum Mond, wo sie mit ihrem Mann, ihrer jüngsten Tochter und der Familie des US-Präsidenten, Skifahren war. Die Spa-Anlage wirkte auf sie, oder zumindest auf die First Lady, die sie zu zitieren schien, etwas improvisiert, da sie nicht den gewohnten Standard bot, den sie von der Erde gewohnt war. Die Piloten ihres privaten Spaceshuttles besassen anscheinend die Frechheit, einen Lohnzuschlag zu verlangen, da die Tochter des Präsidenten mit ihrem Gepäck einzeln hochgeflogen werden musste. Dadurch mussten sie vier Flüge an einem Wochenende unternehmen und ihre gesetzlichen Ruhepausen umgehen. Bei Mila und Dany stiess sie mit dieser Aussage nicht gerade auf Verständnis, nicht weil sie ihr nicht zustimmten, eher weil sie an Probleme solcher Thematik überhaupt nicht gewohnt waren – Allegra hingegen unterstützte ihre Mutter und pflichtete ihrer Empörung bei.

Alissa versäumte es nicht, Grüsse der Tochter des Präsidenten an Levon auszurichten, den dies sichtbar wenig interessierte. Um seine Vertrautheit mit dieser Familie für Dany zu demonstrieren, fragte er lediglich nach, ob die Tochter noch immer keine ausserirdischen Zutaten ass. Dies veranlasste Alissa dazu, eine witzige Geschichte über den unfähigen Koch des Luxushotels zu erzählen.

Zu Danys erstaunen beteiligte sich auch Allegra an der Erzählrunde amüsanter Erlebnisse mit Berühmtheiten. Sofort erinnerte er sich wieder an die Allegra von früher. An diesen Menschen der voll im Leben stand und all die Dinge tat, die er sich nicht leisten konnte und das in Kreisen, zu denen er keinen Zutritt hatte. Jetzt war er dabei, er gehörte dazu und dennoch konnte er damit wenig anfangen.

Ihre Mutter erzählte vom Badeurlaub, den die ganze Familie auf ihrer Privatinsel verbrachte und wie sie leider eine Tennislehrerin entlassen musste, weil sie ihre Tasche stahl.

Nach der Beschreibung ihrer letzten Shoppingtour mit Allegras älterer Schwester, inklusive der Kritik an den neuen Kollektionen der Designer, hatte sie Allegra wieder auf den neuesten Stand gebracht, die durch ihren Aufenthalt in Kanada einiges verpasst hatte.

„Was ist eigentlich mit Amilia los?“, wollte Allegra wissen. Ihre Schwester hatte sie während ihres Aufenthaltes in Kanada informiert, dass sie in eine Erholungsklinik gehe.

„Sie hatte einige Probleme, ich weiss auch nicht. Nun wird ihr dort geholfen. Wir haben eine Wohnung ganz in der Nähe gekauft, falls du sie mal besuchen willst.“, antwortete ihre Mutter.

Es stand Dany ja nicht zu, über andere Familien zu urteilen, insbesondere mit seinem Hintergrund, doch so eng schien die Verbindung dieser Familie auch nicht zu sein. Er war für einen Moment etwas neidisch gewesen, als er mehr über ihre Familie erfuhr, doch der Neid schmolz immer weiter dahin.

Allegra hatte keine andere Antwort von ihrer Mutter erwartet und es störte sie nicht einmal, dass ihre Mutter kaum auf den Zustand ihrer Schwester einging. Offensichtlich machte sie diesen Umstand indem sie sagte: „Das war aber eine gute Entscheidung, dort eine Wohnung zu kaufen. So können wir sie alle besuchen. Und wenn es ihr besser geht, kann sie die Therapie vielleicht auch in der Wohnung fortsetzten. Die Klinik wird wahrscheinlich nicht ihren gewohnten Standard bieten können.“

Alissa schätzte die Anerkennung ihrer Tochter für ihre Leistung und lächelte.

Vor dem letzten Gang vertraten sich alle noch etwas die Beine auf der Speiseterrasse.

„Was war denn das?“, fragte Dany, als die beiden endlich mal wieder unter sich waren.

„Was meinst du?“, fragte Allegra.

