2041 St.Winterzürich | M.L. Hagmann


Kapitel 10 - Die Bestattung

 

Allegra trug als Einzige ein langes, weisses Seidenkleid – während der Rest der Kommune in ihren normalen, naturfarbenen Kleidern erschien – um sich auf dem See von Sarah zu verabschieden. Drei Flösse mit der Trauergesellschaft an Bord trieben auf dem See und bildeten ein Dreieck. Über die Flösse spannten sie ein Segel, das auch an diesem Tag mit Wasser darauf, als Tarnung diente. Das Segel liess vereinzelte Wassertropfen durch, sodass der Eindruck von Regen entstand.

Frank sprach einige Worte über das Leben von Sarah. Daniel und Mila standen gemeinsam mit Allegra daneben und hörten sich die Rede an. Den Dreien schien der Tod von Sarah, am wenigsten von allen auszumachen. Es verlor auch keiner von ihnen eine Träne, als vier Schwimmer den Leichnam von Sarah auf einem Holzfloss zur Mitte des Dreiecks geleiteten, und diesen dort mit Gewichten versahen, wodurch das Holzfloss hinunter zu Sarahs ewigen Ruhestätte gleitete.

Mila rauchte mit den anderen Sky, während sich Allegra und Dany etwas abseits auf den Rand eines Flosses setzten, um ihre Füsse ins Wasser zu halten und miteinander zu reden. Zunächst sagte keiner ein Wort, dann brach Daniel unerwartet in Tränen aus. Er weinte praktisch nie, insbesondere wollte er nicht vor Allegra weinen, dennoch konnte er in dem Moment nicht anders. Allegra umarmte ihn und zeigte eine ganz andere Seite von sich. Wirkte sie früher immer distanziert und kühl, führten die Umstände dazu, dass sie nun ihre wahre Persönlichkeit endlich zeigen konnte und kümmerte sich liebevoll und fast mütterlich um ihn. Dadurch fiel es auch Daniel einfach, sich selbst zu sein. Sie hatten nun wenig mit den magisch wortlosen Menschen zu tun, die sie früher füreinander waren. Sie konnten endlich ihre Furcht davor ablegen, etwas Falsches zu tun oder zu sagen um damit ihre erst wachsende Beziehung zu ruinieren. Eine Verbindung, die sie beide als etwas absolut Anderes als alles Bekannte, und daher als etwas überaus Wertvolles erachteten. Der Sockel, auf den Dany sie stellte brach weg, und beide konnten auch in der Anwesenheit des anderen, sich selber sein und zwar auf gleicher Stufe.

 

Daniel sprach aufrichtig: „Es ist nicht das, dass sie nun weg ist, was mich traurig macht, es ist eher ihr Leben. Und auch wenn es nun nach Selbstmitleid klingt, es ist auch mein Leben. Sie hat so viele dumme Entscheidungen getroffen, sich so falsch verhalten und mir Dinge angetan, die ich einfach nicht verdient habe. Ich habe immer noch mit dem Schlamassel zu kämpfen, den sie mir hinterlassen hat. Doch auch die ganze Zeit, in der sie sich lieber mit sich, anstatt mit uns Kindern beschäftigt hat... Ich sehe ein ganzes Leben, wie es hätte sein können und dann unsere Vergangenheit – und das macht mich traurig. Sie war hundertprozentig zu begeistern für etwas und nur Minuten später verleidete es ihr wieder. Sie erreichte nie etwas. Es sieht für mich so nutzlos aus, was sie mit ihrem Leben gemacht hat und es tut mir auch leid für sie. Sie kannte mich gar nicht und sie hat alle Situationen verpasst, in denen ich hätte gut zu ihr sein können. Sie hat alles falsch gemacht und mein ganzes bisheriges Leben versaut, aber auch ihr Eigenes. Das tut mir leid für ihre Person, zu dem Zeitpunkt, als sie mich geboren hat, jedoch nicht mehr für den Menschen, zu dem sie bei ihrem Tod geworden war. Jetzt tue wirklich ich mir leid. – Es tut mir leid, ich komm ja vollkommen egozentrisch rüber.“

