2025 Der letzte Milliardär


Im Jahr 2025 stammt nahezu jedes Nahrungsmittel aus einem der FoodTowers von Jesaja Luvis.

Nur diesem exzentrischen, aber auch genialen jungen Mann gelingt es, Pflanzen anzubauen, die nicht toxisch kontaminiert sind.

Obschon er alles hat, was man sich wünschen kann, reisst ihn ein Schicksalsschlag aus seinem gewohnten Leben und zwingt ihn, seine Tätigkeit zu hinterfragen. Er macht sich auf die Suche nach den wahren Ursachen der Umweltkatastrophe.

 

Seine ungeheuren Erkenntnisse bringen ein sehr viel tiefer liegendes Problem zum Vorschein, dessen Lösung das Leben eines jeden Menschen auf dem Planeten von Grund auf verändern könnte.

 

 

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Leseprobe

Erstes Kapitel: Eine beinahe verlorene Ablenkung

Das Jahr 2017

 

Ayleen Luvis hatte einen Hang zum Luxus. Ihre letzte Geschäftsreise führte sie auf die Azoren Inseln, anschliessend nach Portugal und dann wieder zurück zum Flughafen Altenrhein. Aufgrund drohender Terminkollisionen war die Reise mit einem Linienflug nicht machbar, also charterte sie kurzerhand einen Privatjet für sich alleine. Zurück in der Schweiz, brachte sie ein Chauffeur in einer Mercedes Benz S-Klasse zum Schloss Girsberg. Das Anwesen diente ihr nicht nur als Residenz, es beheimatete auch die Büros ihrer erfolgreichen Firma.

 

Um sich ein Bild vom Innenleben dieser vermögenden Frau zu machen, reichte nur ein Blick auf ihren luxuriösen Lebensstil auf keinen Fall aus.

Ayleen kam als mittellose Ausländerin in die Schweiz. Damals hatte Geld für sie kaum eine Bedeutung, schliesslich hatte sie eine verstörende Erfahrung, aber gleichzeitig auch so etwas wie ein Wunder miterlebt. Dieses Erlebnis zu verarbeiten, steuerte damals - vor 17 Jahren - ihr gesamtes Leben. Sie brauchte Antworten und war bereit, alles dafür zu geben. 

In der Schweiz zeigte sich das Leben von seiner realistischen Seite und Ayleen bemerkte, dass Geld für ihre Suche nach Antworten unumgänglich war. 

Als sie vor 13 Jahren ihren Geschäftspartner Dionys Basol traf, nutzte sie ihren Elan, um seine Vision für das Transportsystem der Zukunft, Wirklichkeit werden zu lassen. Zu zweit gründeten sie den Zeppelin-Hersteller Move. Ihr Unterfangen war lange Zeit erfolglos geblieben und zwang Ayleen deshalb, ihre ganze Energie in die Firma zu stecken. Mit den Jahren wurden ihre Anstrengungen belohnt und Ayleen entdeckte ihr Begehren nach Luxusprodukten. Da ihre Suche nach Antworten weit schleppender voranschritt als der Erfolg ihrer Firma, gab sie ihrem Begehren nach. Ihr Leben wurde in materieller Hinsicht bereichert und Ayleen freute sich, mit ihrem aktiven Tun wenigstens diese Leidenschaft stillen zu können. So war es für sie einfacher, bei den wesentlichen Fragen ihres Lebens, die Geduld zu bewahren.

Chauffeur: „Mögen Sie Ihre fabrikneue Firmenlimousine? Das Hot Stone-Massageprogramm der Rücksitze soll überaus wohltuend sein.“

Ayleen: „Ausgesprochen wohltuend. Dieses Fahrzeug war eine gute Wahl meinerseits. Doch bedauerlicherweise kann ich mein iPad nicht aufladen, obschon ich jede Menge zu tun hätte.“

 

Chauffeur: „Bitte entschuldigen Sie, das Ladekabel wird so bald wie möglich nachgerüstet. Ich habe bereits einen Termin mit der Werkstatt vereinbart.“

Ayleen: „Dann fahren Sie eben etwas schneller. Ich muss wieder an die Arbeit.“

 