Entsetzt imitierte Dany seine Verlobte und sagte: „Meine Schwester ist zwar übergeschnappt, was dich nicht weiter interessiert, aber gut kümmerst du dich um sie und kaufst eine Luxuswohnung in der Nähe?! So bist du doch nicht! So, oberflächlich...“

„Ja, so ist eben mein Leben hier. Doch du weisst ja wie ich wirklich bin.“, sagte Allegra ganz leise. Der Abend dämpfte seine Erwartungen an seine Zukunft immer mehr, doch er liess sich nichts anmerken. Plötzlich griff Allegra nach seiner Hand und er erinnerte sich wieder daran, wie es in Kanada war.

 

„Und, welches ist der Götze, den eure Sekte anbetet?“, fragte Levon und obschon Mila es eigentlich nicht wollte, hörte sie seiner wohlklingenden Stimme mit grösster Spannung zu, fühlte sich richtig geehrt, dass sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit für diesen Moment genoss.

Mila konnte es nicht fassen, dass etwas so hässliches aus einem so schönen Köpfchen kommen konnte. Sie wollte gehen, über Levons Spott stehen, doch als seine Handbewegung sie dazu einlud, Platz auf dem Aussensofa zu nehmen, fühlte sie sich mehr als geschmeichelt, obschon sie ihm eigentlich lieber ins Gesicht schlagen wollte. Sie setzte sich, blieb und rechtfertigte sich – anstatt zu gehen. Unglaublicherweise besass Levon die Frechheit, sich nebenbei mit seinem iD’ zu beschäftigen, sodass sie sich gezwungen sah, etwas möglichst Spannendes zu erzählen um seine Aufmerksamkeit wieder zurück zu gewinnen. Sie hasste es, dass er sie dazu brachte, sich zu rechtfertigen und für ihn besonders attraktiv wirken zu wollen – doch es passierte einfach.

Mila: „Sie ist kein Götze, sie ist eine unglaubliche Person gewesen. Sie vermochte es sogar, nur mit der Stärke ihres Geistes, mit anderen Menschen zu sprechen, selbst wenn diese Kilometer weit entfernt von ihr waren.“

Das Klingeln von Milas iD’ unterbrach ihre Erzählung.

„Offenbar eine Kunst, die du noch nicht besitzest. Doch du hast die richtige Entscheidung getroffen und dir ein iD‘ gekauft, das diese Fähigkeit noch viel besser beherrscht. Dazu war es auch noch billig! Der immense Zeitaufwand für das Erlernen dieser Fähigkeit erübrigt sich und du kannst diese Zeit nutzen um einer bezahlten Arbeit nachzugehen, die dir weit mehr Geld einbringen wird, als der Kaufpreis für das iD‘.“, sagte Levon, dessen Hologramm-Kopf gerade als Anrufer auf Milas iD’ erschien.

Mila war kurz sprachlos. Levon schaute aufs iD’ und dann zu Mila um anzufügen: „Funktioniert weltweit, einwandfrei. Mit wertvollen Zusatzdiensten.“

„Oh ja. Ganz tollen Zusatzfunktionen. Mit Apps, die für jeden Menschen, egal für welche Aktivität, immer einen passenden Begleiter finden und eine Liste mit Gesprächsthemen generieren. Was für eine fantastische Welt.“, sagte Mila.

„Das ist doch etwas Praktisches. HeadQnetz analysiert die Menschen und macht Vorschläge für die Freizeitbeschäftigung. Man braucht die Leute nicht zu kennen, es ist egal wenn man sie zum ersten Mal sieht, dennoch hat man dank der Analyse etwas mit ihnen zu bereden und kann etwas unternehmen, das beiden Freude macht. So unternehmen sie etwas Sinnvolles, und machen sonst nichts Dummes oder werden depressiv. Sie müssen nicht aus Langeweile streiten, da immer jemand Neues für kurze Zeit ins Leben geholt werden kann. Wer braucht da noch mühsame, lange Beziehungen? Bedarfsgerechte win-win Beziehungen, ohne das jemand durch zuviel Geben ausgenutzt wird, sind doch die perfekte Lösung. Auch die armseligen Menschen werden unterhalten, da es genug gibt, die eine soziale Ader haben. Menschliche Eigenheit analysiert und eine perfekte Lösung dafür gefunden – so etwas wird mit viel Geld belohnt. Darum haben die Basols auch Aktien von solchen Softwarefirmen und die Dividende des letzten Jahres hat eben dieses Haus bezahlt. Zudem, wie sollen die Menschen sonst ihre ganze Freizeit füllen die man heute hat?“, sagte Levon.