„Du bist nicht der Typ, der sich in den Mittelpunkt stellt und so kommst du nicht rüber. Du bist nur absolut ehrlich und ich bin froh, dass du deine Gedanken mit mir teilst. Die meisten Menschen in deiner Situation würden lügen und behielten ihre wirklich ehrlichen Gedanken für sich. So kann ich dich verstehen und versuchen, dir zu helfen. Du hast nicht verdient, was du bekommen hast, doch noch mehr trauerst du darum, nicht gegeben haben zu können, was du gerne gegeben hättest. Egozentrische Menschen denken nicht so, also mach dir deswegen keine Sorgen. Ich denke, dass jeder irgendeine Ausgangslage im Leben bekommt und von dort weitermachen muss. Es nützt selten Rechtfertigungen zu finden, wie, was oder warum es so kommen musste. Du hast nun die besten Voraussetzungen, mit deinem neuen Leben zu beginnen, brauchst du doch wirklich nichts von deiner Vergangenheit mehr zu erwarten, denn die liegt jetzt auf dem Grund des Sees.“, sagte Allegra.

„Warum aber ist es mir egal, dass Sarah gestorben ist? Alle hier trauern um sie, doch ich war ihr Sohn, und mir ist ihr Ableben egal. Bin ich ein schlechter Mensch?“, fragte Dany.

„Die Menschen hier leben in einer anderen Welt als wir. Nimm unsere iD’s. Wir lieben sie und verbringen die ganze Zeit mit ihnen. Sie werden zu unserer Identität. Sie tun uns viel Gutes und verbinden uns mit der Welt – eigentlich sprechen wir hauptsächlich mit den Geräten, auch wenn sie einem mit wechselnden Zuhörern verbinden. Im schlimmsten Fall gehen sie kaputt und werden ersetzt. Doch wir sind uns nicht mehr an Verlust gewohnt, im Gegensatz zu den Menschen hier, darum sind wir dagegen immun geworden. Denn bei uns ist es so, dass alles durch ein einziges synchronisieren wieder hergestellt wird und uns weiter erhalten bleibt. Freunde können wir superschnell ersetzen, Beziehungen halten nur so lange, wie sie von Nutzen sind. Darum kümmert es uns wenig, wenn Menschen aus unserem Leben gehen, da es genug verfügbaren Nachschub gibt. Ich denke diese Entwicklung hat in dem Moment eingesetzt, als wir unsere Liebe für intelligente und menschenähnliche Gegenstände entdeckt haben. Dann ist unser Verhalten, geliebten und vergänglichen Gegenständen gegenüber, auf unser Verhalten mit anderen Menschen übergegangen. Als Konsequenz empfinden wir keinen Verlust mehr. Wir reden immer noch mit dem Gerät, es verbindet uns nur mit jemand anderem – die Handlung ändert sich nicht. Zudem wissen wir aus Erfahrung, dass der Nachfolger eines Produkts oder auch Menschen, besser ist als der Vorgänger. Also mach dir keine Sorgen, mit dir ist alles in Ordnung.“, sagte Allegra ohne jede Wertung.

„Wie kann so was in Ordnung sein?“, fragte Daniel empört.

„Es ist in Ordnung, weil alle Menschen in deiner Welt so denken. Es ist nicht gut und nicht schlecht, es ist einfach. Durch meine Reisen habe ich verschiedene Kulturen kennengelernt und sehe je länger je mehr auch die Schattenseiten unserer Gesellschaft. Doch es haben alle Kulturen gute und schlechte Seiten, das ist einfach so.“, meinte Allegra.

 

Dany dachte einen Moment über seine austauschbaren Freunde nach und kam, selber erstaunt über das Ergebnis, zum Schluss, dass etwas an Allegras Aussage dran war. Doch mit ihr war es anders. Sie könnte er niemals ersetzen.

„Hast du schon überlegt, Sarah scannen zu lassen?“, fragte Allegra.