Die Beschleunigung des Fahrzeugs drückte Ayleen behutsam in ihren Sitz. Amüsiert über ihre neueste Errungenschaft, liess sie ihren Blick aus dem Fenster schweifen. Die sommerliche Sonne beleuchtete die Szenerie bis ins letzte Detail. Vielleicht hatte es mit der Helligkeit des schönen Wetters zu tun, denn auf einmal nahm sie ihre Lebenssituation bewusst wahr. Ihr Leben hatte in vielerlei Hinsicht, ihre Vorstellung davon, weit übertroffen. Sie konnte sich praktisch alles leisten, was sie sich wünschte und auch die Zukunft sah vielversprechend aus. Zumindest in materieller Hinsicht, denn Move hatte zahlreiche Aufträge ergattern können.

Das erste Mal in ihrem Leben empfand sie so etwas wie Zufriedenheit. Dieser Zustand war allerdings nur von kurzer Dauer. Sie durfte sich nicht eingestehen, angekommen zu sein. Damit würde sie eine Aufgabe, eine Ablenkung verlieren. Ohne Ablenkung wusste sie nicht, ob sie ihre lebensnotwendige Geduld behalten würde, für die Suche nach den wirklich essentiellen Antworten ihres Lebens.

 

Der Wagen bog von der Strasse ab und fuhr nun im Schritttempo der Auffahrt zum Schloss Girsberg entlang. Der Firmensitz des Zeppelin-Herstellers Move, diente in der Vergangenheit bereits Graf Ferdinand von Zeppelin als Wohnsitz. 

 

Ayleen betrachtete den Strichcode auf dem Firmenschild, der gleichzeitig als Logo für das Move-Unternehmen diente. Dies riss sie aus ihren Gedanken und holte sie zurück in den Alltag. Sie befanden sich mit der Auslieferung der ersten Zeppeline in Verzug. Dennoch schaufelte Dionys bei einem ihrer Zulieferer in Portugal Kapazitäten frei, damit dieser dort Wasserrückgewinnungs-Systeme für eine andere Firma bauen konnte, anstatt ganz für Move zu produzieren. Sie verstand Dionys verhängnisvolle Entscheidung in keiner Weise. Darum legte sie sich die Worte zurecht, um ihn zur Rede stellen zu können. Zudem gab es da noch immer dieses Problem mit der Seilwinde, einem zentralen Bauteil für das Hochziehen eines Containers zum Zeppelin. Ihre Konstruktion versagte dabei, wie sie vor Ort auf São Miguel, der Hauptinsel der Azoren, feststellen musste.

Der Gedankenwechsel kam ihr ganz recht und sie realisierte, dass die Ablenkung durch Arbeit noch immer funktionierte - zumindest jetzt noch.

Ayleen betrachtete das Schloss am Ende der Auffahrt. Der Nordflügel war noch immer eingerüstet, die Südseite zeigte zum ersten Mal die Früchte der umfangreichen Restauration. Das spitze Dach mit einem kleinen Turm darauf krönte das sonst eher schlichte Schloss mit seinen zwei Stockwerken und einer breite von sieben Fenstern.

Der Chauffeur lenkte die Limousine um eine runde Blumenrabatte und stoppte direkt vor dem Eingang des Schlosses.

 

Dionys Basol erbte das heruntergekommene Anwesen vor 13 Jahren von seinem Vater. Das  idyllische, historische Schloss auf dem Land, umrahmt von einem kleinen Waldstück, vermittelte Ayleen jedes Mal aufs Neue das beruhigende Gefühl einer beständigen, heilen Welt. Zum Anwesen gehörten neben dem Schloss drei weitere Häuser, die sich auf der linken Seite der Auffahrt befanden. Die grosse Scheune auf der anderen Seite der Auffahrt, nutzen Mitglieder der Geschäftsleitung als überdachte Garage. 

