2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 12 - Die Heimreise

 

Frank öffnete ihnen die Seitentür des Lieferwagens, in dem viele Kisten mit Papierblättern, Seilen und bearbeiteten Steinen lagen.

Ehrlich besorgt und ihrer Erziehung entsprechend sagte Allegra: „Wir können doch nicht hier rein sitzen! Unsere Kleider werden schmutzig, so dürfen wir doch nicht in der Stadt ankommen. Nein, Nein. Zentia, bitte hol doch den Wagen.“

Mila und Dany staunten nicht schlecht, als kurz darauf ein Porsche Cayenne um die Ecke bog. Das es sich dabei um das aktuelle Topmodell des SUVs handelte, mit dem es möglich war, das übliche Strassennetz zu verlassen, entging Dany nicht.

Auf seine Nachfrage antwortete Allegra beschämt: „Sicher hätten wir früher zurück gehen können. Doch bis gestern hatte ich einfach zu viel Angst.“

Dany umarmte sie und nahm es ihr nicht übel, schliesslich hatte er dadurch genügend Zeit, Frank zu helfen und er hatte die Zeit an diesem Ort trotz allem sehr genossen.

 

Die vier verabschiedeten sich von Frank und nahmen im Porsche Platz. Zentia setzte sich ans Steuer, Mila setzte sich auf den Beifahrersitz und Allegra nahm mit Dany auf den Rücksitzen platz. Dany, aber vor allem auch Allegra, schauten etwas wehmütig zurück, während der Wagen los fuhr.

Frank fuhr nach ihnen los. Alleine, mit den sich nach Schmuggelware anfühlenden, illegalen Gütern ging er zu einem Schwarzmarkthändler in der Stadt. Über weitere Zwischenhändler gelangten die Güter dann auf den legalen Markt der Stadt. Auf diese Weise liess sich der Ursprung der Waren verschleiern und niemand kam auf die Idee, nach dem Hersteller zu suchen. Dadurch blieb die illegale Kommune weiter unentdeckt.

 

Auf dem Weg zum Flughafen brachte eine Drohne Kleidungsstücke für alle Passagiere, die sie im geräumigen Innern des Autos gut wechseln konnten. Danach entsprachen alle Allegras Vorstellungen und so stand dem ersten Firstclass Flug von Mila und Dany nichts mehr im Wege. Im Flugzeug kaufte Allegra für Dany und Mila je ein iD’ als Geschenk. Dany konnte sein Glück kaum fassen, als sich der Papierkopf aus der Schachtel erhob um ihm die Teile des iD’ zu präsentieren. Unfassbar fand er für einen Augenblick auch, dass Allegra den Papierkopf einfach aufriss, um ihm die entsprechenden Teile schneller geben zu können. Sie wusste wie sehr er sich ein iD’ wünschte und wollte ihn daher nicht lange auf die Folter spannen – was Dany, wenn auch etwas enttäuscht, nachvollziehen konnte. Selbst ohne das Abzahlen des Kredits hätte er sich mit seinem alten Lohn niemals ein iD’ leisten können, umso grösser war seine Freude jetzt darüber. Nur schon während des luxuriösen Fluges sah er, was er in seinem bisherigen Leben alles verpasst hatte. Da er wusste, dass er sich diesen Lebensstil von nun an leisten konnte, machte ihn das Versäumnis nicht traurig, sondern er freute sich umso mehr auf die Zukunft.

 

Nachdem Dany das iD‘ minutenlang anschaute und anfasste, brachte er es endlich fertig, es auf seinen linken Unterarm zu legen. Das iD’ brauchte nicht festgemacht zu werden, es nutzte eine natürliche Anziehung des Körpers und haftete an einer unsichtbaren Schicht, die den Körper umgab. Man realisierte dadurch kein bisschen das Gewicht des Geräts. Nachdem es sich einige Male auf und ab bewegte, fand es schliesslich seinen idealen Platz an Danys Arm. Sobald das iD‘ seine Position gefunden hatte, erhellte sich das absolut dicht wirkende Aluminiumgehäuse in allen Farben und war nun einsatzbereit.

Als nächstes zog Dany die weissen Handschuhe an. Sobald sich diese auf seinen Händen befanden, verloren sie bis auf einen weissen Strich entlang des Zeigefinders, ihre Farbe und wurden durchsichtig. Die Hände fühlten sich dadurch ganz gewöhnlich an und sahen auch so aus. Präzisionsmagnete und Luftpolster in den Handschuhen machten das Greifen von Hologrammen echter den je. Die Präzisionsmagnete waren darüber hinaus in der Lage, einen Stromschlag zu erzeugen und so wie ein Taser, einen möglichen Angreifer ausser Gefecht zu setzen.

Seine Ohren, die Nase und die Empfindungspunkte hatte Dany bereits mit dem iD’ verbunden. Allegra hatte sogar die Premiumangebote aufschalten lassen, die den Zugriff auf Apps erlaubten, die der Mehrheit der iD’ Besitzer verwehrt blieben. Sie hatte an nichts gespart, bis auf die Mensch-Maschinen-Schnittstelle. Die Schnittstelle war äusserst umstritten. Viele Menschen hielten diejenigen, die so was bei ihrem iD’ besassen, für Cyberjunkies. Das Erleben und die Darstellbarkeit von Informationen und Eindrücken erfolgte dadurch noch besser – zu gut für einige. Daher entschied sich Allegra dagegen und besorgte ihnen lieber die Ausführung mit Empfindungspunkten. Diese Sticker liessen sich an entsprechenden Stellen des Körpers aufkleben, sodass die Darstellungsqualität auf hohem Niveau lag, jedoch nicht zu perfekt war, sodass man das reale Leben noch immer zu schätzen wissen konnte.

Eine Besonderheit des iD’s stellte sicherlich auch die Tatsache dar, dass es dazu in der Lage war, Wasser zu simulieren. Kleine Wassertanks an den Händen und den Empfindungspunkten konnten einem so vormachen, man schwimme. Die Lautsprecher brauchten dazu lediglich das Gleichgewichtsempfinden dahingehend zu manipulieren, dass man dachte, man liege horizontal anstatt vertikal zu stehen, und durch intelligente Kugeln an den Schuhen konnten sich die Beine fast so natürlich bewegen, als würde man tatsächlich schwimmen.

Die Kugeln ermöglichten es einem zudem, sich fortzubewegen, da sie Rollschuhen ähnlich waren – nur das sie sich selbständig um den Antrieb kümmerten. Man brauchte nur dazustehen und konnte sich mit ihnen fortbewegen. Sie dienten somit der Fortbewegung in der Realität und konnten aber auch für die Fortbewegung in virtuellen Welten genutzt werden - allerdings sorgten sie dann dafür, dass man dabei in der Realität keinen Schritt weiter ging. Für kurze Zeit konnten die Schuhe sogar schweben.

 

Wie Dany bald feststellte, beanspruchten einige der Dienste den Akku ziemlich stark. Am Boden stellte dies kein Problem dar, da die Stromversorgung über die Strasse gewährleistet war – ähnlich wie für die Autos. Doch in der Luft gab es gewisse Einschränkungen für den Bezug von Strom.

„Wie funktioniert die Insider-App?“, fragte Dany neugierig.

„Das ist ein Premiumprogramm, das über deine Insiderwitze lacht. Es beobachtet dich rund um die Uhr. Es merkt sich deine Reaktionen bei Filmen und erkennt, was dich beeindruckt hat. Es greift auch auf alle archivierten Konversationen zurück, egal ob du sie persönlich oder am Telefon geführt hast, oder auch schriftlich. Dadurch erkennt es witzige Situationen die sich ergeben, indem du etwas zitierst, oder einen Insiderwitz erzählst, den jedoch nur du verstehst, weil nur du alle Zusammenhänge kennst. Es ist wirklich witzig, weil das iD’ dich dann daran erinnert und dir zu erkennen gibt, dass es den Insider verstanden hat. Es ist wie in Filmen, wenn das Publikum mit einer Figur mitlacht, weil sie alles miterlebt und verstanden haben, was ihr bis dahin widerfahren ist – auch wenn es die anderen Figuren im Film gar nicht so witzig finden können – weil ihnen das entsprechende Wissen fehlt. Man fühlt sich dadurch, als würde jemand alles miterleben was man macht und Notiz davon nehmen – als wäre man nicht allein. Es macht, dass man sich irgendwie beruhigt und begleitet fühlt.“

Mila: „Abgefahren! Wobei man ja wissen sollte, dass es etwas gibt, das sowieso alles mitbekommt, was man tut... Unsere Gemeinschaft nennt es Energieengel, doch es gibt so viele Namen dafür...“

Dany, aber auch Allegra schienen wenig mit ihrer Aussage anfangen zu können.

Allegra erzählte: „Die Multitasking-Funktion ist auch cool. Sie unterstützt das Gehirn und speichert alles was man bei einem Programm machen wollte, damit es einem sofort zur Verfügung steht, wenn man wieder zu jenem Programm wechselt. So kann man mehrere Dinge gleichzeitig tun, gamen und arbeiten, da das iD’ immer weiss, was man machen wollte. Es erlaubt einem, viel mehr in einer gewissen Zeit zu erledigen als man sonst könnte.“

„Sag mal, wie funktioniert dieses Zeitmanagement-Programm eigentlich wirklich?“, wollte Dany wissen.

„Es speichert die Zeit, wenn einem langweilig ist und es stellt einem die Zeit wieder zur Verfügung wenn man zu wenig davon hat. Es ist sehr praktisch. Natürlich betrifft es nur das Zeitempfinden. Wie es funktioniert weiss ich auch nicht – das weiss wahrscheinlich kaum jemand.“, erzählte Allegra.

„Wenn es nur das Empfinden steuert, wäre es dann nicht möglich, mehr Zeit zu schaffen? Es scheint derzeit eher wie ein Konto zu sein, auf das man Zeit einzahlt wenn man zuviel hat, und wieder beziehen kann, wenn man zu wenig hat. Doch eigentlich könnte auch mehr Zeit bezogen werden als man hat, oder nicht? Denn es ist nur das Empfinden, nicht der tatsächliche Eintausch von Zeit.“, sagte Dany.

Allegra lächelt und fügte an: „Wer weiss... Aber ein bemerkenswerter Gedanke.“

 

 

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