Dany: „Nach dem Tod ihrer Tante – von der Sarah unter anderem die Brosche stahl – hielt Sarah wenig davon. Nun das heisst nicht viel, schliesslich änderte sie ihre Meinung alle fünf Minuten. Ich werde es wohl dennoch nicht machen. Trotz allen Fortschritten glaube ich nicht daran, dass eine Technologie das menschliche Wesen einfangen kann. Es besteht ja nicht nur aus Erinnerungen und einem Körper, sondern auch daraus, was es dachte, lernte und dadurch in Zukunft gemacht hätte. Es hat für mich keinen Wert, eine Person auf diese Weise mehr oder weniger am Leben zu erhalten, um für mich da zu sein. Ausserdem war sie auch lebendig nicht für mich da, also...“

Allegra: „Es ist nur ein Ziel, einen Menschen durch das Scannen für die Hinterbliebenen besuchbar zu halten. Es geht auch darum, dass Menschen nach der Wiedergeburt ihre letzten Leben betrachten können um in ihrem neuen Leben die Dinge besser zu machen. Gerade für deine Mutter könnte dies, in ihrem nächsten Leben, einen gewissen Wert haben.“

Dany: „Die Chance ist klein, dass sich Sarah in ihrem nächsten Leben wieder findet, bei der geringen Anzahl an Leuten, die sich derzeit scannen lassen. Ich denke nicht, dass es richtig ist, solche Eingriffe in die Natur zu machen. Es gibt bestimmt einen Grund, warum keine Erinnerungen ans letzte Leben existieren.“

Allegra: „Nur wenn es mehr Leute machen, wird die Chance grösser, weil dann mehr vergangene Leben zur Verfügung stehen. Zudem haben uns die Grenzen der Natur noch nie aufgehalten. Aber natürlich habe ich Verständnis für deine Meinung. Ich möchte dich keines Falls drängen.“

Ihr war es sehr wichtig, dass Dany vor ihr auch mal Schwäche zeigen konnte, sodass sie ihm helfen konnte – und umgekehrt. Dennoch wollte sie diesen Umstand nicht ausnutzen um ihn mit ihrer Hilfe zu beeinflussen, denn sie wusste wann ihre Hilfe angebracht war und wann es die Meinung des Anderen zu respektieren galt.

 

Dany: „Jetzt wo wir wirklich miteinander sprechen können, muss ich dich fragen: Du erinnerst dich doch auch noch an unsere Treffen von früher, oder? Wir hatten uns früher schon in die Augen geschaut, auf eine Weise, wie man das nicht vergisst, oder nicht? Du musst das doch auch gefühlt haben. Wieso sollte es so etwas geben, wenn nur einer von beiden es fühlt? Das wäre gemein.“

Allegra musste kurz lächeln, kämpfte innerlich jedoch mit sich um nicht davor zu flüchten. Offenbar hatte ihre Hilfe gefruchtet und Dany konnte sich auf andere Dinge konzentrieren als auf den Tod und das Leben seiner Mutter.

Dany sprach verzweifelt weiter: „Ich verstand, dass wir damals nicht Zusammensein durften. Dann kam der Tag, an dem es möglich geworden wäre, und ich hatte fest vor mit dir darüber zu sprechen, doch genau dann bist du verschwunden und nie mehr aufgetaucht. Wieso?“

Allegra antwortete zögerlich: „Ja, ich erinnere mich, wie hätte ich diese Momente auch vergessen können? Ich erinnere mich an jedes Treffen. Auch daran wie du mich das eine Mal danach noch gesehen hast, als ich mit meinen Eltern unterwegs war. Und einige Male habe ich dich gesehen, musste mich allerdings dazu zwingen, mich nicht bemerkbar zu machen, hoffte aber dennoch, dass du irgendwie meine Anwesenheit wahrgenommen hattest. Ich wollte eben diese Diskussion vermeiden, darum bin ich verschwunden und nicht zurückgekehrt. Früher habe ich uns wenn immer möglich von meinen Freunden ferngehalten, weil ich wusste, dass du mich als Einziger wirklich gesehen hast. Du hast hinter die Rolle schauen können, die ich damals spielte und ich mochte es. Trotz der wenigen Worten, hatte ich schon damals das Gefühl dich besser zu kennen als irgendjemanden sonst – und ich weiss, dass es dir auch so ging. Ich kam mir heuchlerisch vor, wenn ich vor dir in meine Rolle schlüpfte.“

„Aber warum bist du nicht zurückgekehrt?“, fragte Dany.