„Das ist armselig.“, meinte Mila.

„Es ist menschlich“, sagte Levon und fügte an: „und inzwischen richtig clever!“

Levon schaute Mila direkt in die Augen, er lächelte und Mila bemerkte genau, wie er seine Lippen danach aufeinander legte. Sein Mund bewegte sich kein bisschen, als Mila eine Stimme in ihrem Kopf sagen hörte: „Maradih war der Lehrer deines Gurus. Er konnte Dinge aus Sand materialisieren. Komm mit mir mit.“

Dann stand Levon auf. Hatte er gerade auf gedanklicher Ebene mit ihr gesprochen? Mila folgte ihm mit Gänsehaut zu einer Vase am Geländer der Veranda. Das Glasgefäss sah sehr schwer aus. Im silberfarbenen Sand darin, wuchsen rote Rosen. Levon legte seine Hand um die Knospe einer Rose. Sobald er seine Hand öffnete, begann die Rose unnatürlich schnell zu blühen. Die Blütenblätter fielen kurze Zeit später verdörrt auf den Sand. Mila traute ihren Augen nicht mehr. Mit rechtem Kraftaufwand hob Levon die schwere Vase hoch. Er schaute Mila an und hielt die Vase dabei auf einmal spielend leicht, allein auf seiner rechten Hand. Seine linke Hand legte er schützend vor Milas Augen und berührte sie dabei nur leicht. Es gab einen Knall und Mila erschrak. Levon hatte die Vase fallen lassen und nun lag sie in tausend kleine Splitter zerfallen auf dem Boden, zwischen jeder Menge Sand.

Ein Splitter hatte Mila am Fuss verletzt, sodass sie leicht blutete. Levon kniete nieder und fuhr einmal mit seinem Finger über die Wunde, wodurch sie umgehend aufhörte zu bluten. Er wandte sich dem Scherbenhaufen zu und konzentrierte sich voll und ganz darauf. Es entstand eine Staubwolke. Mila stand entsetzt daneben und begriff langsam, jetzt wo sie Levons Auswirkung auf den herumwirbelnden Sand sah, weshalb seine Aufmerksamkeit auch eine solche Wirkung auf sie haben musste.

Die Wolke legte sich und Levon hob eine diamantenbesetzte Halskette auf, die er aus dem Sand materialisiert hatte. Mila betrachtete die Kette wie etwas Ausserirdisches und ging eigentlich davon aus, dass es sich dabei um ein Geschenk für sie handelte. Stattdessen griff Levon ihre Hand und ging mit ihr ins Haus, in ein Büro. Einige Eingaben an seinem iD’ setzten den 3D-Drucker in Bewegung.

Mit den Worten: „Siehst du, menschliche Technologie ist inzwischen richtig clever geworden.“, hob er eine zweite, identische Kette aus dem Drucker und zeigte sie Mila.

Ehrfürchtig liess Mila ihre Finger über die beiden wunderschönen Ketten gleiten.

„Dinge aus Sand zu materialisieren, wie Maradih es tat, ist problemlos möglich. Jetzt kannst du zu deiner Sekte gehen und sie die Künste von Maradih vergöttern lassen. Aber Spirituelles liegt dir nicht, also kaufst du dir lieber einen 3D-Drucker und etwas Sky – ein iD’ hast du ja schon.“, sagte Levon, griff die beiden Ketten und warf sie in den Materialeingang des Druckers, der die Ketten vor ihren Augen zu Rohmaterial pulverisierte.

Levon ging zur Terrasse und sah in der spiegelglatten Klavierlackoberfläche einer Tür, Milas Gesichtsausdruck. Er hatte sein Ziel erreicht, nun lag auch sie ihm zu Füssen.

Er stand an der Türe zur Terrasse und beobachtete Allegra und Dany, als Zentia zu ihm kam und sagte: „Mila ist seine Schwester. Sei nah bei deinen Freunden, aber...“

Zentia folgte seiner Handbewegung und verschwand in der Küche.

 

„Es gibt also einen Weg, die schönen Seiten dieser Welt zu geniessen, und dennoch solche unglaublichen Fähigkeiten und eine solche Reife zu erlangen, wie du sie offensichtlich besitzt. Bitte zeig mir wie!“, sagte Mila und ignorierte dabei ihren Stolz. Schliesslich hielt sie sich dieser Welt gegenüber immer für erhaben, dennoch war sie willig – egal von wem – zu lernen, auch wenn es sich dabei um den unfreundlichen Levon handelte.

„Du Dummkopf, du verstehst gar nichts. Diese ganze Welt ist eine Tragödie. Der Reichtum, wie er hier besteht, macht diese Welt wenigstens halbwegs erträglich. Diese lächerlichen Tricks, die dich beeindrucken sind doch nichts im Vergleich zum wahren Leben. Du müsstest es sehen, um verstehen zu können...“, sagte Levon, als Allegra ihn unterbrach.

„Sei nicht so schrecklich überheblich. Du bist nichts Besseres als alle anderen hier. Schau, Mutter will etwas sagen.“, sagte Allegra und verhinderte damit, dass Levon etwas ausplauderte. Mila verstand nun Levons Arroganz, denn Allegra irrte sich, ihrer Meinung nach war Levon etwas Besseres als sie alle, schliesslich konnte er mehr und wusste viel mehr als sie alle zusammen.

„Allegra, dein Vater hat es doch noch geschafft. Er landet gerade.“, rief Alissa.

Sie gingen zum Fenster und beobachteten, wie der dritte und letzte freie Landeplatz auf dem niedrigeren L- Gebäude von Dionys angeflogen wurde.

Mila realisierte, dass Levon mit einigen Worten und dummerweise auch einer unumstösslichen Präsentation, ihr ganzes vergangenes Leben lächerlich und wertlos gemacht hatte. Sie konnte nicht mehr zurück zu ihrer Gemeinschaft, da sie sah, wie wesentlich ältere Mitglieder dort, noch immer nicht in der Lage waren, mit der Kraft ihres Geistes andere Menschen zu erreichen. Levon konnte es und hatte auch gleich gezeigt, was neben dieser offenbar einfachen Fähigkeit, sonst noch alles möglich war. Levon bewies dies unumstösslich. Sie hatte zuvor an diese Dinge geglaubt, sie jedoch nicht mit Bestimmtheit gewusst, was sie nun nicht mehr ignorieren konnte. Damit zerstörte er auch ihren Reserveplan, der darin bestand, sich auf Kosten der Basols dem materiellen Leben hinzugeben, sollte sie den Glauben an ihre Gemeinschaft verlieren.

Sie fühlte sich, als verliere sie den Boden unter ihren Füssen. Levon war der Einzige, der nun noch im Stande war, sie aufzufangen. Nur von ihm konnte sie lernen, was sie wissen musste.

 

„Wie schön, jetzt könnt ihr eure Verlobung gleich auch vor deinem Vater bekannt geben!“, sagte Levon mit einem bösartigen Schmunzeln. Allegra und Dany sahen ertappt aus.

„Dann ist es also wirklich wahr? Wie konntest du nur?“, sprach Alissa entsetzt und rannte in die Küche. Nach einem bösen Blick zu Levon schaute Allegra Dany an, nahm den geschnitzten Holzring – den er ihr geschenkt hatte – ehrfürchtig aus ihrem Kleid hervor und steckte ihn an ihren Finger. Dann folgte sie ihrer Mutter in die Küche.

„Mach dir keine Sorgen.“, sagte Mila zu Dany wobei die beiden einen sehr vertrauten Eindruck auf Levon machten. Levon entging dieser Umstand nicht, offenbar hatte er diese Beziehung richtig eingeschätzt und die richtigen Massnahmen getroffen, sich Mila zu Nutze zu machen.

 

 

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