Obschon die Anlage vornehm aussah, wirkte sie weder protzig noch einschüchternd. Trotz des überschaubaren Grundstücks gab es hier genügend Platz für mehr als 50 Mitarbeiter, die sich mit der Konstruktion und Planung der Luftschiffe beschäftigten. Bei Zulieferbetrieben in fünf verschiedenen Ländern arbeiteten hunderte weiterer Menschen an den Aufträgen von Move.

 

Neues Kapitel: Zuhause im Schloss

 

Zögerlich und etwas unbeholfen wirkend öffnete Ayleen die Autotür - es machte den Anschein als sei sie es sich gewohnt, dass jemand dies für sie erledigte, oder sie wollte einfach so wirken. Der Chauffeur, auf den sie nicht warten wollte, eilte sogleich herbei und wartete nun hilfsbereit an der Tür. Ayleen ignorierte ihn, beschäftigten sie im Moment doch eher die grellen Sonnenstrahlen, die ihre hellblauen Augen blendeten. Was zuvor die getönten Autoscheiben taten, musste nun eine grosse Sonnenbrille erledigen. In aller Ruhe nahm sie die Brille vom Kopf und setzte sie sich auf. Ganz selbstverständlich griff sie nach der Hand des Chauffeurs und stieg aus. Ein Luftzug erfasste ihre langen, blonden, hochwertig gebleichten und aufwendig zurechtgemachten Haare, während sie zur Treppe schritt. Sie trug ein dünnes, hellbraunes Sommerkleid aus sichtbar wertigem Gewebe, dazu ein Tuch um die Schultern und trotz der sommerlichen 24 Grad, Handschuhe, die bis zu ihren Oberarmen reichten. Ihre zierliche Figur liess vermuten, dass sie meist fror, daher wirkte ihre Kleidung ganz angemessen. Sie mochte erdige Farben und schlichte Formen, zudem wollte sie an Arbeitstagen stets korrekt gekleidet erscheinen. Unverkennbar blieb der Eindruck, dass sie über Stil und Geld verfügte, was durchaus auch beabsichtigt war. Sie hatte die Vierzig schon überschritten, ein Umstand, den sie hin und wieder ungeschehen machen liess - im Grossen und Ganzen sah sie weder jung noch alt aus, sondern schön und alterslos.

Ihre blasse Haut war nur unterhalb der Knie und im Gesicht zu sehen. Da die grosse Sonnenbrille ihre Augen verdeckte, wirkte sie fast etwas ausserirdisch. 

Sie stieg die wenigen Stufen zur Eingangstür hoch, wo sich die beiden Türflügel wie durch Geisterhand öffneten und betrat den Empfangsbereich. Schwarzweiss-Fotos erzählten die Geschichte der Zeppeline von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, in ihren guten und schlechten Tagen.

Handwerker erledigten letzte Arbeiten, doch schon jetzt erkannte Ayleen, dass dieses Schloss bald die ambitionierte Aufgabe widerspiegeln würde, die Move sich vorgenommen hatte: Die Versorgung der Welt durch ihr innovatives Transportmittel. Sie achtete nicht weiter auf die Handwerker, sondern ging gleich weiter zum Empfang, wo ihre Assistentin Tanja bereits auf sie wartete.

Ayleen: „Tanja, hast du meinen Sohn gesehen?“

Tanja: „Heute ist er noch nicht aufgetaucht.“

Ayleen: „Ist Dionys inzwischen endlich zurück?“

Tanja: „Herr Basol hat angekündigt, am späteren Nachmittag vorbeizuschauen. Gleich nach dem Mittagessen mit seiner Frau.“

Ayleen: „Ich will sofort mit ihm sprechen wenn er hier ankommt.“

Tanja: „Selbstverständlich.“

Ayleen: „Gut. Bitte lass mein Mittagessen auf der Terrasse servieren und komm in etwa 15 Minuten nach.“

 

Tanja erschien rechtzeitig auf der überdachten Terrasse. Ayleen hatte zu Ende gegessen und schaute sich gerade einen TV-Bericht auf ihrem iPad an.

Tanja: „Dieses neue Material Quantrinium ist wirklich ein Gottesgeschenk. Hast du es mitbekommen? Letzte Woche hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung von Quantrinium sogar in der Nahrungsmittelindustrie zulässt. Es ist also wirklich unbedenklich. Warum verwenden wir es eigentlich bei den Zeppelinen noch immer nicht?“

Ayleen: „Wir richten uns nach den Kundenwünschen. Dem Kunden sind die Vorteile von Quantrinium egal, also bauen wir die Zeppeline mit klassischen Materialen. Natürlich existieren auf Plänen bereits Bauteile, die Quantrinium enthalten. Einige Prototypen funktionieren auch schon sehr zufriedenstellend - doch bis jetzt brauchen wir es für die Serie nicht. Keine Sorge, wir sind für die Zukunft auf jeden Fall gerüstet.“

In Wahrheit verstand Ayleen selbst nicht genau, warum Move die grösste Entdeckung des Jahrtausends ignorierte. Das von der EU und den USA entwickelte Quantrinium würde ohne Zweifel in Zukunft für ihre Zeit bezeichnend sein, wie Eisen, Bronze und auch Plastik in der Vergangenheit. Kaum ein Werkstoff liess sich so vielseitig nutzen und löste gleichzeitig so viele Probleme wie Quantrinium. Dies war jetzt schon absehbar, obschon die Erforschung des jungen Elements erst in seinen Kinderschuhen steckte. Konventionelle Werkstoffe liessen sich damit strecken und mit den gewünschten Eigenschaften versehen. Mit Öl angereichert liess es sich gleichzeitig als Kraftstoff verwenden und es vollbrachte wahre Wunder in der Medizin. Ohne Zweifel entschärfte es die Ressourcenknappheit und ebnete somit den Weg in eine umweltfreundliche Zukunft.

Und nun wurde es auch noch als Nahrungsmittelzusatz zugelassen. 

Kein fabrizierendes Unternehmen konnte es sich leisten, nicht in die Quantrinium-Forschung zu investieren. Die erzielten Fortschritte waren zu gewaltig, um sie der Konkurrenz zu überlassen. Nur Dionys vertrat die Ansicht, das Move darauf verzichten könne - und Ayleens Sohn. Der Einzug von Quantrinium in die Lebensmittelindustrie verunsicherte Ayleen zutiefst.

Die Welt hatte nicht auf die Move-Zeppeline gewartet, das hatte die Vergangenheit eindrücklich gezeigt. Doch dann ergab sich eine Chance. Eine Gruppe von Financiers erkannte eine bedrohliche Knappheit bei den Lebensmitteln für die wachsende Bevölkerung der Zukunft und investierte in Aquakulturen, die Algen züchteten. Für die Verteilung dieser Lebensmittel überzeugten die Move-Zeppeline und sie erhielten ihren ersten Grossauftrag. Move lebte von diesem gewaltigen Auftrag und den Folgeaufträgen. Die Fortschritte in der klassischen Nahrungsmittelindustrie, welche Quantrinium nun verwenden durfte, drohten die Algen in Zukunft überflüssig zu machen.

 

Ayleen trank genüsslich einen Schluck frisch zubereiteter Zitronen-Limonade und sagte darauf hin zu Tanja: „Mir ist es unheimlich, dass in Zukunft das gleiche Material in meinem Essen sein soll, wie im Tank meines Autos. Bei aller Ehrfurcht vor Quantrinium, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen die Verunreinigung ihres Essens zulassen werden.“

Tanja: „Ich glaube, dass die Regierung das bestimmt gewissenhaft geprüft hat. Nicht nur die Schweiz hat so entschieden, sondern die meisten Länder auf der ganzen Welt! Denk nur an all die Studien, die sie für ihre Entscheidung hinzugezogen haben. Oder denk an diesen renommierten Wissenschaftler, der nachweislich herausfand, dass vielfach Toxine für Krankheiten verantwortlich sind, die trotz Konservierungsmitteln noch während des Haltbarkeitsdatums bei vielen Lebensmitteln entstehen. Lebensmittel könnten in Zukunft nun mit Quantrinium angereichert werden, sodass sie zerfallen bevor die Lebensmittel gesundheitsgefährdend werden. Das ist doch grossartig!“

Ayleen: „Ach, diese Studien. Ich wette, früher ergaben die meisten Studien, dass die Erde eine Scheibe sein muss. Aber genug davon. Was ist während meiner Abwesenheit hier passiert?“

Tanja: „Nicht viel... Die Renovation schreitet gut voran, in zehn Wochen sollte alles abgeschlossen sein.“

Ayleen: „Wieso geht das noch so lange? Es sollte doch nicht mehr länger als drei Wochen dauern!“

Tanja: „In drei Wochen sind auch alle Häuser fertig, ausser die Scheune. Der Ausbau des Kellers ist schliesslich eben erst angeordnet worden.“

Ayleen: „Ich versteh nicht, wer hat das angeordnet und wozu?“

Tanja: „Ich dachte du warst das. Jemand hat die Mehrkosten von 23 Millionen Franken bewilligt. Da Herr Basol seit drei Wochen weg ist, dachte ich, du warst das.“

Ayleen sagte verärgert: „Das habe ich sicher nicht getan! Zudem ist das viel zu teuer für den Ausbau eines Kellers! Dionys treibt mich noch in den Wahnsinn!“

Ayleen stand auf, ging zum Terrassengeländer und richtete ihren Blick auf den Park und das kleine Waldstück dahinter, um sich wieder abzuregen. Sie erkannte eine gewisse Ironie darin, vor weniger als einer Stunde noch geglaubt zu haben, an dem Punkt in ihrem Leben angekommen zu sein, wo sie immer hinwollte. Ein Mittagessen reichte aus, sie das Gegenteil fürchten zu lassen.

Ihr Ärger verflog, als sie am Waldrand ihren Sohn entdeckte. Sofort zeichnete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ab.

Besorgt und verstört starrte Tanja auf den leeren Teller. Dann sagte sie: „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht verärgern. Ich...“

Ayleen: „Schon gut. Es ist nicht deine Schuld. Mach dir keine Gedanken.“

Tanja stand auf und ging rüber zu Ayleen. Da erkannte auch sie Ayleens Sohn.

Tanja: „Soll ich schnell etwas zu Essen holen für Jesaja?“

Ayleen: „Nein, nicht nötig. Er isst nicht zu Mittag. Er isst auch nicht unser Essen. Er ist, nun ja, etwas heikel. Aber das habe ich dir schon oft genug gesagt.“

Fürsorglich sagte Tanja: „Vielleicht würde es ihm gut tun, wenn er mit dem Team essen würde. Er ist praktisch immer alleine in der Natur und spricht mit niemandem. In seinem Alter muss er doch auch an die Zukunft denken.“

„Wenn er sich entscheidet, in unserer Welt zu leben, wird er das auch tun. Dann wird jeder seinen Namen kennen. Doch dafür braucht er weder meine noch deine Hilfe. Jetzt lass mich bitte allein.“, sagte Ayleen freundlich, jedoch sehr bestimmt, woraufhin Tanja umgehend an ihren Schreibtisch zurückkehrte.

 

Ayleen konnte ihren Sohn nicht mehr sehen, also stieg sie barfuss die Stufen von der Terrasse hinunter zum Park. Sie ging langsam auf das Waldstück hinter dem Schloss zu und erkannte bald Jesaja, der auf dem Bauch lag und etwas beobachtete. Er hatte sie wohl noch nicht bemerkt.

Sie stand etwa 50 Meter von Jesaja entfernt, als sie gerade seinen Namen rufen wollte, da drehte er sich plötzlich auf den Rücken und sah Ayleen an.

Sie hatte nicht gewusst, dass er schon aus dieser Entfernung Notiz von ihr nehmen konnte. Er stand auf und ging mit gesenktem Haupt auf Ayleen zu. Eine nicht sichtbare, aber trotzdem präsente Schicht umgab ihn, die gross und prachtvoll um ihn herum wirkte, während sein Körper eher schlank und schmal aussah - ein Gegensatz den Ayleen immer wieder aufs Neue irritierte.

Jesaja, mit 17 Jahren ein Jugendlicher, besass noch immer klar erkennbare kindliche Merkmale. Er hatte braun schimmernde, gewellte Haare, die seine Stirn verdeckten. Im gedämpften Licht des Waldes sahen sie fast schwarz aus und umrahmten wild sein weiches Gesicht. Wenn man genau hinschaute, zeichnete sich dezent ein Lächeln auf seinem puppenhaften Gesicht ab. Mit seiner rechten Hand schien er ein Orchester zu dirigieren und sein weisses T-Shirt zeigte Dreckspuren des Waldbodens. Er umarmte Ayleen und drückte sie dabei kurz an sich, wodurch sich die Dreckspuren zum Teil auf ihr Kleid übertrugen. Dies kümmerte sie nicht, denn gleich darauf sah er ihr in die Augen und lächelte sie an, was sie alles vergessen liess und ihr erlaubte, im Moment zu leben.

Sie schaute in seine unschuldigen türkisfarbigen Augen, die dunkelblau umrandet waren. Sein Blick war starr, durchdringend und doch gütig - sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er durch seine Augen mehr sah, als sie es tat.

Ayleen überreichte ihm ein Briefchen mit dem Saatgut der Azorenglockenblume, die Jesaja mit neutralem Gesichtsausdruck eindringlich begutachtete. Sie hatte ihm schon die teuersten Geschenke mitgebracht, doch immer hatte er sie liegen lassen. Inzwischen wusste sie genau, was ihn faszinierte - also brachte sie genau dieses Geschenk mit. Er kletterte mit dem Briefchen in Windeseile auf einen nahen Baum, um kurz darauf ohne das Briefchen wieder neben Ayleen zu stehen.

Früher fürchtete sie sich, dass er sich bei seinem gewagten und unkonventionellen Klettern verletzen könnte, doch bis heute war nie etwas passiert, so sah sie die Sache inzwischen etwas gelassener.

Er griff ihre Hand und ging mit ihr einige Schritte auf der Wiese, die zum Garten des Schlosses gehörte. Dabei machte er ganz kleine Schritte und führte gleichzeitig Ayleen an der Hand. Seine Schritte wirkten bedacht und sorgfältig gewählt, doch er agierte gelassen und mit einer inneren Ruhe, um die ihn Ayleen beneidete. Gelegentlich knickte Ayleen auf der unebenen Wiese leicht ein, woraufhin Jesaja sie umgehend stützte und dies, wie vorhergesehen, in die Ruhe seiner Bewegungen mit einbaute, die auf Ayleen fast wie ein Tanz wirkten.

Als sie wieder am Waldrand standen, wo sie ihre Wanderung begonnen hatten, liess Jesaja ihre Hand los. Ein Luftzug strich durch die Blätter der Bäume und Jesajas Aufmerksamkeit richtete sich auf die Natur. Ayleen wünschte sich, hören zu können was er hörte, doch Jesaja machte keine Anstalten etwas zu erklären. Für gewöhnlich sprach er sowieso nicht. 

Ayleen zeigte ihre mütterliche Seite und sagte: „Komm mit, du solltest ein neues T-Shirt anziehen. Das hier ist ganz schmutzig.“

Jesaja schaute auf ihren Finger, der auf sein T-Shirt zeigte. Er folgte der aufgezeigten Linie zu seinem T-Shirt und betrachtete es kurz während er den Fleck mit seinem Finger berührte. Er reagierte, als ob es ihn nichts anginge, dann wandte er seinen Blick dem Wald zu.

Mit liebevoller Stimme sagte Ayleen: „Komm.“, und griff nach seiner Hand. Jesaja folgte ihr eben, allerdings völlig teilnahmslos.

Über die Terrasse gelangten sie direkt in die zweite Etage des Schlosses. Dionys hatte sich hier, auf einem Drittel des Stockwerks, eine kleine Wohnung eingerichtet, in der sich Ayleen ganz selbstverständlich bewegte. Sie ging sogar in die Küche und verschaffte sich einen kurzen Überblick über seine Post, während Jesaja geduldig auf sie wartete. Es ging nicht lange, da bemerkte sie den von Dionys unterzeichneten Bauvertrag, den Ausbau des Kellers betreffend. Sie warf kurz einen Blick auf die angehefteten Pläne und spürte förmlich, wie ihre Wut auf Dionys wieder hoch stieg.

Sie nahm Jesaja bei der Hand und ging mit ihm über eine Wendeltreppe ins Erdgeschoss. Das grosse Zimmer diente ursprünglich als Ballsaal, doch inzwischen durfte sich Jesaja hier ausbreiten. Dionys‘ Wohnung und Jesajas Zimmer stellten die einzigen, privat genutzten Räume des Schlosses dar; der Rest der Fläche diente ausschliesslich als Büro für die leitenden Mitarbeiter von Move.

Ayleen ging direkt weiter zum Schrank, um Jesaja ein neues Shirt herauszusuchen. Jesajas Aufmerksamkeit galt währenddessen einem Gemälde, das auf einer der zahlreichen Staffeleien stand. 

Mit dem neuen T-Shirt in der Hand stiess Ayleen an eine herumliegende Gitarre. Das Scheppern liess sie zusammenzucken. Jesaja vollendete unbeeindruckt noch einen Strich auf der Leinwand und sah dann in aller Ruhe zu Ayleen hinüber.

„Du solltest die Instrumente nach dem Gebrauch wieder zurückstellen.“, sagte Ayleen und begann damit, das chaotisch wirkende Zimmer aufzuräumen. In der Zwischenzeit zog Jesaja sein T-Shirt aus und faltete es zu einem Quadrat. Der Fleck, der sich zuvor auf seiner Brust befand, bildete die obere Seite des Quadrats. 

Als Ayleen sich umdrehte, war von Jesaja nichts mehr zu sehen. Sie betrachtete das gefaltete T-Shirt auf dem Tisch und bemerkte im Spiegel, dass jene Form, die der Dreck bildete, auch auf ihrem Kleid zu sehen war. Sie ging zum Fenster und sah, wie Jesaja gerade in den Teich sprang. Ihr Blick schweifte über das Anwesen und plötzlich sah sie die Wiese, auf der sie zuvor den Spaziertanz gemacht hatten. Ihre Schritte hatten die hohen Halme umgelegt und dabei ein Muster gezeichnet. Das Muster ähnelte dem Fleck auf Jesajas T-Shirt. Plötzlich erinnerte sie sich an das Problem mit der Seilwinde des Zeppelins.

Sie griff zum Zeichnungsblock auf Jesajas Schreibtisch und skizzierte eine Lösung auf. Sie blätterte dreimal um, bis sie alle Ideen verbessert aufgezeichnet hatte. Dann, beim vierten Umblättern sah sie es. Jesaja hatte die Lösung ihres Problems bereits skizziert. Das Muster auf der Wiese und der Abdruck auf dem T-Shirt hatten eigentlich bereits alles erklärt. Ayleen brauchte einige Skizzen anzufertigen, um sich der genial einfachen Lösung von Jesaja zu nähern und erkannte erst jetzt, dass Jesaja bereits alles aufs erste Mal gelöst hatte. Und das, obwohl sie Jesaja nicht einmal vom Problem mit der Seilwinde erzählt hatte!

Wieder einmal hatte er ein konstruktives Problem für sie gelöst, und das ohne jemals auch nur die Grundschule besucht zu haben. Er hatte bereits ihre Ankunft erwartetet ohne zu wissen, wann sie zurück kommen würde. Er hatte den Boden so präpariert, dass sich eben jenes Bild auf seinem Shirt abbilden und auch auf Ayleen übertragen würde, er hatte ihre Ideen vorausgesehen und sogar die Anzahl Seiten auf dem Zeichnungsblock abgeschätzt, die sie zum skizzieren ihrer Idee brauchen würde, um ihr dann seine Lösung zu präsentieren. Es konnte kein Zufall sein. Oder doch? Eine Gänsehaut überkam sie...

 

Impressum

Texte: © Copyright by M.L. Hagmann

Covergestaltung: © Copyright by M.L. Hagmann

Alle Rechte vorbehalten.

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Bildmaterialien: © Copyright by © Copyright by M.L. Hagmann

 

 

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