„Meine Familie gab mir alles, nicht nur die finanziellen Dinge. Ich habe eine richtige und funktionierende Familie die mich liebt. Sie helfen mir und sind immer für mich da. Es gibt nur eine Sache, um die mich mein Vater je gebeten hat und ich kann sie ihm und meiner Familie nicht abschlagen. Sie haben einen Plan für mich.“, sagte Allegra und legte eine nachdenkliche Pause ein.

Sie fügte an: „Ich kann es ihnen nicht abschlagen, aber ich kann es auch nicht tun. Wieder kann ich dem Wunsch meiner Eltern nicht nachkommen. Es ist schon das letzte Mal passiert, als ich dich vor einiger Zeit aus der Ferne sah, gerade als ich mich dem Wunsch meiner Eltern beugen wollte. Ich reise seitdem in der Weltgeschichte umher, um mich vor einer Entscheidung zu drücken – zum Glück unterstützt mich meine Familie darin und hat derzeit noch Verständnis dafür. Ich war fest entschlossen, gestern zurück zu reisen und Levon Woldertau zu heiraten, wie meine Eltern es verlangen. Doch dann bist du wieder aufgetaucht. Sofort wusste ich wieder, warum ich mich davor drückte. Du erinnerst mich daran, dass es mehr gibt zwischen zwei Menschen, als ich es sonst aus meinem Leben kenne. Du kannst dir kaum meine Überraschung darüber vorstellen, denn ich kenne sehr, sehr vieles in diesem Universum. Dennoch bist nur du mir auf diese Weise aufgefallen – in all diesen Reisen und an all diesen unglaublichen Plätzen.“

„Aber dann ist es doch einfach.“, sagte Dany leise und schüchtern.

„Das ist es eben nicht. Es ist alles andere als das, und das auf so vielen Ebenen.“, sagte Allegra und stützte ihren Kopf mit der Hand ab.

Dany sagte betrübt: „Es gibt bestimmt viele wichtige Faktoren zu bedenken in Kreisen wie den euren, die ich mir nicht einmal vorstellen kann, und ich muss es auch nicht wissen. Ich verstehe – wenn auch nicht aus persönlicher Erfahrung – die Loyalität deiner Familie gegenüber und ihrem Wunsch. Dein Vater hatte bestimmt gute Gründe, um dich darum zu bitten. Vielleicht sollst du also dieses Leben führen, das sie für dich wollen. Wer weiss, vielleicht treffen wir uns wieder und ich kann eine Nebenrolle darin spielen.“

Allegra: „Ich kann dich nicht als Nebenrolle in meinem Leben haben – wie sollte ich das können? Als wir uns damals sahen, als ich mit meinen Eltern unterwegs war, kam ich mir wie ein dekadenter, elitärer Snob vor, der auf dich herabschaute – obwohl es absolut nicht das war, was ich wollte. Ich fühlte mich furchtbar deswegen und konnte mir nicht vorstellen, wie es dir dabei erging. Ich meinte es ernst, als ich sagte, dass du eine bessere Zukunft verdienst.“

 

 

Impressum

Texte: © Copyright by M.L. Hagmann

Covergestaltung: © Copyright by M.L. Hagmann

Alle Rechte vorbehalten.

www.mlhagmann.com 

writemlhagmann@gmail.com

 

Bildmaterialien: © Copyright by © Copyright by M.L. Hagmann

 

Alle Rechte vorbehalten.


© M.L. Hagmann


Newsletter für Neuerscheinungen, bitte hier Adresse eintragen: